Synchronsprecher Christian Brückner über das Lesen, de Niro und intensive Momente

„Akustik ist der Optik voraus“

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Christian Brückner

Rotenburg - Von Ulla Heyne. Er macht keine großen Gesten, Pathos ist ihm fremd. Wenn er auf der Bühne steht, tut er einfach das, was er am besten kann: Er liest.

Der Synchronsprecher Christian Brückner bannt sein Publikum mit wohl dosiertem Einsatz von Mimik, Gestik und der stimmlichen Coolness eines de Niro oder Robert Redford. Kein Wunder – leiht er beiden doch seit Jahrzehnten seine charakteristische, brüchig-raue Stimme. Der in Berlin lebende Rezitator und Gründer eines Hörbuchverlags sprach am Rande einer Lesung mit uns über Mottolesungen mit Musik, den Erfolg von Hörbüchern und natürlich Robert de Niro.

Herr Brückner, Sie sind vielen Hörern durch Ihre prägnanten Hörbücher bekannt, nicht zuletzt die Lesung von Melvilles „Moby Dick“ in der umstrittenen Übersetzung von Friedhelm Rathjen. Lassen Sie sich selbst auch gern vorlesen?

Brückner: Aber ja, früher habe ich mir viel vorlesen lassen, zum Beispiel von meiner Frau. In letzter Zeit ist das etwas kurz gekommen. Das Vorlesen findet jetzt auf der Bühne statt.

Sie standen kürzlich in Rotenburg mit der konzertanten Lesung „Schauplatz Sevilla“ gemeinsam mit dem Art Ensemble auf der Bühne. Was macht den Reiz solcher Veranstaltungen aus?

Brückner:Da werden zwei völlig verschiedene Formen von akustischer Kunst nebeneinander gestellt, die ursprünglich nicht zusammen gehören. und sich im guten Fall verbinden und sich amalgamieren.

Verleiht das Ihrem Text auch eine neue Dimension, dadurch, dass er in einen neuen Kontext gestellt wird?

Brückner:Natürlich. Die Musiker und ich, wir helfen uns gegenseitig, dadurch, dass etwas Neues herauskommt, dass die Werke zusammen eine neue Form bilden – ohne dass es etwas Programmatisches hat.

Bekannt geworden sind Sie durch Ihre Tätigkeit als Synchronsprecher. „Das ist doch die Stimme von…“ – passiert Ihnen das oft, und wenn ja: Wen hören die Leute: Robert de Niro, Robert Redford oder sogar Harvey Keitel?

Brückner:Ja, das passiert zuweilen. Am ehesten mit Robert de Niro, den habe ich ja in den meisten Filmen synchronisiert, so an die 60. Ich habe nichts dagegen, aber bei den Lesungen geht es natürlich um etwas ganz anderes. Da wäre es eher störend, nur auf „die Stimme von“ reduziert zu werden. Ich mache ja viel mehr!

Wenn man sich so intensiv mit einem Schauspieler beschäftigt, wächst er einem ans Herz?

Brückner:Es ist schon so, dass man ihn besser kennt, wie er agiert, wenn auch nur zweidimensional auf dem Bildschirm. Man sieht genau, wann ihm was gelungen ist und wann weniger, denn auch das kommt ja mal vor. Wenn man sich ansieht, was de Niro schon alles gemacht hat, ist das schon Respekt einflößend!

Auf wen freuen Sie sich denn am meisten, wenn Sie jemandem Ihre Stimme in einem neuen Projekt leihen dürfen?

Brückner:Mich interessiert nicht primär der Schauspieler, sondern eher der Film. Mit der Art der Geschichte, die erzählt wird, verändert sich ja auch der Schauspieler. Das macht es spannend.

Die Aufbereitung von Inhalten in der Medienwelt wird immer rasanter. Und trotzdem erfahren die klassischen Lesungen gerade einen Boom, nicht nur beim älteren Publikum. Die „drei Fragezeichen“ füllen ganze Sportstadien. Sie selbst haben einen Hörbuchverlag gegründet. Wie erklären Sie sich das?

Brückner:Vielleicht gerade, weil das ein Gegenpol ist zur optischen Welt der schnellen Schwenks, immer schnelleren, rhythmisch getakteten Schnitte bei Filmen mit Computergeschwindigkeit darstellt. Letztlich hat die Akustik eine viel größere Chance, direkt zu treffen als die Optik, mitten ins Herz. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass die Akustik der Optik insofern voraus ist, als dass sie intensivere, nachhaltigere Momente schafft.

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