Bilder einer Faszination und Krise

Pablo Picasso war von der 19-jährigen Sylvette David begeistert und porträtierte sie 1954 in rund 50 Werken. n Foto: A. Villers

Bremen - Von Rainer Beßling. Christoph Grunenberg, Direktor der Kunsthalle Bremen, ist derzeit weltweit unterwegs. Er bemüht sich um Leihgaben für eine große Picasso-Ausstellung im kommenden Frühjahr.

Erstmals will sein Haus den 1954 entstandenen Werkkomplex „Sylvette“ so umfassend wie möglich ausstellen. Ein besonders schönes Porträt der damals 19-jährigen Sylvette David befindet sich im Besitz des Bremer Museums. Wir sprachen mit dessen Direktor über sein Projekt.

Herr Grunenberg, mit welchen Argumenten überzeugen Sie potenzielle Leihgeber, Ihnen ihre Sammlungsstücke anzuvertrauen?

Christoph Grunenberg: Da sprechen Sie die größte Herausforderung an, vor der ich stehe. Es handelt sich teils um fragile Objekte, es sind äußerst wertvolle Stücke dabei und Werke, die den Besitzern besonders am Herzen liegen, mit denen sie täglich leben.

Wie viele Werke aus Picassos Sylvette-Gruppe befinden sich in Privatbesitz?

Grunenberg: Eine erstaunlich große Zahl, um die 35 schätze ich von insgesamt rund 50 Sylvette-Werken.

Vermutlich wollen Sie die gesamte Werkgruppe in Bremen versammeln. Eine realistische Perspektive?

Grunenberg: Das ist ein Traum, von dem ich weiß, dass er nicht in Erfüllung gehen wird. Die Werke sind über den ganzen Globus verstreut. Von manchen wissen wir nicht, wo sie sich befinden. Sie wurden zwar 1954 ausgestellt, oder ihre Existenz ist dokumentiert, doch seitdem sind sie nicht wieder aufgetaucht, nicht in Auktionen, nicht auf Ausstellungen, nicht in Publikationen.

Zur Anfangsfrage: Wie werben Sie bei Sammlern und Museen für Ihr Projekt?

Grunenberg: Ein Argument ist, dass wir hier die Werkgruppe „Sylvette“ zusammenbringen können, erstmals in der Geschichte. Die Werke entstammen einer Zeit, die für Picasso schwierig war. Er befindet sich Mitte der 1950er-Jahre in einem Übergang, in einer Krise, die sein Privatleben und sein Schaffen betrifft. Er trennt sich von Francoise Gilot und lernt Jacqueline Roque kennen, seine letzte Liebe und Lebensbegleiterin. Ein weiteres Argument ist das Modell Sylvette selbst, die als Zeitzeugin hinter dem Projekt steht.

Kann sie Ihre Bemühungen um Leihgaben unterstützen?

Grunenberg: Ja, sie ist stark involviert, sie unterstützt unsere Anfragen, sie kennt die Picasso-Familie, sie kennt Direktoren der Picasso-Museen.

Welchen Rang weisen Sie der Sylvette-Gruppe in Hinblick auf das Gesamtwerk Picassos zu?

Grunenberg: In einem gewissen Grad steht genau diese Frage im Zentrum der Ausstellung. Es handelt sich hier um eine relativ unbekannte Serie und, was sehr schön ist, um eine abgeschlossene. Wir haben rund 50 Porträts, die der Künstler in dem relativ kurzen Zeitraum von zwei Monaten geschaffen hat. Wir können seine Arbeitsprozesse, sein Denken, die Entwicklung einer Idee und die Auseinandersetzung mit einer Figur, mit einem Frauentypus, genau verfolgen.

Picasso scheint mit dieser Werkgruppe kein neues Kapitel aufzuschlagen, sondern sein stilistisches Repertoire aufzufächern. Macht auch die Verdichtung formaler Möglichkeiten die Serie interessant?

Grunenberg: Das kann man so sagen, gleichzeitig möchte ich widersprechen. Picasso besitzt natürlich zu dieser Zeit eine große Virtuosität. Im Fall der Bremer Sylvette malt er eine nahezu klassische griechische Schönheit. Eine Woche später ist ein Sylvette-Porträt ein post-kubistisches Bild. Manchmal kommen verschiedene Stile in einem Bild zusammen. Und doch gibt es bei Picasso immer eine Entwicklung. Der Höhepunkt der Sylvette-Serie sind die gefalteten und bemalten Blechskulpturen. Der Künstler entwickelt in diesem Medium etwas Neues. Er spielt mit der Fläche im Raum, mit einer skizzenhaften Form des Bildnisses. Das ist ein wichtiger Schritt hin zum Werk der späten 50er- und der 60er-Jahre, in dem sich ein besonderer Dialog zwischen Skulptur und Malerei herausbildet.

Auch wenn die Ausstellung der Sylvette-Gruppe eine Premiere ist, Forschungsergebnisse existieren ja.

Grunenberg: Das ist richtig, dennoch gibt es noch viel zu tun, insbesondere was die Chronologie der Werke und ihre Einordnung in den historischen Zusammenhang betrifft. Zugleich stellt sich die Frage, was Picasso an Sylvette so faszinierte.

Sylvette als Repräsentantin des Zeitgeistes, als Widerspiegelung des Teenager-Typus – wie wird dies in der Ausstellung thematisiert. Rund 150 Exponate sind angekündigt, welche Aspekte des Kontextes sind noch zu erwarten?

Grunenberg: Die Zusammenhänge sind uns ganz wichtig. Gerade im Sylvette-Zyklus ist eine Spannung erkennbar: Auf der einen Seite spiegelt er eine Epoche wider, einen Zeitstil. Auf der anderen Seite haben wir einen Künstler, dessen Leben und Schaffen nahezu ein Jahrhundert umspannt und Stilmerkmale von Epochen transzendiert. Wir versuchen die Werke in ihre Zeit einzubetten und im Gesamtschaffen des Künstlers zu verankern. Das Thema Porträt tritt prominent auf. Bildnisse von Gilot und Roque sind zu sehen, die „Sylvette“ umrahmen. Hinzu kommt das Thema „Maler und Modell“, mit dem sich Picasso direkt vor dem Zusammentreffen mit Sylvette umfassend beschäftigt hat. Ein weiteres Kapitel ist die Rezeption. Schon früh gab es einen großen Medienrummel. Wir fanden viele unbekannte Aufnahmen renommierter Fotografen.

Wie schätzen Sie den Rang des Bremer Sylvette-Gemäldes im gesamten Zyklus ein?

Grunenberg: Nachdem ich mich mit dieser Serie intensiv beschäftigt habe, finde ich, dass es ein hervorragendes Beispiel ist. Das hätte ich anfangs nicht so hoch eingeschätzt. Unter den Darstellungen, die kontrolliert und nahe am Modell sind, ist sie eines der am meisten vollendeten Werke.

Das Bild wurde bereits ein Jahr nach seiner Entstehung von der Kunsthalle Bremen angekauft. Ist der Ankauf einvernehmlich betrieben und begrüßt worden?

Grunenberg: So weit ich weiß, ja. Das ist auch ein Thema, das wir untersuchen werden. Es handelt sich ja um einen interessanten lokalen Aspekt, dass der Bremer Kunsthändler Michael Hertz, von Kahnweiler für den Vertrieb von Picasso-Grafik in Deutschland beauftragt, an dem Erwerb dieses Werkes beteiligt war.

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