„AltArmArbeitslos“: Am Theater Bremen verkünden Arbeitssuchende die Lösung aller Probleme

Alles ganz einfach

Da tanzen sie noch: Die Bremer Stadtmusikanten bei der Büroarbeit. ·
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Da tanzen sie noch: Die Bremer Stadtmusikanten bei der Büroarbeit. ·

Bremen - Von Johannes BruggaierFrüher, so heißt es in diesem Stück, da habe man sich aufs Alter gefreut. Darauf, in Rente zu gehen: „Mensch, was für ‘ne Zeit, dann kann ich richtig genießen!“ Heute dagegen, da „gruselt‘s dich nur“.

Was sich einer solchen Aussage entnehmen lässt, hängt von der Perspektive ab. Nach Jahrzehnten des Wirtschaftswachstums, in Zeiten eines nie dagewesenen Wohlstands über alle Generationen hinweg, liegt die Provokation im Gruseln. Noch im Jahr 1889 dagegen, als die gesetzliche Rentenversicherung eingeführt wurde, wäre die Vorfreude auf „Genuss“ eine Anmaßung gewesen. Rentenzahlungen gab es damals erst ab 70, und wer die magische Grenze überhaupt erreichte, dem wären Urlaubsreisen oder Wellnessprogramme als Allerletztes in den Sinn gekommen.

Alles ist eben relativ, so auch die Begriffe „Alt“, „Arm“ und „Arbeitslos“, unter denen Regisseur Volker Lösch jetzt am Theater Bremen ein politisches Statement abgibt. Es handelt sich um eine moderne Abwandlung der „Bremer Stadtmusikanten“, und wie im Märchen auch sind die Rollen von Gut und Böse klar verteilt.

Gut sind die Erwerbslosen der Generation „50 plus“: aussortiert, abgeschoben, chancenlos. Auf der Bühne tragen sie weiße Tiermasken: fünf Esel, fünf Hunde, fünf Katzen, fünf Hähne. Am Anfang ist für sie die Welt noch in Ordnung, in einem Großraumbüro mit Schreibtischen und Grünpflanzen, Aktenordnern und Computerbildschirmen (Bühne: Carola Reuther). Zu barocker Musik wälzen sie beschwingt Akten, tippen sie auf Telefonen und werfen zwischendurch mit Papierkugeln. Dann fällt für sie buchstäblich der Vorhang, und statt im lichtdurchfluteten Büro Akten zu sortieren, finden sich die entlassenen Arbeiter vor einer schwarzen Wand wieder.

Hier berichten sie nun im Chor von ihrem Schicksal: von der plötzlichen Kündigung, von dem anschließenden Bewerbungsmarathon und von der psychischen Belastung. Es sind Geschichten aus dem wahren Leben, das Ensemble besteht – wie immer bei Lösch – überwiegend aus Betroffenen. Was einerseits bedeutet, dass 14 Laienschauspieler auf der Bühne stehen. Was andererseits aber auch die sechs Mitglieder des Bremer Ensembles einschließt.

Eva Gosciejewicz zum Beispiel wird sich von der kommenden Spielzeit an ein neues Engagement suchen müssen, aussortiert vom künftigen Intendanten Michael Börgerding. Das sind seit jeher die Spielregeln des Geschäfts, in Löschs Produktion aber offenbar Grund genug, der Schauspielerin eine Kostprobe ihres Könnens zu gewähren. So gibt Gosciejewicz in der Hoffnung auf einen neuen Arbeitgeber im Publikum einen „Medea“-Monolog: auf dass wir die verweigerte Vertragsverlängerung als Skandalon interpretieren.

Andere Erwerbsbiografien muten da tragischer an. Von betriebsbedingten Kündigungen nach Unternehmensveräußerungen ist die Rede, von Mobbing durch junge Kollegen und von vergeblichen Bemühungen um eine berufliche Zukunft. Allein: Es bleibt die Version der Betroffenen, eine subjektive Wahrheit also und damit eine Behauptung. Kein Hauch von etwaigem Eigenverschulden trübt diese Sicht, kein Anlass zur Selbstkritik, keine Einwürfe von Jobberatern oder Ex-Arbeitgebern: das Gute in seiner reinsten Form.

Als Gegenentwurf zu dieser subjektiven Wahrheit wird nichts weiter zugelassen als eine Karikatur: zwei schwangere Ursula von der Leyens in hellblauen Kostümen, affektiert bis affig parodiert von Johanna Geißler und Philipp Michael Börner. Mit dümmlichen Politiker-Phrasen reden sie den „Best Agern“ ein, sie seien eigentlich die wahren „Gewinner am Arbeitsmarkt“. Doch dann reißt sich die doppelte Ministerin selbst die Kleider vom Leib und bekennt, wie raffiniert sie doch die Arbeitsmarktzahlen manipuliert habe.

Das sind sie also, die Bösen in diesem Märchen: „die da oben“, die mit denen da unten machen, was sie wollen. Auf diese populäre Plattitüde lassen sich selbst die komplexesten Probleme bringen, wenn man Theater nicht als Ort des Konflikts begreift, sondern als Protestplattform. Oder als Wahlplakat für die Linkspartei. Demographischer Wandel und Generationengerechtigkeit, Globalisierung und Arbeitsmarktpolitik: Bei Lösch ist das alles ganz einfach. „Weg mit Hartz IV“ zum Beispiel, dann wird alles besser. Und wenn schon bis 67 arbeiten, dann bitte mit vollen Rentenbezügen – woher das Geld dafür auch kommen mag. Von Gabelstaplerinnen jedenfalls nicht, denn dieser Job ist angeblich nicht zumutbar, wenn man lieber Sekretärin geworden wäre.

Am Ende wird den arbeitslosen Stadtmusikanten Einblick in ein modernes Großraumbüro gewährt. Wo einst Aktenordner standen, gähnen nun leere Regale, statt Grünpflanzen gibt es jetzt Laptops, und anstelle der bunten Schar von Angestellten früherer Tage zucken jetzt uniforme Gestalten zu schrillem Techno-Beat. Den Arbeitssuchenden erscheint dieser Alptraum wie eine Verheißung, wild klopfen sie an die Wand, um auch mitzucken zu dürfen. Doch die Jüngelchen im Büro haben für die da draußen nur Hohn und Spott übrig: Hässlich seien sie, die Alten. Ja, „vernichten“ müsse man sie. Zu befürchten steht, dass sich in diesen Parolen junge Arbeitnehmer wiedererkennen sollen.

Inwieweit sich ein so großartiger Text wie Heiner Müllers „Herakles 2 oder die Hydra“ zu einem chorisch vorgetragenen Schlusswort zu dieser Protestkultur eignet, bleibt offen. Vielleicht ist es ja einfach nur als Belohnung gedacht: fürs Durchhalten.

Weitere Vorstellungen: am 21., 24. und 26. Januar, jeweils um 19.30 Uhr im Bremer Theater.

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