Die Städtische Galerie zeigt ab morgen Beiträge zum 40. Bremer Förderpreis für Bildende Kunst

Der Albtraum schlechter Matheschüler

Formeln und Zahlen, die Kulturpolitiker gerne bemühen: Nora Olearius, „Frappé“, 2017, Notation, Ritzung. - Foto: Nora Olearius
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Formeln und Zahlen, die Kulturpolitiker gerne bemühen: Nora Olearius, „Frappé“, 2017, Notation, Ritzung.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Verkaufserlöse, Künstlerrankings und natürlich die Besucherzahlen: Wer heute über die Bedeutung von Kunst diskutiert, bemüht vor allem zählbare Größen.

Was Kunst für eine Gesellschaft leisten kann, wie sie zum Spiegel aktueller Prozesse oder Spannungsfelder wird, das interessiert offenbar niemanden mehr. Zumindest nicht all jene, die darüber entscheiden, ob ein Museum finanzielle Unterstützung vom Staat bekommt, verkleinert oder sogar geschlossen wird. Wer nach einem lokalen Beispiel für diese Entwicklung sucht, wird ziemlich schnell auf dem Bremer Teerhof fündig – und beim scheinbar endlosen Gezerre um die Zukunft der Weserburg.

Umso erstaunlicher erscheint es da, dass Bremen Jahr für Jahr den Förderpreis für Bildende Kunst vergibt, 2017 übrigens zum 40. Mal. Klar, die Hansestadt hat kein Geld zu verschenken, erst recht nicht für solch schwammige Dinge wie Kunst, aber dennoch: Der ausgezeichnete Künstler kann sich immerhin über 6 000 Euro Preisgeld plus eine Einzelkatalogförderung von 3 000 Euro und eine Einzelausstellung freuen.

Zum runden Jubiläum hat die Vorschlagskommission nun aus 37 Bewerbungen zwölf Positionen ausgewählt, die mit Installation, Video, Konzeptkunst, Fotografie und Malerei einen fabelhaften Einblick in die junge Bremer Kunstszene geben. Dazu zählt freilich auch die Arbeit der aktuellen Preisträgerin Nora Olearius. Der Titel „Frappé“ spielt auf jene optische Täuschung an, die dazu führt, dass wir die Füllmenge in konischen Gläsern falsch einschätzen, und zeigt – zunächst durchaus unscheinbar – eine Reihe Papierbögen, mit denen Olearius eine Ausstellungswand tapeziert hat. Auf ihnen zu sehen ist der Albtraum vieler mittel- bis grottenschlechter Matheschüler: Geometrische Zeichnungen, Formeln und jede Menge Zahlen. Was bei manch einem Betrachter Horroszenarien aus seiner Jugend heraufbeschwört, dient bei Nora Olearius jedoch dazu, die Erwartungen an Kunst zu hinterfragen. Denn die geometrischen Formeln sind nicht einfach aus der Luft gegriffen, nein, die Künstlerin hat die Volumina der Ausstellungsräume und der darin zu sehenden Kunstwerke berechnet –  um schließlich eine präzise Aussage darüber treffen zu können, in welchem Verhältnis Räume und Werke zueinander stehen. Eine Gegenüberstellung, die sonst oft von Politikern bemüht wird. So weit, so logisch.

Rauf und wieder runter: Effrosyni Kontogeorgou, Ohne Titel, 2017, Installation. - Foto:

Doch so überzeugend die Zahl, die bei den Berechnungen am Ende herauskommt, auch wirkt, es bleibt immer die Frage, was denn nun Ausstellungsraum und was Kunstwerk ist. Gehören Schrauben dazu? Rohre? Und was ist mit dem Heizkörper in einem Teil der Städtischen Galerie? Naturgemäß ist er Ausstellungsraum, hier nutzt ihn Tobias Heine aber für eine Installation – um die Blätter eines leeren Skizzenblockes zu bewegen. Wie Nora Olearius mit dem Problem Heizkörper umgeht, verrät auch ein Blick auf ihre Berechnungen nicht. Aber doch immerhin so viel: Welch unzulängliches Kunstverständnis hinter so mancher kulturpolitischen Debatte steckt. Das ist ja auch was.

Neben Olearius‘ sind noch elf weitere Positionen zu sehen, darunter ein Werk von Effrosyni Kontogeorgou. das sie eigens für die Bremer Ausstellungsräume geschaffen hat. Ausgehend von einem Grundriss des Gebäudes hat sie eine kleine graue Wendeltreppe eingebaut – dort, wo sonst ein schmaler Durchgang vom kleinen in den großen Galerieraum führt. Dass die Stufen spiralförmig angeordnet sind, entstammt übrigens nicht der Fantasie der Künstlerin, sondern der Architektur des Gebäudes – für gerade Treppen sind die Wände zu schief.

Fast, als hätte sie sich mit Olearius abgesprochen, spielt auch Kontogeorgou mit den Erwartungen des Betrachters, wenn auch mit denen optischer Natur. Denn wer sich nur weit genug von der Installation entfernt und in den kleineren Galerieraum zurücktritt, glaubt, Stufen zu einer Ebene emporzuklettern. Doch statt Abgrund und Weitblick gibt es nur einen Abstieg mit vier Stufen in Grau – die perfekte Illusion.

Illusionen, zumindest auf den ersten Blick, prägen auch die Arbeit von Max Santo, die größte der Schau. Denn erst aus nächster Nähe wird klar, dass die vermeintlichen Kacheln rund 980 Fotos sind. Der Künstler hat sie zu einer überdimensionalen Wand zusammengeklebt, reichlich stümperhaft mit gelbem Klebeband, wie ein Blick auf die Rückseite zeigt. Erinnerungen an die ersten 30 Lebensjahre Santos, die er mit Ätzgrund bepinselt und so alles ausradiert hat, was früher einmal so wichtig war, dass es festgehalten werden musste. Ihrem ursprünglichen Zweck beraubt, erhalten die Fotos so eine neue Deutungsebene, allerdings ohne die alte komplett zu verlassen. Mögen die optischen Erinnerungsfetzen auch verloren sein, in Santos Kopf und den schemenhaften Gestalten, die auf manchen Fotos noch immer zu erkennen sind, leben sie weiter – allem Ausradieren zum Trotz.

Die Ausstellung läuft bis 23. April.

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