Wohlfeiler Punktsieg: „Der Vorname“ am Schauspielhaus Hannover

Adolf geht gar nicht

Wie einst Charlie Chaplin: Vincent (Hagen Oechel) beim Ballonspiel. ·
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Wie einst Charlie Chaplin: Vincent (Hagen Oechel) beim Ballonspiel.

Hannover - Von Jörg Worat. Ein Treffen in gehobener bürgerlicher Runde eskaliert: Spätestens seit den Stücken von Yasmina Reza („Der Gott des Gemetzels“) ist dieses Thema auf Theaterbühnen wie im Film sehr beliebt. Im Schauspielhaus kam mit „Der Vorname“ von Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte ein weiteres Exemplar dieser Gattung zur Premiere.

Der Anlass der Zerwürfnisse bei dieser Form des veredelten Boulevards ist zumeist ein vergleichsweise nichtiger, zumindest keiner, den man mit etwas gutem Willen nicht vernünftig besprechen könnte. Hier sorgt der Immobilienmakler Vincent, zu Besuch bei Literaturprofessor Pierre und dessen Ehefrau Elisabeth, für Befremden, indem er den künftigen Namen des noch ungeborenen Sohns verrät: „Adolphe“ soll der Knabe heißen.

Man zeigt sich nicht amüsiert, debattiert über Geschichte im Allgemeinen und Hitler im Besonderen, doch der Streit driftet zunehmend ins Persönliche. Der Musiker Claude, ebenfalls zu Gast, versucht vergebens, sich aus den hitzigen Wortgefechten herauszuhalten, und wartet nach einer üblen Beleidigung seinerseits mit einer überraschenden Enthüllung auf. Dass zwischendurch Vincents schwangere Gattin Anna eingetroffen ist, macht die Sache nicht besser – auch sie hat einiges Gift zu versprühen.

Jo Schramm hat für diese Turbulenzen ein angemessenes Bühnenbild entworfen, eine etwas überfeinerte Innenarchitektur mit einem großzügigen Panoramablick nach draußen. Regisseur Tom Kühnel scheint, wieder einmal, den Pointen nicht genug zu trauen, um auf einige mehr oder minder ausgelassene choreographische Verfremdungen zu verzichten: Da bewegen sich die Darsteller auf ein entsprechendes Stichwort hin etwa plötzlich wie in einer Modenschau, oder Vincent zitiert den Tanz mit dem Weltkugel-Ballon aus Charlie Chaplins Hitler-Satire „Der große Diktator“ (wobei der Ballon auch schon mal in den Zuschauerraum entschwebt).

Ob das alles zwingend nötig wäre? Eigentlich braucht man für derart geschliffene Pointen vor allem gute Darsteller, und die sind vorhanden. Mathias Max Herrmann zeigt gerade durch das richtige Maß an Understatement eine Glanzleistung als vorgeblich liberaler, in Wirklichkeit arg verbiesterter Professor. Hagen Oechel rüpelt sich genussvoll durch die Rolle des Vincent, dessen Ehefrau gibt Sarah Franke einen Schuss Schlampenhaftigkeit mit. Janko Kahle eiert als Claude schön nervig herum, und Carolin Eichhorst lässt die Elisabeth am Schluss völlig austicken – hier passt das auch, weil diese Figur bis dahin immer versucht hat, alle Wogen zu glätten. Fast unglaublich, dass die Darstellerin bei dieser Monstertirade nicht aus der Puste kommt; dafür gibt’s zu Recht Szenenapplaus.

Überhaupt ist der Jubel an diesem Abend groß. Ketzerisch mag man fragen, ob dieser Punktsieg nicht etwas zu wohlfeil errungen wurde – wenn als Urmutter solcher Stücke gern Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ genannt wird, ist das insofern völlig unangebracht, als es sich dabei um die wesentlich tiefgründigere Geschichte einer pervertierten Liebe handelt.

Kommende Vorstellungen: am 12. und 21. Dezember, jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus Hannover.

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