Alize Zandwijk inszeniert „Eine Familie“ im Theater am Goetheplatz

Es ist noch Tunnel am Ende des Lichts

Beängstigend intensiv: Verena Reichhardt (M.) als gebrochene Witwe.
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Beängstigend intensiv: Verena Reichhardt (M.) als gebrochene Witwe.

Bremen - Von Rolf Stein. Ist es wirklich so schlicht? Dass wir unsere Nabelschnur verloren haben? Mithin also die Verbindung zu unserer Herkunft? Inmitten der offenbar unheilbar zerrütteten Familie Weston, die Tracy Letts in „August: Osage County“ porträtiert, hat der Autor eine Nachfahrin der amerikanischen Ureinwohner installiert. Um den Hals trägt sie, Johnna, in der Tradition der Cheyenne ihre Nabelschnur in einem Amulett.

Johnna ließe sich als – wenn auch nicht allzu detailliert gezeichneter – Gegenentwurf zu der Familie lesen, die aus traurigem Anlass im Elternhaus irgendwo im mittleren Westen der USA zusammenfindet: Der Patriarch Beverly Weston hat sich umgebracht. Und wie man es von derlei Familiendramen kennt, sind die Geschwister, Kinder, Enkel und Eingeheirateten ein Querschnitt durch das Typen-Repertoire der Mittelschicht, von desillusionierten Selbstverwirklichern über windige Emporkömmlinge und an persönlichen Niederlagen hart gewordenen Powerfrauen bis zu verschrobenen Einzelgängern.

„Eine Familie“ heißt das bei Alize Zandwijk relativ ortslos, wo der Autor selbst noch die Geografie in den Titel rückte. Immerhin die Hitze des Augusts spielt eine Rolle, negativ, als Abwesenheit einer Klimaanlage und so eher irreführende Referenz auf amerikanische Verhältnisse, die hier seziert werden. Die Krise der Keimzelle der Gesellschaft hat längst auch in Deutschland Einzug gehalten. Insofern ist es plausibel, Letts‘ Geschichte in einem langen Tunnel mit Dachschaden spielen zu lassen (Bühne: Thomas Rupert), der Teil eines fiktiven Raumschiffs sein könnte, das den Mikrokosmos Familie durch‘s Weltall transportiert. Hinaus und hinein geht es nur gebückt. Natürlich läuft eine derartige Familienaufstellung Gefahr, zu einer Freakshow zu geraten, erst recht, wenn wie bei Zandwijk die Figuren weniger Charaktere als grell gezeichnete Typen sind, deren Marotten durch die Garderobe (Kostüme: Inge Büscher) ins Lachhafte verzerrt sind. Steve Heidebrecht beispielsweise, der Verlobte der jüngsten Weston-Tochter Karen, sieht aus wie Atze Schröder. Mattie Fae Aiken, die Schwester der frischgebackenen Witwe ist mit einem Fatsuit aufgebläht, und Charlie Aiken, ihr stets um Harmonie bemühter Gatte, hat geradezu loriot-mäßig hervorstehende Zähne verpasst bekommen, die er zwischendrin gar herausnehmen darf.

Dass das dennoch über drei Stunden packendes Theater ergibtt, grenzt fast an ein Wunder. Aber es geht vorzüglich. Wohl nicht zuletzt, weil Verena Reichhardt die tablettensüchtige Witwe Violet Weston mit beängstigender Intensität über die volle Länge trägt, derweil die meisten der anderen Figuren erst später dazukommen, zwischendurch abgehen oder sich im hinteren Teil des Tunnels betten oder Nebenwidersprüche ausagieren, die immer im Zeichen der Mutter stehen. Und die ist ebenjene prachtvolle, gebrochene, kettenrauchende Furie – hilflos zeternd, weinend und am Ende allein, nur noch Johnna ist da, bei der Violet verzweifelt Zuflucht sucht.

Zwar ist Reichhardt das Zentrum dieser Inszenierung, aber das übrige Ensemble darf gleichwohl prächtig böse funkeln: Alexander Swoboda als übergriffiges Atze-Schröder-Double. Fania Sorel, die einst „Das Leben auf der Praca Roosevelt“ beinahe ganz allein sehenswert machte, als betrogene Ehefrau Barbara, Johannes Kühn als deren untreuer Gatte Bill. Susanne Schrader als aufgedunsene „Gelobt sei, was hart macht“-Mattie. Gast Jana Julia Roth als Barbaras und Bills heimlich kiffende Tochter. Justus Ritter und Nadine Geyersbach als verschrobenes Liebes- und Geschwisterpaar. Annemaikke Bakker als naives Püppchen – und Guido Gallmann als Beverly Weston, der in einem virtuos schwankenden Monolog die Ausgangslage skizziert und als letzte gute Tat seiner Frau als Haushaltshilfe ebenjene Johnna zur Seite stellt, als letzten Rettungsreif. Womit wir bei der Musikerin Maartje Teussink wären, die als Johnna den Abend mit ihren Songs kommentiert und strukturiert sowie mit zerbrechlichen Soundscapes atmosphärisch verdichtet.

Dass Johnna indes nicht zur Errettung der Matrone taugt, lässt T.S. Eliots Gedicht „The Hollow Men“ erahnen, das den Abend gleichsam einrahmt. „This is the way the world ends / Not with a bang but a whimper“, endet es: „Auf diese Art geht die Welt zugrund / Nicht mit einem Knall: mit Gewimmer“. Da hilft auch keine Nabelschnur – die als etwas kitschiger Gedanke eher der emotionalen Rettung des Publikums als dem Heil der Violet Weston dienen mag. Es mag angesichts des hoffnungslosen Endes eigenartig klingen: Aber dreieinviertel Stunden haben sich im Theater lange nicht mehr so kurz angefühlt.

Die nächsten Vorstellungen: Mittwoch, 2. März, Freitag,

11. März, Donnerstag,

17. März, Samstag, 26. März, jeweils 19.30 Uhr, Theater am Goetheplatz, Bremen.

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