Ein Album als Unikat: Der Wu-Tang Clan diskutiert über den Wert von Popmusik

Kunst statt Kaugummi

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Robert „RZA“ Diggs stellt sich in eine Reihe mit Andy Warhol, Damien Hirst und Jean-Michel Basquiat.

New York - Von Felix Gutschmidt. Popmusik verkommt immer mehr zu einem Konsumprodukt. Die Menschen hören sie nebenbei – als Taktgeber beim Joggen, im Auto oder zur Untermalung der Geburtstagsparty. Sie vertreibt die Stille wie ein Kaugummi den schlechten Atem. Und wenn das Lied nicht mehr frisch und aufregend klingt, spucken die Menschen es aus und werfen das nächste an.

Die Künstler stürzt diese Form des Massenkonums in eine Sinnkrise. Ihr Werk ist wertlos geworden, ihr Lebensinhalt infrage gestellt. Auf dem Spiel steht nicht weniger als ihre Existenz.

In einer Zeit, in der Streaming-Dienste wie Spotify Popmusik immer und überall verfügbar gemacht haben und das MP3-Format das massenhafte Vervielfältigen in Sekundenschnelle ermöglicht, kaufen Menschen im Internet Lieder für wenige Cent oder laden sie illegal herunter.

Auf dieses Phänomen gibt das New Yorker Hip-Hop-Konglomerat Wu-Tang Clan nun eine radikale Antwort: Es verkauft sein neues Album „Once Upon A Time In Shaolin“ genau ein Mal. Die Rapper folgen der Logik des Markts, wonach die Verknappung des Angebots den Preis steigert.

Doch ums Geld allein geht es dem Wu-Tang Clan angeblich nicht. Die Band will eine Grundsatzdebatte anstoßen über die Wahrnehmung und Wertschätzung von Popmusik.

Walter Benjamin beschrieb das Dilemma 1935 so: „Was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verkümmert, das ist seine Aura.“ Diese Aura will der Wu-Tang Clan nun seiner Musikzurückgeben. Zwar ist nicht bekannt, ob die Band den Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ gelesen hat, doch die Gruppe hält sich in ihrer Argumentation erstaunlich nah an Benjamins Thesen. Der Philosoph betont – genau wie der Wu-Tang Clan – die Einmaligkeit des Kunstwerks.

Der Unterschied des Originals zu seinen Kopien liegt für Benjamin in der Verortung des Werks in Raum und Zeit: Der Rezipient geht in die Galerie, um ein Bild zu sehen, besucht ein Konzert, um Musik zu hören. Ganz anders die Reproduktion: Sie hängt als Druck im Wohnzimmer oder dröhnt durch den Kopfhörer. Der Berg kommt zum Propheten.

Auch das will der Wu-Tang Clan ändern. Bevor ein vermögender Sammler das Album kauft – dem Vernehmen nach liegt das aktuelle Angebot bei rund fünf Millionen Dollar –, soll es weltweit in Galerien zu hören sein. Besucher bekommen Kopfhörer aufgesetzt und dürfen zur Musik eine vom britisch-marokkanischen Künstler Yahya gestaltete Schatulle betrachten: die CD-Hülle. Angeblich haben zehn Handwerker drei Monate lang an der aktenkoffergroßen, mit Ornamenten reich verzierten Box aus Nickel und Silber gearbeitet. Für die Produktion der 31 Stücke auf „Once Upon A Time In Shaolin“ hat der Wu-Tang Clan nach eigenen Angaben sechs Jahre benötigt.

Ob sich der Aufwand am Ende lohnt, bleibt fraglich. Die Fangemeinde ist entrüstet, dass sie das neue Album wohl nie hören wird. „Die wollen mich kreuzigen“, sagt Produzent Tarik „Cilvaringz“ Azzougarh (35). Er hatte die Idee zum Unikat.

Auch hat die vom Wu-Tang Clan losgetretene Diskussion über den Wert von Musik bisher keine großen Kreise gezogen. Das hat Gründe. Die Band hat ihre besten Zeiten hinter sich. Der noch immer gute Ruf der New Yorker Rapper gründet sich auf die ersten beiden Alben „Enter The Wu-Tang“ (1993) und „Wu-Tang Forever“ (1997), auf denen sie Funk-Samples, Versatzstücke aus 70er-Jahre-Kung-Fu-Filmen und dumpfe Beats zu einem bis dahin nie gehörten, düsteren Sound verwoben. Die folgenden drei Langspieler konnten dieses Niveau nicht annähernd halten. Heute haben längst andere Künstler die Meinungsführerschaft in der Szene übernommen.

An der Selbsteinschätzung der New Yorker Rapper hat das nichts geändert. Robert Diggs (44), der unter dem Künstlernamen „RZA“ die Geschicke des Wu-Tang Clans leitet, stellt sich in eine Reihe mit Andy Warhol, Damien Hirst und Jean-Michel Basquiat. Diese Künstler würden – im Gegensatz zum Wu-Tang Clan – die Wertschätzung erfahren, die sie verdienen. „Ist Exklusivität statt Massenproduktion wirklich der 50-Millionen-Dollar-Unterschied zwischen einem Mikrofon und einem Pinsel?“, will er wissen. Es ist keine rhetorische Frage.

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