Zu ästhetisch für die Geisterbahn

Staatsballett Hannover tanzt den Edgar Allan Poe

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Lilit Hakobyan

Hannover - Von Jörg Worat. Gruslige Zeiten im Opernhaus? Na ja, wenn „Nevermore“, das neue Programm des Staatsballetts, um Edgar Allan Poe kreist, ist natürlich kein Schenkelklopf-Abend zu erwarten. Dem Publikum war aber eher nach Klatschen zumute als nach Heulen und Zähneklappern - für das pure Geisterbahnfeeling ging‘s dann doch deutlich zu ästhetisch zu.

Zwei Uraufführungen waren angesagt. Hannovers Ballettdirektor Jörg Mannes hat seiner Choreografie „Grotesque & Arabesque“ Poes Geschichte „Die Maske des Roten Todes“ zugrunde gelegt, in der passenderweise eine Festgesellschaft das Personal bildet, und mit weiteren Motiven vom Großmeister des Schreckens angereichert. Herausgekommen ist dabei eine Szenenfolge der etwas anderen Art.

Wirklich garstig wird‘s bei Mannes ja nie, doch waren einige gleichsam gestörte Bewegungsfolgen zu beobachten, wenn sich etwa der geordnete Gruppentanz in Zuckungen auflöste oder die Partnerin beim Pas de deux unvermittelt ihre Spannkraft einzubüßen schien. Mancherlei spielte sich in Bodennähe ab, was von daher eine gewisse Logik hat, als hier eben von Anfang an der Tod mit von der Partie ist; auch Denis Piza sollte das raubtierhafte Schlängeln vergehen - wie alle anderen Figuren musste auch sein Prinz Prospero am Schluss entseelt umsinken.

Bis dahin hatte sich eine ganze Menge getan. So pirschte Giada Zanotti katzenhaft über die Bühne, und einmal mehr kam das beliebte Doppelgänger-Motiv ins Spiel: Giovanni Visone und Luca Pannacci tanzten sowohl mit- als auch gegeneinander. Licht und Videobilder definierten immer wieder neue Räume, blieben aber dezenter als in vorangegangen Mannes-Choreografien, die zuweilen ein wenig Richtung technischer Overkill drifteten.

Stefan Johannes Hanke hat in Absprache mit Mannes die Musik zu diesem Stück komponiert. Mit ausgeprägt perkussiven und zuweilen fast jazzigen Passagen, aber auch hinreichend Suspense und Naturgeräuschhaftem - kurz: griffig und ebenso vom Niedersächsischen Staatsorchester unter Valtteri Rauhalammi interpretiert. Nach der Pause ging es mit Mozart-Klängen musikalisch konventioneller zu, nicht jedoch tänzerisch: Mauro Bigonzetti hat in seine Choreografie „Nevermore“ viele originelle Ideen gepackt. Das betreffende Poe-Gedicht handelt von einem Raben, der das Wort „Nimmermehr“ beherrscht, allerdings auch nur dieses, und damit einem durch den Tod der Geliebten ohnehin geistig angegriffenen Mann den Rest gibt.

Das ist aber eher eine Art Folie für das tänzerische Geschehen. Gewiss konnte man hier manche Bewegungsmuster vogelhaft deuten, weit wichtiger war aber die atmosphärische Seite. Und da gab‘s ebenso eigenwillig konstruierte wie flüssig vorgetragene Gruppenszenen, einen Pas de deux mit hochinteressanten Hebefiguren, viele Details allein schon im Spiel der Hände und immer wieder eine spannende Energetik zwischen Verharren und Ausbruch. Zudem sorgte nicht nur das Orchester (mit ein paar Wacklern im Blech) für Klänge, sondern auch die Compagnie - zuweilen bearbeiten Tänzerinnen und Tänzer den Boden oder auch die eigene Brust herzhaft mit den Fäusten.

Nun setzte es den einen oder anderen Szenenapplaus. Als Publikumsliebling kristallisierte sich Lilit Hakobyan heraus, während Denis Piza diesmal eine etwas undankbarere Rolle zugewiesen bekam, durfte er doch nur streckenweise voll mitmischen und war zwischenzeitlich angewiesen, staunend das sonderbare Treiben der Kolleginnen und Kollegen zu betrachten.

Am Schluss konnten sie indes alle im stürmischen Beifall baden - nach einem vielleicht nicht wirklich abgründigen, aber facettenreichen Abend mit ein paar magischen Momenten.

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