Mozarts „Don Giovanni“ in der Inszenierung von Freo Majer am Oldenburgischen Staatstheater

Alle sind Schweine

Krasser Wegfall jeglicher Transzendenz: Freo Majer inszeniert am Oldenburgischen Staatstheater „Don Giovanni“.

Von Ute Schalz-LaurenzeOLDENBURG (Eig. Ber.) · Der große deutsche Regisseur Günther Rennert glaubte nicht an die Möglichkeit, „für diese Partitur auch nur eine annähernd szenische Entsprechung finden zu können“. Dazu kommt bei einem der meist gespielten Werke der Operngeschichte, Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart, eine solche Fülle von Interpretationen, dass jeder neue Regisseur der „Oper aller Opern“ (E.Th.A. Hoffmann) nahezu vor ebenso fordernden wie unlösbaren Problemen zu stehen scheint.

Ein Scheitern ist vorhersehbar und es stellt sich nur die Frage, auf welchem Niveau. Nun hat es der junge Freo Majer in Oldenburg versucht. Der hoch ambitionierte Versuch, alles anders zu machen, hat ihn allerdings in eine Ecke getrieben, die ihn nur schwer noch erkennen ließ, was in Bezug auf die Partitur geht oder eben nicht mehr geht.

So hat er zum Beispiel den Stellenwert der drei Tänze im ersten Finale zu Recht außerordentlich betont. Die drei Orchester sind tatsächlich auf der Bühne und spielen – kompositionsgeschichtlich einmalig – drei verschiedene Tänze. Eine tolle Idee. Nur zeigt er nicht die Gesellschaft dazu, die Mozarts Idee repräsentieren soll: der definitive Auseinanderfall dreier gesellschaftlicher Schichten. Alle haben Schweinsnasen auf, Don Giovanni die Schweinsmaske auf dem Kopf. Alle sind Schweine?

Der Komtur ist bei Majer keine Instanz, im Gegenteil. Anna pflegt die Statue ihres toten Vaters, die sie meist bei sich hat. Und diese fängt bei Don Giovannis Einladung zum Fest an zu singen. Das wird noch getoppt im zweiten Finale, als Don Giovanni einfach wegstürzt und Leporello ihm hinterher lacht: Man ordnet sein Leben neu und geht zur Tagesordnung über. Ein Festmahl hat es sowieso nicht gegeben. Der dermaßen krasse Wegfall jeglicher Transzendenz – den ja sogar ein Peter Sellars in seiner im Drogenmilieu in Haarlem spielenden Inszenierung noch zuließ – müsste eine schlüssige Alternative provozieren. Aber die kommt nicht. Auch das steht in Widerspruch zur Musik wie so vieles mehr: Fast ist der Stempel dieser Inszenierung der Versuch, der Authentizität jedes Gefühls zu misstrauen. Donna Elvira zum Beispiel ist die durchgedrehte Zicke, als die Don Giovanni sie beschreibt. Die verletzte Ernsthaftigkeit ihres Zornes blitzt selten auf. Oder Don Ottavio, der kaum den Tränen der Anna antwortet, sondern das Zimmer vermisst: ein Hinweis auf die Spießigkeit der kommenden Ehe? Dann gibt‘s doch wieder Momente, in denen sich das anders darstellt: zum Beispiel in der herausgenommenen Arie „Dalla sua pace“, deren isolierte Ernsthaftigkeit dann wie ein Fremdkörper wirkt. Oder auch Zerlina und Masetto, deren Drama durchaus ernst erscheint.

Die sechs Zimmerkästen des Bühnenbilds (Barbara Steiner) taugen, um die Isoliertheit aller von allen zu zeigen. Sie taugen aber weniger, um die bei Mozart so klaren Gruppenkonstellationen und dramaturgischen Aufbauten zu modellieren. Auch Don Giovanni wird in heutigen, etwas veralteten Klamotten (Bettina Schürmann) die Aura genommen, man versteht nicht so ganz, warum er einst so viel Erfolg hatte. Schön an Majers Ansatz ist, dass er Don Giovanni (sehr gut: Paul Brady) in einem Augenblick zeigt, wo schon nichts mehr geht, dieser es nur noch nicht merkt.

Man kann trotzdem oder gerade deswegen viel nachdenken in dieser Aufführung voller überschießender Ideen im Detail, die musikalisch unter der Leitung von Thomas Dorsch wunderbar und makellos war. Tempo, Klangpracht und Transparenz entwickelte der Dirigent (erster Kapellmeister am Staatstheater Mainz) am durch die Aufführungspraxis gefilterten klaren und ungemein angespannten Mozartbild. Elisabeth Starzinger als Elvira, Kerrie Speppard als Anna, Daniel Ohlmann als Ottavio, Andrey Valiguras als Komtur, Henry Kiichli als Masetto und Mareke Freudenberg sangen ihre Partien mit unterschiedlichen Einschränkungen überzeugend, die mit Abstand herausragende Stimme des Abends war Derrick Ballard als Leporello.

Weitere Aufführungen: am 16., 18., 23., und 28. Oktober, jeweils um 19.30 im Oldenburgischen Staatstheater.

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