Alles fließt: Sibylle Springers weinende Männer

Sibylle Springer: „philosophieren“. Foto: Frank Scheffka
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Sibylle Springer: „philosophieren“. 

Bremen - Sie ist längst mehr als ein Geheimtipp: Die Bremer Kunsthalle hat ein Werk von Sibylle Springer in der Sammlung. Im Syker Vorwerk war die Künstlerin neulich in der Gruppenausstellung „Animal Turn“ vertreten. Und es ist auch nicht lange her, dass ihre „Serial Killers“ in der Weserburg zu sehen waren. Nun zeigt die Galerie K’ neue Arbeiten. Die Galerie vertritt die Künstlerin seit 2016, „Neue Lügen“ ist ihre dritte Einzelausstellung dort.

„Neue Lügen“, das bedeutet, dass es auch ältere Lügen gibt. Tatsächlich ist ja ein Kennzeichen der Kunst von Sibylle Springer das Spannungsverhältnis zwischen „Zeigen und Verbergen“, wie die Kuratorin Svea Kellner einmal formulierte. Lügen, das ist oft auch verbergen. Zuletzt war das zu Zeigende wie zu Verbergende bei Springer Gewalt. Grausame Szenen, bei alten Meistern, bei Männern entlehnt, nun verborgen, aber eben nie ganz. Das zwingt zum genauen Blick, zum Herantreten, zur Veränderung des Blickwinkels, weil der Lichteinfall die Texturen mal so, mal anders ausleuchtet.

Auch Springers neue Arbeiten funktionieren so. Aber Lügen? Eine der beiden Reihen, aus denen sich die aktuelle Ausstellung speist, zeigt weinende Männer, wie sie die Kunstgeschichte erst seit jüngerer Zeit kennt. Ausnahmen: Jesus Christus und Heraklit. Springer bringt nun in ihren Porträts die Herren (und eine Dame) reihenweise zum Heulen. Wobei ihre Tränen Eingriffe ins Material sind, dessen Strukturen verändern, Schäden sind. Spätestens die in „Neue Lügen“ ebenfalls ausgestellten Tränenfänger, kleine, apart verzierte Ampullen aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, die vor allem der Demonstration von Trauer dienten, machen die taktische Dimension des Tränenflusses deutlich. Die Vorlagen der Weinenden sind ordinäre Stock-Fotos, oft lizenzfreie Fotos aus dem globalen Bildergedächtnis, anonym, verfügbar. Als Gemälde gewinnen sie Glanz. Eine Lüge? Eine künstlerisch höchst produktive zumindest.

Zwei große Gemälde aus einer fünfteiligen Serie vervollständigen die Schau. Auch in ihnen sind ohne Weiteres wesentliche Springer-Charakteristika wiederzuerkennen. Allerdings: Statt um Gewalt geht es um Sex, statt von alten Meistern stammen die verborgen-verdeckten Motive aus dem 20. Jahrhundert. Dass sich Sex und Gewalt schlicht ausschlössen, wäre allerdings noch eine Lüge. Nur leider keine sehr neue.

Sehen:

Sibylle Springer: Neue Lügen; Vernissage: Freitag, 20 Uhr, Ausstellung bis 25. Januar, Galerie K’, Alexanderstr. 9b, Bremen.

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