15-CD-Box „Herbert Blomstedt: The San Francisco Years“ hat keinen Ausfall und viele Höhepunkte

Hochintelligent und sehr seriös

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Syke - Von Jörg Worat. Wenn es um Klassik-Boxen geht, die einem Dirigenten gewidmet sind, steht 2014 immer wieder Herbert von Karajan im Mittelpunkt – das ist dessen 25. Todesjahr geschuldet. Andere Veröffentlichungen drohen darüber ein wenig unterzugehen. Und das wäre möglicherweise sehr schade, wie der Fall von „Herbert Blomstedt: The San Francisco Years“ beweist. - Von Jörg Worat.

Gewiss konnte Blomstedt nie mit der strengen Noblesse eines Karajan oder dem überschäumenden Showtalent eines Bernstein punkten. Doch der in den USA geborene Schwede hat seine ganz eigenen Qualitäten, die er wohl am besten in seiner Zeit mit der San Francisco Symphony (SFS) in den Jahren zwischen 1985 und 1995, ausspielen konnte.

Der Titel der 15-CD-Box mag zu Missdeutungen führen: Dort sind keineswegs die kompletten Aufnahmen dieser Konstellation versammelt. Manche Fans dürften besonders bedauern, dass die vielgerühmten Zyklen zu Sibelius und Nielsen jeweils nur mit einer CD vertreten sind. Über die Gründe für solch eine Zurückhaltung kann man nur spekulieren; vielleicht spielten Marketing-Überlegungen der Art eine Rolle, dass man nicht das Risiko eingehen wollte, potenzielle Käufer mit einer – entsprechend kostspieligen – Megabox dieses vergleichsweise unglamourösen Dirigenten abzuschrecken.

Statt zu beklagen, was fehlt, scheint es indes naheliegender zu rühmen, was vorhanden ist. Zumal jede dieser CDs bekanntermaßen ihren Fankreis hat, und wer sie einzeln erwerben wollte, müsste einen unvergleichlich höheren Gesamtpreis berappen. Tatsächlich gibt es in der Box keinen einzigen Ausfall und viele, viele Höhepunkte.

Blomstedts Herangehensweise ist durchweg hochintelligent und sehr seriös. Jegliches musikalische Material wird bis ins Detail durchdrungen, die Phrasierungen wirken logisch, und auch wenn es mal etwas turbulenter zugeht, bleibt nichts im Ungefähren. Die SFS war vielleicht der optimale Klangkörper für den Dirigenten, der zuvor unter anderem mit der Staatskapelle Dresden und danach mit dem Leipziger Gewandhausorchester gearbeitet hat: eine wunderbare Mischung aus Esprit, Eleganz und Disziplin, mit einem bestechend homogenen Gesamtklang – von einem solchen Blech etwa können andere Orchester nur träumen. Übrigens ist auch die dynamische Bandbreite extrem groß, was bedeutet, dass hier leise wirklich leise bedeutet und die Lautstärke daher nicht gar zu unbedarft ausgesteuert werden sollte.

Wenig überraschend, dass Blomstedt zum skandinavischen Repertoire eine besonders enge Beziehung hat. Seine Nielsen-Interpretationen, in der Box die Symphonien Nr. 2 und 3, sind in der Tat Extraklasse: Das lebt und bebt und wird doch nie unangemessen pathetisch. Sibelius, Grieg, auch der weniger bekannte Berwald kommen dem Hörer bei Blomstedt sehr nahe. Aus gutem Grund hat aber auch die Beethoven-CD einen ausgezeichneten Ruf, weil der Donnergott hier stets Bodenhaftung behält – viele Fans finden es schade, dass der Dirigent mit diesem Orchester nur die 1. und 3. Symphonie aufgenommen hat: eine leichte, aber nicht leichtfertige Umsetzung.

Ähnlich schlüssig fallen auch Hindemiths „Mathis der Maler“ oder das „Deutsche Requiem“ von Brahms aus. Und auch wer immer der Meinung war, Mendelssohn hätte einen Hang zum Banalen gehabt, wird sich der Frische von Blomstedts Lesart der 3. und 4. Symphonie kaum entziehen können. Diskutabler scheint da schon Bartóks „Konzert für Orchester“, das zwar ebenfalls zweifellos lebendig daherkommt, aber dann doch etwas mehr Drama bis hin zu Anflügen von Zerrissenheit vertragen könnte. Und bei Orffs „Carmina Burana“ mag man bewundern, wie präzise im Gegensatz zu vielen anderen Interpretationen gearbeitet wird – doch dieses Werk darf, mit Verlaub, hier und da ruhig einen Tick verschwitzt klingen.

Herbert Blomstedt: The San Francisco Years (15CDs, Decca)

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