Absurdes von der Insel: Elfter „Bremer Kunst Satellit“ kreist über Zypern / Ausstellung in der Städtischen Galerie

Starrend im Hausflur

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Leben in einer Zone der Sprachlosigkeit: „Crosswalk“ von Stefan Jeep.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Manchmal sind es nur zehn Meter, dann wieder hundert: Ein schmaler Streifen Niemandsland, mitten in der Hauptstadt. Wo nur noch zerfallene Architektur vom Glanz vergangener Tage erzählt, während nebenan die Blauhelmtruppen patrouillieren. Was früher einmal ein lebhafter Straßenzug in der Altstadt Nikosias gewesen sein mag, trägt heute einen weniger klangvollen Namen: Pufferzone. Sie soll für die Bewohner den Frieden erhalten – indem sie die Menschen konsequent aussperrt, Begegnungen unterbindet und den Gedanken an Versöhnung aushebelt. Das gelebte Absurdum.

Besonders für Deutsche ist das eine allzu vertraute Szenerie, die mit dem Fall der Berliner Mauer lange der Vergangenheit angehört. Doch auch heute gibt es sie, diese absurden Inseln inmitten von Völkern. Puffer, die den Hass verwalten und einsperren sollen. Einer dieser Inseln des Absurden widmet sich eine gleichnamige Ausstellung in der Städtischen Galerie Bremen: Zypern. Auslöser für die Schau, an der sich fünf Künstler beteiligen, ist ein Austauschprojekt der etwas anderen Art. Seit nunmehr 13 Jahren gibt der „Bremer Kunst Satellit“ heimischen Künstlern die Möglichkeit, Ausstellungen und Projekte in der ganzen Welt zu verwirklichen. Allerdings geht es nicht nur darum, in anderen Ländern mal zu zeigen, was in Bremen künstlerisch so alles möglich ist, sondern um Land und Leute – und den Austausch.

Dieses Mal waren Susann Maria Hempel und Stefan Jeep mit dabei. Organisiert von Ursula van den Busch und kuratiert von Ingmar Lähnemann setzten sich die beiden Künstler während ihres einwöchigen Studienaufenthaltes mit den den dortigen absurden Konstellationen und völlig unterschiedlichen Materialien auseinander. Nachdem sie ihre Arbeiten in der zyprischen Hauptstadt Nikosia gezeigt haben, schließt sich nun die Bremer Schau an. Irritierte und irritierende Außenansichten zweier Touristen sind es, an die sich die Werke dreier vom zyprischen Konflikt unmittelbar Betroffener anschließen: Auch Giorgos Gerontides, Achilleas Kentonis und Maria Papacharalambous schaffen in der Neustadt kleine Inseln des Absurden.

Prototyp eines solchen Eilands ist Zypern selbst: Geografisch gehört es zu Asien, kulturell aber zu Europa. Seit der Teilung 1974 ist der Norden türkisch, der Süden allerdings weiterhin in griechischer Hand. Und um das alles noch wirrer zu machen, gibt es da die Pufferzone. Mitten durch Nikosia verläuft sie, teilt die Altstadt unerbittlich in Freund und Feind. Eine absurde Welt, der sich Stefan Jeep in einer eindrücklichen Videoinstallation nähert. Zu sehen ist ein Hausflur in eben jener Pufferzone, Stacheldraht und Sandsäcke blockieren die Tür. Hier kommt niemand mehr raus, zumindest nicht nach vorne, denn da liegt der nicht sichtbare neutrale Bereich. Ausgehend von zwei zeitversetzt filmenden Kameras wird in Jeeps Arbeit der Betrachter selbst Teil des ausgestorbenen Hausflurs. In das Bild projiziert, vermischt er sich mit der Szenerie, gedoppelt durch die Kameras wandelt er gleich zweimal durch den verwaisten Flur. Allerdings berühren sich diese beiden Menschen nicht, obwohl es nur einige Zentimeter sind, die sie trennen. Eine Interaktion ist nicht möglich, was bleibt, ist stummes Starren. Jene Sprachlosigkeit, die auch den offenbar unüberwindbaren zyprischen Konflikt prägt und die Jeep auf beklemmende Weise nachzeichnet.

Sind seine Arbeiten vor allem von der politischen und damit auch gesellschaftlichen Lage der Zyprer geprägt, wählt Susann Maria Hempel auf ihrer Insel einen anderen Ansatz. Ausgehend von der Arbeit für einen Film, führte Hempels Weg auf Zypern vor allem an den Strand. Dort fand sie naturgemäß Fischgräten und Müll, jede Menge Plastikmüll. Nun zieren die tierischen Reste und weggeworfene Deckel, Haken und Ösen in einer Art bunter Collage eine Wand. Zu merkwürdigen Figuren miteinander verbunden, und gepaart mit Fotografien und Aphrodite-Statuen, erzählen sie vom Kreislauf des Lebens. Wo achtlos weggeworfener Wohlstandmüll Fische und andere Tiere tötet, und dann aber immer noch nicht ausgedient hat. Denn er wird nicht verdaut, kann fast unbeschadet aus den leblosen Körpern geborgen werden – und wäre theoretisch wieder einsatzbereit. Plastik ist eben nur mit Hitze totzukriegen.

Dem gegenüber stehen nun drei Arbeiten zyprischer Künstler, darunter auch Achilleas Kentonis. Auf drei Fernsehern bebildert er in einer Endlosschleife einige der absurden Begründungen, die der Mensch findet, um ein Tier zu töten. Doch nicht nur die Gründe selbst, die von Unterhaltung über Wohlbefinden bis hin zu gastronomischen Aspekten reichen, auch die Art und Weise wird auf dieser Insel zum Ausdrucksmittel. Dabei darf natürlich der Klassiker nicht fehlen: Ein blutüberströmter Stier, der sich gerade noch mit letzter Kraft auf den Beinen halten kann – während die Masse auf den Rängen vor lauter Freude gar nicht mehr an sich halten mag. Doch nach dem Spaß kommt natürlich auch das Aufräumen, allerdings ist fraglich, ob der unter dem Fernseher klemmende Besen dafür ausreicht.

Der Masse ist das natürlich egal, und den Tango tanzenden Berlinern einen Schirm weiter sowieso. Selbstvergessen drehen sie auf dem Beton ihre Kreise, von Blumen und nervigen Insekten ist keine Spur zu sehen. Nur in weiter, sicherer Ferne stehen ein paar Bäume. Stattdessen gibt es Plastikblüten, zerbrochenes Glas und Wein, alles was der Städter von heute eben so braucht. Die richtige Natur möge bitte schön verschwinden, nicht, dass hier noch jemand gestochen wird. Oder – Gott bewahre – einen allergischen Schock bekommt.

Da die Inseln in der Städtischen Galerie auch immer Bezug aufeinander nehmen, darf bei Kentonis auch der Fisch nicht fehlen. Doch hier ist es nicht der Plastikmüll, der ihn tötet, sondern ein guter, alter Holzhammer. Genau, ein Hammer. Einer von der Sorte, die jeder gut sortierte Heimwerker im Werkzeugkasten liegen hat. Natürlich wird er in dieser Videoinstallation nicht für ein Do-it-yourself-Projekt benötigt. Obwohl, irgendwie doch. Zwei gezielte Schläge, mehr sind nicht nötig, um den einen frisch gefangenen Fisch ins Jenseits zu befördern. Raus aus dem Meer, rein in den Korb, noch ein paar Mal zappeln und ab in die Pfanne. So schnell kann das gehen, wenn man den Menschen in die Hände fällt. Die meinen das alles aber gar nicht böse, behauptet jedenfalls eine Inschrift auf einer Rolle Toilettenpapier. Sie sind Menschen – und die können nun mal nicht anders.

Bis 17. Januar in der Städtischen Galerie Bremen, Buntentorsteinweg 112. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr.

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