„Positionen – Verführung aus dem Serail“ gibt Bremer Bürgern eine Stimme

Abhängen im Harem

Geheimnisvoller Orient: Zeynep Tugçe Özdemir, Lisa Florentine Schmalz, Christoph Heinrich und Patricia Andress geben Bremern eine Stimme. Foto: Jörg Landsberg

Bremen - Von Rolf Stein. Man kann, wie Alexander Riemenschneider es in dieser Spielzeit tat, Mozarts „Entführung aus dem Serail“ in unsere Gegenwart transportieren, in den „Darkroom des Begehrens“, wie es ein Kritiker ausdrückte. Man kann das „deutsche Singspiel in drei Aufzügen“ auch ideologiekritisch analysieren und formal aufbrechen. Benedikt von Peter und Gintersdorfer/Klaßen schufen in der Spielzeit 2014/15 in Bremen mit „Les Robots ne connaissent pas le Blues oder Die Entführung aus dem Serail“ eine der radikalsten, klügsten, aber auch unterhaltsamsten Musiktheaterinszenierungen der vergangenen Jahre.

Vendula Nováková unternahm nun einen dritten Versuch, aus dem Opern-Evergreen noch etwas Neues herauszuholen. Und begab sich dafür auch an Orte, wo man nicht groß herumdruckst, um zu verschleiern, dass man Mozarts Oper eigentlich gar nicht kennt. Apropos Schleier. In der „Entführung“, die Mozart mit dem Auftrag Kaiser Josephs II. schrieb, eine österreichische Nationaloper zu schaffen steht der Serail für den Orient schlechthin und damit für „das Fremde“, dem sich das Publikum voll Angstlust aussetzt. Dass das von der sogenannt „türkischen Musik“ bis zu allerlei Gepflogenheiten schon bei Mozart reine Projektion ist, versteht sich von selbst.

Ob ein heutiges Publikum, zumal eines, das mit dem Kanon des Musiktheaters nicht einmal fremdelt, da andocken kann, ist im Grunde die Frage, die „Positionen – Verführung aus dem Serail“ sich und uns stellt. Dass auf der Probebühne gespielt wird, ist deshalb plausibel.

Recherchiert hat Nováková mit ihrem Team bei einer Reihe von Konzerten im Stadtgebiet, im Bürgerzentrum Neue Vahr, im Blumenthaler Nunatak, einem Wohnzimmer in Schwachhausen und anderswo. Im informellen Rahmen durfte, wer mochte, eine Reihe von Fragen beantworten, deren Aufzeichnungen zu einer Art Libretto verarbeitet wurden. Worum es in der „Entführung“ gehe, wurde da gefragt. Was man beim Anblick einer verschleierten Frau empfinde. Wie stellen Sie sich den Orient vor? Wie viele Frauen oder auch Männer hätten Sie gern in Ihrem Harem? Wie stellen Sie sich das Paradies vor? Und noch ein paar mehr.

Richtig, das ist schon eine ganze Menge. Fast 70 Menschen bantworteten die Fragen, die , oft hübsch verdichtet, einen Teil der Tonspur dieses 90-minütigen Abends bilden. Daniel Moreira hat aus Mozarts Musik, den Bremer Stimmen und zusätzlichem Text- und Tonmaterial einen ziemlich gescheckten Reigen gesponnen. Puccinis „Madama Butterfly“, in der Exotismus schließlich ebenfalls Thema ist, Edward Saids „Orientalismus“-Thesen – und wahrscheinlich haben wir noch etwas vergessen.

Diese Fülle sorgt dann auch dafür, dass dieser durchaus unterhaltsame, charmante und nicht selten anrührende Abend eher in die Breite geht als in die Tiefe. Dafür bekommt das Publikum Gelegenheit, die Sopranistin Patricia Andress am Schlagzeug zu erleben, während ihr Ensemblekollege Christoph Heinrich den Bass spielt. Und das ganze Ensemble beim Abhängen der Wäsche zu beobachten, die auf Leinen liebenswert kreuz und quer durch den Raum hängt.

Im Anschluss lädt dann das Ensemble zum Tee und zum Gespräch ein. Ganz informell. Oper auf Augenhöhe. Das ist vielleicht das Bestechendste an diesem Theaterabend.

Weitere Termine:

Samstag, 18 Uhr, Sonntag, 20 Uhr, Probebühne, Treffpunkt vor dem Kleinen Haus, Theater Bremen.

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