„Plafona“ von Sharon Eyal und Gai Behar in Oldenburg uraufgeführt

Abstrakt und archaisch

Freiheit wächst aus der Präzision, individuelle Energie aus der Formation: „Plafona“. ·

Oldenburg - Von Rainer Beßling · Ein Gesamtkunstwerk hatte am Sonnabend am Oldenburgischen Staatstheater Uraufführung, ein Kraftwerk der Emotionen, in dem auch die Musik den Raum körperlich erobert, in dem die Tanzenden nicht Träger von Rollen oder Figuren sind, sondern pure Präsenz und Dynamik – von einer großartig disponierten Tanzcompagnie Oldenburg temporeich umgesetzt.

Es ist eine intensive Stunde. Zeit und Raum scheinen bisweilen zwischen Rasanz und Statuarik ausgehebelt. Nach dem Schlussbild setzt sich das Geschehen noch lange vor dem inneren Auge und Ohr fort. Ein Reigen mit subtilen Varianten: Wiederholung und Abweichung schrauben sich hoch.

Ausdrucksmacht gewinnt „Plafona“ aus der Bündelung und Entfesselung, aus der Formierung und Befreiung körperlicher Energie. Fundament der Choreografie ist ein pochender Beat, der mit einem brillant geschichteten und aufgefächertem Spektrum an melodischen Motiven und Harmonien verschmilzt. Seine prägende Form bezieht das Stück aus der Konzentration und subtilen Virtuosität der Akteure, seine nuancenreichen optischen Schattierungen aus einer kunstvollen Lichtregie (Avi Yona Bueno).

Sollte „die Geschichte“ zum Bühnengeschehen erzählt werden, wäre dies wohl nicht nur zum Scheitern verurteilt, sondern auch ein verfehlter Ansatz. Dabei bietet „Plafona“ von Sharon Eyal und Gai Behar auch Ansatzpunkte für inhaltliche Assoziationen.

Die Mechanik uniformer Bewegungen könnte ebenso auf eine alles dominierende Maschinenwelt wie auf eine gleichgeschaltete Gesellschaftsform oder die Nivellierung von Verhaltensmustern verweisen. Das Spiel mit den Geschlechterzuweisungen – die Tänzer tragen Langhaar-Perücken, die Tänzerinnen das Haar streng geknotet, alle sind nahezu gleich kostümiert (Maayan Goldman), heben die Fersen in luftige Höhen – könnte zu Reflexionen über Gender oder Geschlechter-Uniformität Anlass geben. Auch die Musik von Ori Lichtik fußt auf seriellem, manipulativem, einpeitschendem Techno-Puls. Doch zugleich schälen sich aus den gnadenlosen Mustern und Wiederholungen Gesichter und Möglichkeiten des Individuums. Aus der Präzision entspringen Freiheit und Kraft.

So entwickeln sich in den Ensemble-Reihen und -Feldern stets neue Bewegungsvarianten mit meist klaren Konturen. Diese Wucht und Formationsmacht der Gruppe erfährt immer wieder individuelle Gegenpole. In manchen Soli bilden fließende und runde Bewegungen kontrastierende Linien. An anderen Stellen sind „solistische“ Partien und Duette fast übergangslos eingebettet in das Ensemble, als konzertierende Stimme des Ganzen. So ist die Form der Inhalt von „Plafona“, Form aber wie bei jeder guten Abstraktion nicht als selbstgenügsames reines Spiel, sondern als Träger von Emotionen, Atmosphären und Zeichen, die sich in unterschiedliche Richtungen lesen lassen.

Hinter einer Mechanik von Bewegung und Musik werden tief sitzende menschliche Potenziale spürbar, an der Seite von Abstraktionen offenbaren sich archaische Rituale, der Maschinentakt entwickelt seine meditative, suggestive Kraft. Pure Intensität, die so bisher von den Oldenburger Tänzerinnen und Tänzern noch nicht zu sehen war.

Nächste Vorstellungen: 19.5.; 7., 13., 16. und 22.6.

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