„Los rincones de la memoria“: Die spanische Künstlerin Gloria del Mazo erinnert sich in der Bremer Stadtbibliothek

Alles ganz zart und ansprechend

Von Johannes BruggaierBREMEN · Die Literarische Woche hat noch nicht begonnen, da wird auch schon deutlich, wie gewagt ihr Thema ist.

Es geht um das Erinnern und Vergessen, um diese seltsame Fähigkeit des Menschen, Vergangenes neu zu beleben oder auch bewusst ein für allemal zu eliminieren. Weil das alles viel mit Bildern zu tun hat, wurde bereits im Vorfeld eine Ausstellung eröffnet. „Los rincones de la memoria“ lautet ihr Titel, zu sehen sind im Wall-Saal der Bremer Stadtbibliothek Werke der spanisch-bremischen Künstlerin Gloria del Mazo – eigentlich aber Gemälde alter Meister, Frauenporträts der Renaissance. Lukas Cranach der Ältere ist beispielsweise vertreten: ein verfremdetes Frauenporträt aus dem Jahr 1526, bildhaft neu „erinnert“. Und genau darin besteht das Problem. Was nämlich ist das eigentlich: Erinnerung?

Es ist erleben und wissen. Es ist zugleich aber auch denken. Und es ist die Differenz zwischen zwei verschiedenen Zeiten: der gegenwärtigen und der vergangenen. Del Mazo aktiviert das kunsthistorische Wissen, ohne dass ihm ein subjektives Erleben eingeschrieben wäre. Was sichtbar wird, ist lediglich ein Code, das Porträt als historisches Symbol. Der ausladende Hut dient als Ausweis eines gehobenen Standes, der verschämte Blick gen Boden als Zeichen keuscher Gesinnung. In ein tiefes Blau ist die Szene getaucht, goldene Linien deuten Wellenbewegungen an, lassen an die große Zeit der Seefahrt denken, an die Epoche der Entdecker und Eroberer. Das alles ist aber weniger Erinnerung als bloßes Wissen. Und weil die an sich komplexe Struktur des Erinnerungsprozesses auf eine Facette reduziert erscheint, besteht Kitschgefahr. Verstärkt wird dieser Effekt durch die angedeutete Auflösung von Konturen – laut Begleittext als „Altersspuren“ zu verstehen. Tatsächlich unterstreichen sie allenfalls den illustrierenden Charakter.

Das gilt insbesondere für die ganz und gar ironiefreie Stilisierung einer unbekannten Schönen zur dekorativen Caféhaus-Ikone. Ganz zart heben sich ihre Konturen von der weißgelblichen Fläche ab. Als habe sie gerade ein Zuruf überrascht, blickt sie rücklings über ihre rechte Schulter – natürlich ganz anmutig und erhaben, wie es sich für eine Dame von Welt gehört. Fatal wirkt sich ein darunter befindlicher bordürenhafter Sockel aus, auf welchem zu allem Überfluss allerlei Gewächs mit hübschen Blüten rankt. Es könnte sich bei all dem um ein biederes Tapetenmuster handeln, wären die wohlgefälligen Elemente nicht allzu dick aufgetragen.

Erinnerung, so könnte eine Erkenntnis lauten, ist also nicht allein in ihrem Mechanismus komplex, sondern auch in ihrem Ergebnis. Je nach individueller Ausprägung kann sich die nüchterne Analyse zeigen oder eben: die nostalgische Schwärmerei.

Bis 19. Februar im Wall-Saal der Bremer Stadtbibliothek.

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