Kunsthalle Bremen mit Landschaftszeichnungen aus Romantik und Gegenwart

Äußere und innere Natur

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Programmatisches Bild: Johann Christian Erhards „Rastende Künstler im Gebirge“ (1817). ·

Bremen - Von Rainer BeßlingEs ist ein gegenwärtiger Blick auf die Landschaft. Vom Flugzeug aus skizziert Nanne Meyer ihre Eindrücke und überträgt sie anschließend in großformatige Zeichnungen. Die vermeintliche Übersicht erhält einen Gegenpol in der filigranen Strichführung, die so gar keine Sicherheit in der Weltanschauung trotz hoher Warte und Weitblick vermittelt.

Nanne Meyer gehört zu einem Kreis von sieben Künstlerinnen und Künstlern, die derzeit in der Kunsthalle Bremen die Ergebnisse ihrer zeichnerische Auseinandersetzung mit Natur und Landschaft präsentieren. Sie zeigen ihre Werke im Dialog mit rund 100 Zeichnungen und Ölskizzen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. „Lass Dich von der Natur anwehen“ ist die von Anne Buschhoff, Kustodin des Kupferstichkabinetts, kuratierte Schau betitelt.

Die pathetische Wendung entstammt Ludwig Tiecks Künstlerroman „Franz Sternbalds Wanderungen“ (1798) und spiegelt Grundempfindung und künstlerische Ambition der Romantik wider. Der Gang in die Natur sollte nicht nur der Welt-, sondern vor allem der Selbsterkundung dienen. In einer Zeit abbröckelnder sozialer Bindung und geistiger Orientierung, technischer Umwälzungen und politischer Wirren war das Individuum auf sich selbst zurückgeworfen. In einer empfindsamen Anschauung der Landschaft sollten äußere und innere Natur zueinander finden und zusammenklingen.

Die Ausstellung, die Meisterwerke unter anderem von Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus, Franz Catel, Johann Christoph Erhard und Friedrich Nerly aufbietet, beginnt mit zwei zentralen Motiven der Romantik: Bäumen und Ruinen. Erstere reizen durch bizarre Formen, bedienen die Vorliebe des Künstlers der Epoche für das Fantastische und repräsentieren Stärke und Wachstumskräfte. Verfallene Architektur verweist auf untergegangene Zivilisation und Kultur und symbolisiert Zerrissenheit.

Bleistiftzeichnungen von Bertram Hasenauer hängen den Baumporträts und Ruinen gebenüber, scherenschnittartige, formal reduzierte Landschaften mit geheimnisvoller Aura und einem dichten atmosphärischen Gehalt von Nachtstücken. Unschärfen suggerieren einen Zwischenzustand und thematisieren die Wahrnehmung als Fokussierung, lassen sich so als Anspielung auf die Begegnung zwischen äußerer und innerer Natur sehen.

Als ein Hauptanliegen der Ausstellung kann die Frage gesehen werden, wie weit historische und aktuelle Positionen voneinander entfernt sind, beziehungsweise wie viele Parallelen sie aufweisen. Im zweiten Raum der Schau ist mit der Pflanzendarstellung ein weiterer bedeutender Themenkreis der romantischen bildnerischen Kunst vertreten. In Nahsicht und im Kleinen erkundet hier der Zeichner das Wesen und das Gestaltspektrum der Natur und bringt somit auch das große Ganze möglichst plastisch und wirklichkeitsgetreu zur Anschauung. Botanisches Interesse vermischt sich nicht selten mit dem Ausdruck tiefer Faszination und Rührung, die die Pflanze beim Zeichner ausgelöst hat. Manfred Holtfrerich vertritt in diesem Motivkreis die Gegenwartsposition. Er selbst erläutert seine äußerst haptisch wirkenden Arbeiten so: „Im Verlauf des Machens kippt die Darstellung irgendwann um, vom Zustand der Reproduktion hin zur Repräsentation. Durch die vielen Übermalungen verselbstständigt sich die Darstellung, wird Material.“

Ist ein weiterer Saal dem „Gestein“ gewidmet, dessen Urgewalt ein Künstler wie Carus sowohl wissenschaftlich als auch ästhetisch betrachtet, widmet sich ein anderer dem bevorzugten Sehnsuchtsland der Deutschen, vor allem der deutschen Künstler im frühen 19. Jahrhundert: Italien. Anregend fällt auch der Ausstellungsabschnitt „Unvollendete Landschaft“ aus. Das Fragment hält Einzug in die Kunst und erhebt den Betrachter zum Mitautoren. Während Bettina Blohm den historischen Blättern karge Zeichnungen gegenüberstellt, die durch Offenheit den Projektionsort Landschaft zu erweitern suchen, greift Malte Spohr auf flüchtige Naturphänomene zu und verleiht mit seinen ungegenständlichen Linienformationen dem Verborgenen und der Distanz des Betrachters zur Landschaft eine flirrende Gestalt. Hier scheint die Natur den Landschaftsflaneur in der Tat „anzuwehen“.

Kunsthalle Bremen, bis 12. Januar 2014. Di 10-21 Uhr, Mi-So 10-17 Uhr. Eintritt: 8 Euro

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