„Africtions – captured by dance“ beginnt mit Brückenschlag ins Fremde

In blauer Frischhaltefolie

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Lampedusa auf den Straßen: Helge Letonja zeigt am Theater Bremen sein neues Tanzprojekt „Boxom“

Bremen - Von Andreas Schnell. Bevor Bremen die Gelegenheit hat, bis zum 16. November Tanztheater, Literatur, Musik und Filme aus Afrika zu erkunden, gab es zur Eröffnung von „Africtions – captured by dance“ ein Projekt des Bremer Choreographen Helge Letonja mit einem transkontinentalen und interdisziplinären Ensemble zu sehen, das sich als Brückenschlag hinüber ins Fremde als sinnig erwies.

In „Boxom“ treffen nicht nur verschiedene kulturelle und künstlerische Blickwinkel aufeinander. In einer auf den ersten Blick konfus wirkenden Folge von Szenen, die sich zwar auseinander heraus entwickeln, aber ihren Zusammenhang bis auf einen eher weitgespannten dramaturgischen Bogen bis zuletzt nicht völlig preisgeben, entfaltet sich ein Vexierbild europäisch-afrikanischer Missverständnisse. Wobei das „Entfalten“ schon im Titel steckt: Boxom, klärt uns das Programmheft auf, ist ein Wolof-Wort und bezeichnet metaphorisch die Gesellschaft als zerknülltes Blatt Papier.

Das erste Bild ist eine lose Straßenszene – eine Frau fegt langsam den Boden, ein Polizist sitzt in einer Ecke auf der rechten Seite der Bühne, ein weißer Mann steht links hinten. Es tut sich nicht viel, bis ein Mann die Bühne betritt, der einen zweiten Huckepack genommen hat. Spielerisch tauschen sie die Rollen. Dann gerät Bewegung in die Szene. Eine weiße Frau betritt die Bühne. Und wird prompt von allen Seiten bedrängt, Händler wollen ihr Teppiche und Stoffe verkaufen, sie wird emporgehoben und, ob sie will oder nicht, in farbenfrohes Tuch gehüllt. Ein Klischee? Aber klar. Es gibt davon noch einige mehr. Später beispielsweise schreitet Alesandra Seutin, sich im engen langen Kleid wiegend, heran und verkündet, sie sei die schwarze Venus. Und sie wisse, dass der weiße Mann sein schlechtes Gewissen am liebsten zwischen ihren Beinen vergraben würde. Und mit ostentativer Notwendigkeit folgt auch noch der Verweis auf das derzeit auch an deutschen Theatern kaum zu umgehende Lampedusa-Thema: das Mittelmeer ein Massengrab. Ein weißer Mann überzieht einen schwarzen Mann mit blauer Frischhaltefolie, derweil im Hintergrund Wasser an den Strand spült. Auf einmal wollen die afrikanischen Tänzer, und wenn das kein Klischee ist, allesamt heiraten – wofür sie sich bis weit hinein ins Publikum aufmachen.

So wenden sich die Stereotype gegen den Betrachter. Der im nächsten Moment womöglich wieder vom vermeintlichen Verständnis ausgeschlossen wird, weil da vorn nicht nur Englisch und Französisch gesprochen werden, sondern – wie wir annehmen – Wolof.

Offenbar wird ausgesprochen Komisches verhandelt – denn die senegalesischen Gäste in der ersten Reihe amüsieren sich königlich. Bevor man sich halbwegs einen Reim drauf gemacht hat, ist die Szene regelmäßig schon wieder vorbei, eine neue beginnt. In einem präzisen Meta-Rhythmus, der die Facetten des Abends dem Verständnis immer wieder entzieht. Auf Szenenebene rhythmisiert derweil der Musiker Florian Tippe mit spannenden Soundscapes, in einigen Szenen sind es Songs der Komponistin und Musikerin Y'Akoto. Und einmal auch afrikanische Musik vom Band.

Jedes Bild bringt eine neue Facette, kreuz und quer wird gespiegelt und gebrochen, Europa und Afrika, Mann und Frau, afrikanischer Mann und afrikanischer Mann, afrikanische Frau und europäische Frau und so weiter und so fort.

Ein ganz großes Plus dieses Projekts sind die Performer selbst: Aus dem insgesamt enorm präsenten wie präzisen Ensemble ist da vor allem Alesandra Seutin hervorzuheben, die eine geradezu erschütternde Bühnenpräsenz hat. Viel Applaus gab es für diesen hintersinnigen und spannungsvollen Abend.

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