„Unter vier Augen“ mit Louis Niebuhr: Vorwerk würdigt den Syker Künstler zu seinem 75. Geburtstag

Allee der Baumschlucker

Gewichtiges in verdächtiger Ruhe: Niebuhr-Exponat im Syker Vorwerk.

Syke - Von Rainer Beßling· Den Besucher des Syker Vorwerks empfängt morgen eine Skulptur mit einem zwiespältigen Titel: „Unter vier Augen“. Das könnte einen intimen Dialog versprechen, wäre da nicht der Unterton des heiklen Inhalts.

Tatsächlich verheißt der Kopf mit diesem Titel nicht unbedingt Kuschelkurs. Die Schädelform greift in den Raum aus und hält auf Abstand. In die Augen schauen möchte man dem Kleinen nicht. Fang, Futtersuche und Attacke zeigen sich hier eher als das Bedürfnis zum Plaudern. An der Wand findet sich eine Fotografie, die den Impuls für das Werk verrät: ein Tierschädel, der die gleiche Frontalität besitzt, nur dass die Zähne dem aggressiven Unterton noch ein wenig Nachdruck verleihen.

Aufgesockelt liegen in unmittelbarer Nachbarschaft weitere Schädelformen in verdächtiger Ruhe. Auch hier die von der Natur ausgebildete Frontstellung, gebändigt in der trügerischen Glätte des skulpturalen Körpers. So wie Louis Niebuhr in seinen Plastiken „Puppenruhe“ ein verborgenes inneres Wirken und Wachstum sinnfällig macht, das erstaunliche Metamorphosen auf den Weg bringt, gibt er hier untergründigen Kräften Gestalt, die sich eher empfinden als begreifen lassen.

Das Vorwerk ermöglicht dem Syker Louis Niebuhr die bislang größte Ausstellung in seiner Heimatregion. Äußerer Anlass ist der 75. Geburtstag des Künstlers in diesem Jahr. Zugleich reiht sich die Ausstellung in die Präsentationen von Kulturpreisträgern des Landkreises Diepholz ein, die das Ausstellungshaus in sein Konzept geschrieben hat. Nicht zuletzt präsentiert die Syker Sparkassenstiftung als Trägerin des Vorwerks mit der Ausstellung Werkübergaben der Sammlung Niebuhr-Zitzlaff, das heißt Überlassungen eines herausragenden Künstlers der Region in ein Stiftungskonvolut mit dem Auftrag, diese angemessen zu bewahren und zu präsentieren.

Im Rückraum der Kopfformen befinden sich Aufnahmen von Felsformationen in Norwegen. Die Steinmassive weisen Risse auf, Spalten öffnen sich und erwecken den Eindruck, als könne man bis auf die andere Seite der Erdkugel blicken. Die Eiszeit hat ihre Spuren hinterlassen. Bewegung über unermesslich lange Zeiträume schlägt sich in den Linien nieder. Über diesen Felsen lagen einmal dicke Eisschichten. Nun erscheint die rissige Struktur ihrer Oberflächen wie ein Fingerabdruck vergangener Epochen. Zeit drückt sich in scheinbar statischen Stein ein.

Die Frontalität der Schädelform greift Niebuhr in der plastischen und zeichnerischen Darstellung von Auto-Karossieren auf. Natürliche Aggressivität wird hier aerodynamisch überformt. Plastiken, Zeichnungen, Fotograttagen, das heißt mit Einritzungen und Übermalungen bearbeitete Fotografien, sind in der vom Künstler selbst großartig gebauten Schau zu sehen. Daneben noch „Diaphragmen“, in denen Metallbänder hinter einer Zeichnung Raumlinien schaffen und Tiefe geben.

Manche Landschaften in den Fotoarbeiten von Louis Niebuhr dürften den Besuchern bekannt vorkommen. Gleichzeitig werden sie diese so wohl noch nicht wahrgenommen haben. Zum Beispiel eine Pappelreihe, die der Künstler im Süstedter Bruch gefunden und fotografiert hat. Das Foto ist – unschwer zu erkennen – nachträglich bearbeitet. In der Fotograttage bekommt die Baumformationen einen besonderen Sockel: ein Besen, monumental. Man muss eine Baumreihe nur als Borsten sehen, und prompt liefert die Natur die Vision eines Kulturgeräts.

Über dieselbe Allee legt Niebuhr in einer zweiten Fotoarbeit die Konturen einer Karosserie. Eine durchaus aktuelle Assoziation wird geweckt. Aus offenbar vorrangig fördertechnischen Gründen soll die vom Vorwerk nach Syke-Osterholz durch das Friedeholz führende Straße verbreitert werden. 200 Bäume würden dabei fallen. Sinnbildlich legt sich hier das Auto über die Bäume, schluckt sie, wenn man so will – womit die Prioritäten in der Landschaftsplanung nicht nur in dieser Region eigentlich ganz gut getroffen sind. Um keine falschen Akzente zu setzen: Louis Niebuhr versteht seine Kunst nicht als Protest gegen das aktuelle Landschaftsbild oder gegenwärtige Flurplanung. Vielmehr lässt er uns an dem Blick eines Künstlers auf die Landschaft teilnehmen, der aus dem Gewachsenen und für wirtschaftliche Zwecke Geordneten die konstitutiven Elemente einer Komposition herausliest. Die Ackerfurchen, die ein Traktor hinterlässt, werden in seiner Wahrnehmung zu Fluchten einer Komposition. Mit diesem Blick betrachten wir auch Landschaftsmomente, über die wir sonst hinweg gesehen hätten. Insofern schärft der Künstler unseren Blick und klärt über die Welt und über die Weltvermessung auf.

Wenn Niebuhr Schwerkraft in Gestalt eines Lots mit dem natürlichen Aufwärtsstreben von Baumstämmen konfrontiert, wenn er den überraschend rechtwinkligen Abzweig von Ästen mit Konstruktionslatten zum sanften Abheben bündelt, natürliches Wachstum und menschlichen Ingenieurgeist dabei kreuzend, wenn er geometrische Formeln über das Landschaftsbild legt oder Konstruktionslinien in den Himmel laufen lässt, als suche er nach einer allmächtigen Verankerung, dann wird die Polarität von Natur und Kultur greifbar und der Platz von Kunst als Vermittlungsinstanz.

Syker Vorwerk. Eröffnung morgen 12 Uhr. Die Ausstellung ist bis zum 17. April zu sehen.

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