Rockmusiker über die Beatles, Bravo Hits und musikalische Reisen

Achim Reichel im Interview: „Ich bin kein Einfacher“

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Achim Reichel spielt am 13. April in der Glocke – und es gibt sogar noch Karten.

Bremen - Von Jörg Worat. Als Mitglied der „Rattles“ und der Band „Wonderland“ gehörte Achim Reichel zu den Pionieren der deutschen Rockmusik, tourte mit den „Beatles“ und den „Rolling Stones“. Später brachte er ein Album mit Seemannsliedern heraus, vertonte den „Zauberlehrling“ und den „Erlkönig“, arbeitete mit dem zeitgenössischen Dichter Jörg Fauser zusammen.

Kurz, Stillstand ist Reichels Sache nicht, wie sich auch aktuell erweist, gleichsam im Sinne einer Wiederentdeckung: Als der Musiker zu Beginn der 70er-Jahre mit meditativen Bandschleifen zu experimentieren begann, die man heute als „Ambient“-Musik bezeichnen würde, stieß er auf viel Unverständnis. Nun ist das Projekt „A.R. & Machines“ wiederentdeckt worden und geht auf Tour: Am 13. April gastieren Achim Reichel, seine kleine Band und die Maschinen in der Bremer Glocke. Vorab sprach der 74-Jährige mit der Kreiszeitung.

Hat Sie das neu entfachte Interesse an „A.R. & Machines“ doch ein wenig umgehauen? Zumal das Projekt in grauer Vorzeit ja nicht überall gut ankam.

Achim Reichel: Das ist eben das Problem, wenn das Richtige zur falschen Zeit auf ein unvorbereitetes Publikum trifft. Wer seiner Zeit voraus ist, muss damit rechen, dass er unverstanden bleibt.

Stimmt es, dass Ihre Entdeckung der Loop-Technik ursprünglich auf einem Fehler bei der Bedienung Ihres Tonbandgeräts beruhte? Und da sich die Elektronik inzwischen beträchtlich weiterentwickelt hat: Was für Gerätschaften benutzen Sie heutzutage?

Reichel: Auch mir kam, wie bei vielen Entdeckungen, der Zufall zu Hilfe, aber darum gehörte nicht minder der kreative Impuls dazu, aus der Entdeckung auch einen Schuh werden zu lassen. Heute haben sich Computer mit speziellen Softwareprogrammen als hilfreich herausgestellt, von denen wir in den frühen 70ern nur träumen konnten.

Mal ehrlich: Haben Sie jemals ernsthaft daran gedacht, dass Sie es sich einfacher machen könnten – so nach dem Motto „Die Leute würden doch auch zu meinen Auftritten kommen, wenn ich nur noch dasitze und meine alten Platten auflege“?

Reichel: Die Frage mit dem „einfacher machen“ ist mir schon des Öfteren gestellt worden. Offensichtlich bin ich selbst kein Einfacher, mir ist es wichtiger Dinge zu tun, die mir auch selbst gefallen. Dagegen würde es mir überhaupt nicht gefallen, eine Masche so lange zu reiten zu müssen, bis man mich damit vom Hof jagt. Das mit dem „nur alte Platten auflegen“ kann noch auf sich warten lassen.

Ein bisschen Rückschau in die Anfangszeit Ihrer Karriere: Es gab ja damals eine gewisse Tendenz, dass man entweder zur Beatles- oder zur Stones-Fraktion gehörte. Haben Sie sich auch auf eine Seite geschlagen?

Reichel: Die Beatles waren für mich immer die Kreativeren. Was mir an den Stones gefällt, ist das Gitarrenspiel von Keith Richards, kompositorisch reichen sie nach meinem Geschmack nicht an die Beatles heran.

Wie finden Sie es, dass die Stones immer noch unterwegs sind?

Reichel: Das finde ich einerseits recht imponierend, andererseits sind sie aber auch Gefangene ihres Genres, was dazu geführt hat, dass sie in der Zwischenzeit mit einer gehörigen Portion Selbstironie unterwegs sind.

Als Sie 1969 selbst den legendären Hamburger Star-Club pachteten, ging das einigermaßen schief. Sind Sie zu blauäugig an die Sache herangegangen?

Reichel: So kann man es nennen. Wir wollten einfach nicht wahrhaben, dass die Zeiger sich gedreht hatten. Bands, die früher für kleine Gagen im Star-Club spielten, waren in der Zwischenzeit zu Weltstars aufgestiegen und für uns unbezahlbar geworden.

Was für Musik hören Sie heutzutage privat? Mögen Sie auch Klassik?

Reichel: Naja, neulich hab ich mir mal eine aktuelle CD „Bravo Hits“ angehört, davon hat mich dann doch einiges ziemlich ratlos zurück gelassen. Da geht‘s mir bei Klassik anders, da weiß man, was man bekommt. Zur Zeit von „A.R. & Machines“ hörte ich gern Symphonische Dichtungen, wie zum Beispiel „Fontane di roma“ von Ottorino Respighi. Aber mir gefällt auch Ed Sheeran, es gibt da sogar etwas, was uns verbindet. Als ich in den 70ern das Looping von Musikbestandteilen unter Zuhilfenahme der Bandmaschine X-AKAI 330D als tragendes Prinzip für „A.R. & Machines“ entdeckte, konnte noch niemand ahnen, dass es eines fernen Tages handtellergroße Effektgeräte dafür geben würde. Und oh Wunder, einen Mann wie Ed Sheeran, der allein auf offener Bühne seine Loopmachine mit Gitarrenlinien füttert, bis ein Playback daraus erwächst, zu dem sich zur Krönung singen lässt.

Wenn Sie sich von einem Künstler malen lassen könnten, gleich aus welcher Epoche – wen würden Sie wählen und warum?

Reichel: Da würde ich mich für das Universalgenie Wolfgang Beltracchi entscheiden, der könnte sich dann die Epoche selbst aussuchen.

Wohin wird die nächste musikalische Reise des Achim Reichel gehen?

Reichel: Was soll ich über ungelegte Eier reden, solange so kleine Wunder geschehen, dass ein kleines Musikliebhaber-Projekt aus den 70ern, mit dem damals bei uns kein Blumentopf zu gewinnen war, auf verschlungenen Pfaden zu internationaler Wertschätzung gelangt, um gute 40 Jahre später auf der Bühne der Elbphilharmonie unter Jubel als „in der Zeit angekommen“ gefeiert zu werden. Sowas lässt sich nicht erfinden, das ist zu schön um wahr zu sein. Wenn das eigene Leben solche Überraschungen bereit hält, dann sollte man nicht davor weglaufen, und darum gönne ich dem singenden Reichel eine vorübergehende Pause und überlasse die Bühne den Klängen von „A.R. & Machines“, die Chill Out, Trance oder Ambient vorausgegangen sind.

Und wenn ein Zauberer Ihnen eine Zeitreise in Ihre Vergangenheit anbieten würde, mitsamt der Möglichkeit, irgendwann eine ganz andere Abzweigung zu wählen – würden Sie sie einschlagen?

Reichel: Wage ich nicht mir vorzustellen. Ich gehöre zu den seltenen glücklichen Menschen, die Anlass zu dem Glauben haben, für die Musik geboren worden zu sein. Heute blicke ich bei guter Gesundheit auf ein erfülltes Musikerleben zurück und kann meinem Schicksal nur dankbar dafür sein, dass es mich für den Job ausgesucht hat.

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