Hoffnungslosigkeit trifft auf Inselzauber: Doppelte Erstaufführung in Oldenburg

Abschied von der Liebe

Dinah (Nina Bernsteiner) und Sam (Aarne Pelkonen) leben zwischen den Podesten. - Foto: Stephan Walzl

Oldenburg - Es sind musikalisch zwei sehr unterschiedliche Opern, die im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters zu einem gleichermaßen berührenden wie unterhaltsamen Opernabend gekoppelt werden. Beide Werke wurden in den fünfziger Jahren uraufgeführt: „La voix humaine“ („Die menschliche Stimme“) von Francis Poulenc 1959 und „Trouble in Tahiti“ („Ärger in Tahiti“) von Leonard Bernstein 1952. Gemeinsam ist beiden, dass sie von zerbrochenen Beziehungen handeln.

„La voix humaine“ beruht auf einer Dichtung von Jean Cocteau. Eine junge Frau telefoniert mit ihrem Liebhaber, der sie verlassen hat. Nur sie ist zu sehen, der Gesprächspartner nicht. Vergeblich versucht sie, ihn zurückzugewinnen. Sie durchlebt dabei ein Wechselbad der Gefühle: Angst, Wut, Hoffnung und tiefe Verzweiflung. Mit gespielter Gleichgültigkeit will sie Haltung bewahren und Stärke zeigen. Aber sie zerbricht an dem Verlust und erdrosselt sich am Ende mit der Telefonschnur.

Die Sopranistin Nina Bernsteiner gestaltet diesen, nur von Carlos Vázquez am Klavier begleiteten Monolog mit bezwingender Intensität. Die körperliche Ausdruckskraft und die feinen Nuancen der stimmlichen Umsetzung, die von lyrischer Süße bis zum expressiven Ausbruch reichen, sind beklemmend. Sprechgesang wechselt mit ariosen Passagen. Nachdem die Frau ihr letztes „Ich liebe dich“ in den Hörer geschleudert hat, zieht sie den Stecker des Telefons. Es gibt keine Hoffnung mehr. Die Regisseurin Julia Wissert hat die Bühne in ein depressives Halbdunkel getaucht und lässt das Seelendrama in einem nie nachlassenden Spannungsbogen abrollen.

Bernsteins „Trouble in Tahiti“ kommt da schon deutlich fröhlicher daher, obwohl es auch hier um eine zumindest angeknackste Beziehung geht. Aber schon allein die Musik von Bernstein, die dem Musical und dem Jazz näher steht als der Oper, spricht eine andere Sprache als die von Poulenc. Die sechs Musiker unter der Leitung von Carlos Vázquez sorgen für Schwung – von swingenden Songs bis zum Walzer. Vieles von seiner späteren „West Side Story“ wird hier schon vorweggenommen. Aber die oberflächliche Heiterkeit, die sich auch im Bühnenbild von Thurid Peine und in den Kostümen von Viola Weltgen zeigt, täuscht: Dinah und Sam haben sich nicht mehr viel zu sagen. Er interessiert sich nur für sein Geschäft und seine sportlichen Erfolge, sie verbringt ihre langweiligen Tage entweder beim Psychiater oder im Kino.

Auf der Bühne stehen weiße Kästen in verschiedenen Formen und Größen. Für Dinah sind es Kühlschränke oder Waschmaschinen als Symbol für gehobenen Lebensstil, für Sam sind es einfach Podeste für seine vielen Sportpokale. Dinah sieht im Kino den kitschigen Film „Trouble in Tahiti“, der der Oper den Titel gab. Wissert leuchtet die Bühne dazu in orangefarbigem Licht aus und lässt Flitter vom Himmel regnen. Es ist ein unwirklicher „Inselzauber“, der hier beschworen wird und nichts mit dem realen Leben zu tun hat. Aber er wirkt doch ein bisschen. Denn in Wirklichkeit sehnen sich Dinah und Sam zu neuer Nähe und drücken das, jeder für sich, mit einem gefühlvollen Lied aus, das an „Somewhere“ erinnert. Vielleicht haben beide doch ein kleines Stückchen von dem Inselzauber aus dem „Tahiti“-Film in ihren Alltag gerettet.

Neben den Protagonisten Nina Bernsteiner, die als Dinah hier gekonnt in eine ganz andere Rolle schlüpft, und dem Bariton Aarne Pelkonen als Sam gibt es noch ein Figurentrio (Carolina Walker, Maciej Michael Bittner und Kim-David Hammann), das eine ähnliche Funktion hat wie der Chor in der antiken Tragödie und munter kommentierend über die Bühne wuselt.

Nächste Vorstellungen: 26. März, 3. und 14. April, Oldenburgisches Staatstheater.

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