In Bremer Friesenstraße feiert heute eine ungewöhnliche Veranstaltungsgruppe Jubiläum

Alle ein bisschen irre

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Einblicke in den Pop von morgen: „Datashock“ treten im Rahmen des Festivals „Zehn Jahre Sissi und die Chinesische Wäscherei“ ·

Bremen - Von Andreas SchnellSchon der Name dieses Festivals ist merkwürdig: „Zehn Jahre Sissi und die Chinesische Wäscherei“ prangt auf den Plakaten, die für das Osterwochenende werben.

Die Namen darauf dürften bei den einen für anerkennendes Zungenschnalzen, bei der Mehrheit wohl eher für Stirnrunzeln und Achselzucken sorgen. Die Eingeweihten wiederum könnten sich zwar wundern, dass neben einer Handvoll DJs Literaten wie Dietmar Dath und Sarah Diehl die amerikanische Experimental-Rock-Band Jackie-O Motherfucker und das Saarlouiser Kraut-Rock-Kollektiv Datashock auf den Plakaten verzeichnet sind. Sie werden es allerdings wahrscheinlich nicht tun. Sissi und die Chinesische Wäscherei sind bei ihren Stammgästen bekannt für eigenwillige Kombinationen. Sie sind nämlich selbst eine. Und längst bilden die ehemals getrennt veranstaltenden Gruppen ein Kollektiv, das mehr verbindet als das Interesse an Musik.

„Wir sind alle ein bisschen irre“, sagt Ausma Zvidrina, Inhaberin des Golden Shop und Mitglied des derzeit vierköpfigen Veranstalterverbunds. Was erklärt, wie es die mittlerweile aus vier Menschen bestehende Gruppe bis heute miteinander ausgehalten hat: Schließlich erledigen die vier den Konzertbetrieb neben Erwerbsarbeit und bei manchem auch Familienleben, das Geld aus der Kasse geht komplett an die Künstler, es reicht schon, wenn die Veranstalter nicht auch noch draufzahlen müssen. Freundschaft hält dieses Konglomerat zusammen, da sind sie sich einig.

Gefunden haben sie sich zum Teil im Polizeikessel, vor allem aber schlicht dadurch, dass man sich im überschaubaren Bremen beinahe zwangsläufig im Plattenladen oder bei den interessanten Konzerten begegnet. Und seit Ende der neunziger Jahre finden die nicht zuletzt im Freizeitheim „Friese“, mitten im Viertel statt, seit der Konzertbetrieb im legendären Wehrschloss erlahmt war.

Seither haben Sissi und die Chinesische Wäscherei, zunächst getrennt, teils noch unter anderen Labels wie Syntrox, seit 2004 zusammen, Veranstaltungen mit Bands präsentiert, von denen manche heute dem Untergrund längst entwachsen ist, andere auf dem besten Wege dazu sind, das zu tun, während andere mit immer wieder neuen Projekten immer wieder gern in das kleine Freizeitheim kommen und so manche Band dabei vergisst, dass es ja auch Hamburg und Berlin gibt.

Für Bremen ist das nicht nur deshalb eine kaum verzichtbare Leistung: Hochgeschwindigkeitslärm aus Japan und subtile Ambient-Projekte, irrwitzige Performance-Kunst und Avantgarde-Pop, thailändische Siebziger-Jahre-Grooves und fragile Americana – die musikalischen Interessen sind weit gefasst, dazu kamen immer wieder Lesungen mit oben erwähntem Dietmar Dath, dem Foto-Künstler Miron Zownir, der unlängst verstorbenen Almut Klotz, Clemens Meyer und anderen. Auch hier immer mit sicherem Gespür, was auch morgen von Interesse sein würde.

Auch das Programm für die nächsten Monate eröffnet wieder spannende Einblicke in den Pop von morgen. Gut, dass es weitergeht.

Heute und morgen, 19 Uhr, „Friese“, Friesenstraße 124, Bremen.

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