„Kinderzeit“: Bilder von der Renaissance bis zur Moderne in Oldenburg

Abbilder und Miniaturen

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Malcolm Morley zeigt ein afghanisches Mädchen im Schatten der Familienordnung.

Oldenburg - Von Rainer Beßling. Nach Kindheit sieht das Porträt nicht aus, schon gar nicht nach einer unbeschwerten. Der kleine Erdtmann Without steckt in kostbaren bürgerlichen Gewändern, die steife Miniatur eines Erwachsenen. Silbertaler an einer Kette könnten auf die Herkunft des Kindes verweisen.

Eine Inschrift auf dem dunklen Bildgrund fasst sein Schicksal in dürren Lebensdaten zusammen. Nicht älter als drei Jahre ist der Junge geworden.

Die Kindersterblichkeit im 17. Jahrhundert war groß. So steht am Anfang der aktuellen Ausstellung im Landesmuseum Oldenburg auch eine heute befremdliche Bildnisform: das Porträt eines toten Kindes. Es scheint zu schlafen, immergrüne Tannenzweige symbolisieren ewigen Frieden, Rosen und Nelken irdische Vergänglichkeit. Repräsentation und Erinnerung – vor allem diese Funktionen erfüllten gemalte Kinderbildnisse bis zu ihrer Ablösung durch die Fotografie. Adel und gehobenes Bürgertum gaben stolz und strategisch Porträts ihrer Nachkommen in Auftrag, nicht zuletzt um den Rang der Familie auszuflaggen und die Kinder früh einer standesgemäßen Vermählung zuzuführen. So kursierten Tafelbilder der Sprösslinge zuhauf zwischen den Höfen.

Später griffen Maler Kindheit und Familienleben in ihren Genredarstellungen auf. Von der Renaissance bis zur Moderne spiegeln die Bilder die Entwicklung der „Kinderzeit“, so der Titel der Ausstellung, wider. Zudem lässt sich an diesem Längsschnitt die Entwicklung des künstlerischen Blicks auf Kinder und Jugendliche, Mütter und Väter, Familie und Gesellschaft ablesen. Und es ließe sich die These von Philippe Ariès überprüfen, „dass die ,Jugend‘ (...) das bevorzugte Alter des 17., die ,Kindheit‘ das des 19. und die ,Adoleszenz‘ das des 20. Jahrhunderts“ sei.

Im späten 17. Jahrhundert verlieren die Kinder-Darstellungen an Steifheit. Der Nachwuchs wird lässiger und sich seiner schon selbst bewusst inszeniert. Töchter empfehlen sich, wie in einem Bild von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, als Nachfolgerinnen der Mutter im heimischen Kosmos. Prinz von Noer zeigt in einem Bild des bekannten dänischen Porträtmalers Jens Juel Feldherren-Qualitäten. Umgeben von Trommel und Spielzeugpferd, fasst der Junge forsch nach vorn, als greife er schon nach der Macht und als weise er bereits Truppen den Weg.

Das eher raue Leben in Spiel- und Schulstuben ist bereits um 1800 ein beliebtes Thema. Später kommen Darstellungen von Waisenhäusern hinzu. Gotthard Kuehl malt, offenkundig beeinflusst von Max Liebermann, um 1906 eine „Nähstunde im Waisenhaus“. Die nahezu idyllisch anmutende Szene in warmen Sand- und vitalen Rottönen lässt eine Idealisierung des Lebens der Mädchen vermuten. Conrad Felixmüller zeigt in seinem farbstarken expressionistischen Bild aus dem Jahr 1924 ein Mädchen vor einer „Kinderbewahranstalt“. Seine Wangen sind von der Winterkälte tief gerötet. Es schaut den Betrachter ernst an, wie früh gealtert und untröstlich. Die bittere Strenge des Blicks trifft tief. Eine stumme Anklage an eine Gesellschaft, die solch eine „Kinderzeit“ verursacht und zulässt. Paula Modersohn-Beckers „Blondes Mädchen und Junge in rotgestreiften Kleidern“ (um 1903) ist nicht so offensiv, doch nicht weniger berührend in der unpathetischen Schilderung dörflicher Armenhaus-Schicksale.

„Die Kinder des Neustädter Arztes Karl Krah“, gemalt von Detlev Conrad Blunck, schildern um 1850 schönstes Familien-Biedermeier. Das Quintett ist adrett ausstaffiert. Die Kleider schnüren nicht mehr ein wie noch bei den bürgerlichen Bildnissen 100 Jahre zuvor, sondern vermitteln eher eine Eigenbereitschaft der Kinder zur Erfüllung ihrer künftigen Rollen. Mädchen tragen Blumengebinde, der ältere Junge blickt nachdenklich in die Ferne, sein Bruder darf sich mit Federballspielen vergnügen, wobei Spaß diesen beherrschten Gesichtern nicht abzulesen ist. Die Kulisse dieser Nachwuchs-Idylle bildet eine aufgeräumte Ideallandschaft.

Kinder nicht in Vorbereitung auf künftige Rollen inszeniert, sondern als Abbilder einer ruppigen Erwachsenenwelt malt Wilhelm Busch in dynamischen Szenen. Bei seinen balgenden Schusterjungen geht es um Besitzanspruch, Kampf und die Macht des Stärkeren. Welche Welt die Erwachsenen ihren Kindern hinterlassen, thematisiert Harald Duwe in seinem Bild „Ein Platz an der Sonne“. Ein fast nackter Junge spielt neben einem Motorrad in einem Berg von Abfall, Sinnbild für Vergnügungssucht und Egoismus der Elterngeneration.

Das jüngste (2002) und größte Bild der Ausstellung stammt von Malcolm Morley. Es zeigt ein etwa zwölfjähriges Mädchen in leuchtend gelbem Kleid vor einer bunten Zeltwand. Neben dem Kind liegen große Schatten auf dem Stoff, vermutlich die ihrer Familie. Im Schatten von Krise und Krieg leiden die Mädchen unter den Verfügungen der Familie und der Religionsfürsten. Hinter der folkloristisch verkleideten „Kultur“ verbergen sich Unterdrückung und Zerstörung der „Kinderzeit“.

Landesmuseum Oldenburg, Prinzenpalais. Bis 12. Mai 2013. Di-So 10-18 Uhr.

Eintritt: 5 Euro.

Katalog, 207 S., 22,90 Euro.

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