Die Stars von nebenan

Alize Zandwijks „Mütter“ präsentiert Bremer Geschichten aus aller Welt

Famose Frauen: Valentina Rojas Loa (v. l.), Nomazulu Thata und Michaela Okwosha. Foto: Jörg Landsberg

Bremen - Lassen Sie um Himmels willen bloß Boris Palmer nicht von diesem Theaterabend erfahren! Der Tübinger Oberbürgermeister, der sich und vor allem den Rest der Welt gern fragt, welche Gesellschaft beispielsweise in der Werbung der Deutschen Bahn abgebildet wird, könnte schier verrückt werden angesichts des Ensembles von „Mütter“, einer Inszenierung von Alize Zandwijk am Theater Bremen, die derzeit im Foyer des Theaters am Goetheplatz zu sehen ist.

Besagtes Ensemble besteht aus 14 Bremer Müttern aus aller Welt mit höchst diversen Hintergründen. Diese biografische Vielfalt schlägt sich in einer eindrucksvollen Diversität an Kleidung, Akzenten, Bewegungen nieder – und doch hat dieses Ensemble kein Problem damit, gemeinsam die Herzen des Publikums im Nu zu erobern. Dazu trägt ganz sicher das Setting bei: Die Bühnenbildner John Thijssen und Lidwien van Kempen haben das Rangfoyer des Theaters am Goetheplatz in eine große Küche verwandelt, in der tatsächlich Essen zubereitet wird, das dem Publikum nach dem Ende des knapp zweistündigen Theaterabend serviert wird.

Schon vorher haben die 14 famosen Frauen zu Prince Nico Mbargas Klassiker „Sweet Mother“ getanzt und Brot und Dip, Wasser und Tee kredenzt, bevor es dann zur Sache geht. Und los geht es mit den Geschichten und Geschichtchen, die diese Frauen zu erzählen wissen. Ausgehend vom Lieblingsessen und den Gepflogenheiten in Urgroßmutters Küche sowie den großen und kleinen Liebesgeschichten steuert der Abend dann bald zu intimeren Dingen wie Menstruation und Körperbehaarung und schließlich zu nicht selten drastischen Lebenserfahrungen wie Missbrauch, Krieg, Bulimie und anderen Härten. Da nimmt dann die eine Mutter die andere auch mal spontan in den Arm, weil das vermeintlich lang vergangene immer noch bewegt.

In einem Fall, dem von Nomazulu Thata, ist die Bewegung zu einer genuin politischen geworden: Die in Rhodesien, dem heutigen Simbabwe, geborene Bremerin, die in der DDR eine Ausbildung zur Ingeneurin für Metallhüttenkunde absolvierte, tritt für die feministische Partei Die Frauen zur Europawahl an.

„Menschen in vergessenen Straßen eine Stimme geben“, formuliert Zandwijk im Programmheft ihr Prinzip. Schon vor Jahren hat sie mit der Dramaturgin Liet Lenshoek in Rotterdam und in Luzern ähnliche Küchengespräche eingerichtet, die Rotterdamer Version war gar als Gastspiel in Bremen zu sehen. Im Theaterfoyer, wo sonst ein eher homogenes Publikum die Theaterpausen bei Sekt oder Wein begeht, begegnet das Publikum nun den Akteurinnen sehr unmittelbar, manchmal sogar physisch. Und an den langen Holztischen kommt man auch mit dem Gegenüber und den Nachbarn schnell ins Gespräch. Die Geschichten, um die es dann auch geht, sind einerseits von teils beklemmender Allgemeingültigkeit, andererseits aber auch ganz konkret die von Menschen, die sozusagen nebenan wohnen.

Das gemeinsame Essen am Ende des Abends wird so zum politischen Akt – und wahrscheinlich sollte auch und gerade der eingangs erwähnte Herr Palmer davon erfahren. Vielleicht ist da noch was zu retten. Über diese Mütter jedenfalls muss man sich nicht sorgen.

Selbst sehen:

Montag, 13. Mai, Dienstag, 21. Mai, Mittwoch, 22. Mai, Dienstag, 4. Juni, 19.30 Uhr, Theater am Goetheplatz.

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