Börgerdings Start am Theater Bremen

Ästhetisch erneuert

Michael Börgerding
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Michael Börgerding

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Mit seinem Amts antritt waren große Hoffnungen verbunden, bei Journalisten wie bei Politikern, bei Mitarbeitern wie beim Publikum. Jetzt hat Michael Börgerding, Generalintendant am Theater Bremen, seine erste Spielzeit hinter sich gebracht. Mit welchem Erfolg?

Künstlerisch ist der neuen Führungsmannschaft Mut zur ästhetischen Erneuerung zu bescheinigen. In der Oper wagte man mit „Mahler III“ eine „szenische-musikalische Installation“, im Schauspiel gab es ambitionierte Projekte wie Alexander Giesches Performance „Der perfekte Mensch“, und dem Tanzpublikum wurde gleich ein totaler Bruch mit über Jahre eingeübten Sehkonventionen zugemutet. In vielen Fällen zahlte sich dieser Mut aus. So zeigte „Mahler III“, eine Produktion von Benedikt von Peter in Zusammenarbeit mit Philharmoniker-Chefdirigent Markus Poschner, in der Sinfonie eine ungeahnte theatrale Dimension auf: klassische Musik jenseits der überholten Sekt- und Schnittchenkultur. Und die Schauspielsparte erhielt von Giesches Performancekunst, aber auch vom cineastisch gefärbten Realismus eines Mirko Borscht („Europa“) wichtige Impulse für Stoffe abseits der klassischen Erzählstruktur. So war endlich einmal eine überzeugende Inszenierung Jelinekscher Textlandschaften zu erleben („Aber sicher!“).

Produktionen wie diese haben dafür gesorgt, dass das Theater Bremen auch über die regionalen Grenzen hinaus wieder verstärkt wahrgenommen wird. Zu Recht hat die neue Leitung auf diese Veränderung mit Genugtuung hingewiesen.

Empfindlich hingegen zeigte man sich mitunter bei kritischen Betrachtungen der Zuschauerzahlen. Zwischendurch war der Zuspruch auf ein nahezu beängstigendes Maß abgerutscht, am Ende war es immerhin gelungen, die Marke von 150 000 zu übertreffen. Dennoch: Bei einem in den vergangenen zehn Jahren so krisengeschüttelten Haus wie dem Theater Bremen ist eine öffentliche Diskussion über eine solche Zahl ganz selbstverständlich.

Und es gibt ja auch Gründe für die Startschwierigkeiten der neuen Intendanz beim heimischen Publikum. Etwa den ganz normalen Eingewöhnungsprozess, wie er bei Leitungswechseln vielfach zu beobachten ist. Vor allem aber die ständigen ästhetischen Neuausrichtungen der vergangenen Jahre. Erst hatte Hans-Joachim Frey das traditionell politische Stammpublikum zugunsten einer eher konservativen und konsumfreudigen Schicht vergrault. Dann versuchte das zwischenzeitliche fünfköpfige Führungsteam wieder die Rolle rückwärts. Nach derartigen Volten und Pirouetten bleibt nicht mehr viel übrig von einem etablierten Stammpublikum, das sich gemeinsam mit seinem neuen Intendanten geduldig auf die Suche nach neuen ästhetischen Ansätzen begeben könnte. Dabei ist eine solche Suche unerlässlich, wenn sich Theater als Institut der Selbsthinterfragung einer Gesellschaft verstehen soll.

Wichtiger als eine hohe Auslastung ist ohnehin das wirtschaftliche Verantwortungsbewusstsein. Die umstandslose Verschiebung zweier geplanter Produktionen in die nächste Spielzeit erscheint vor diesem Hintergrund durchaus bemerkenswert. In der Vergangenheit hätte solche Weitsicht dem Theater manche Finanzkrise erspart.

Der Neustart am Theater Bremen war also eine Spielzeit mit Licht und Schatten. Anlass zu Optimismus gibt, dass es die künstlerischen Darbietungen sind, auf welche das Licht scheint – während das Dunkel (noch) über dem Reich der Zahlen liegt: Der umgekehrte Fall wäre weitaus schlimmer.

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