„Räuber-Ratten-Schlacht“ versucht den großen Bogen

Alles aus den Fugen

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Natürlich dürfen auch Videoeinblendungen nicht in der Inszenierung fehlen.

Bremen - Von Jörg Worat. Natürlich sollten Theatermacher nicht immer auf den großen Publikumserfolg schielen, und natürlich sollten sie offen für das Experiment sein. Wenn sich jedoch in der letzten Hannover-Saison des scheidenden Schauspiel-Intendanten Lars-Ole Walburg eine Stimmung mit dem Tenor „Nach uns die Sintflut“ breitmacht, ist das von einer gewissen, nicht uneitlen Wurschtigkeit geprägt. Wie bei der jüngsten Premiere „Räuber-Ratten-Schlacht“ im Schauspielhaus einmal mehr zu beobachten war.

Der Titel sagt schon, was hier angesagt ist: ein großer Bogen zwischen Friedrich Schiller, Gerhart Hauptmann und Heiner Müller, mit dem sich zugleich ein Kreis schließt – Walburgs eigene Inszenierung von Müllers „Wolokolamsker Chaussee“ eröffnete vor zehn Jahren seine hannoversche Intendanz. Die drei Stücke haben durchaus etwas Gemeinsames: es geht um Familiäres, um Verrat, um deutsche Befindlichkeiten. Und Regisseur Alexander Eisenach weiß sie geschickt miteinander zu verquicken.

Allerdings gerät die Balance öfters aus den Fugen. Wenn auch wenig dagegen einzuwenden ist, Pathos als Pathos dar- und bloßzustellen, was hier andauernd geschieht, gewinnt die humorige Seite unangemessen Überhand, zumal sie nicht immer wirklich komisch ist. Klar trägt es amüsante Züge, wenn die Figuren zuweilen selbst nicht genau zu wissen scheinen, welches Stück sie gerade spielen, und ein Erzählstrang in Hauptmanns „Ratten“ handelt ja eben gerade vom Gehabe des blasierten Theaterdirektors Hassenreuter (wieder einmal ganz große Klasse: Henning Hartmann), was zu ironischen Spiegelungen des eigenen Genres einlädt. Dass aber beispielsweise ständig Rollen gegen das Geschlecht besetzt werden, ist weder originell noch auf Dauer tragfähig, und die Brückenschläge in die Jetztzeit mit der Erwähnung von Smoothies oder Lieferheld wirken bemüht. Etwas aufgesetzt auch die Musik, deren Retro-Charakter nicht unbedingt geplant wirkt – manchmal erinnert diese spezielle Dramatik an die hohe Zeit von „Jazz & Lyrik“.

Die ernsten Momente fehlen nicht, insbesondere in den Müller-Szenen, aber sie kommen deutlich zu kurz. Vor allem in einer viel zu langen Inszenierung: Da Eisenach sich offenbar so richtig austoben wollte, gerät schließlich die Vier-Stunden-Marke in Sichtweite. Was allerdings etliche Besucher nicht mehr erleben, haben sie sich doch in der Pause für den vorzeitigen Abgang entschieden. Schade, schade: Die Grundidee dieses Abends ist sehr spannend, aber bei der Umsetzung wäre doch erheblich mehr Disziplin vonnöten gewesen.

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