Faszination Festival: Alle wollen raus aus dem Alltag

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Es geht auch um Musik, aber eben nicht nur: Festivals sind „Kollektiv-Erlebnisse“ unter Gleichgesinnten.

Scheeßel/Hamburg - Von Michael Krüger - Es muss mehr geben als kalte Ravioli aus der Dose. Dass Musik-Festivals wie „Hurricane“, „Wacken“ und „ Rock Am Ring“ auch in diesem Jahr frühzeitig „ausverkauft“ melden, spiegelt einen klaren Trend in der „Event-Gesellschaft“ wider, sagen Trendforscher.

Das gemeinsame Erleben wird zur „Flucht aus dem Gewohnten“ in einer Gesellschaft mit immer mehr Verpflichtungen.

Den Job hinter sich lassen, Verantwortung loswerden, nur noch um existenzielle Sachen wie die Suche nach dem nächsten kühlen Bier kümmern: „Drei Tage Anarchie in gewissen Grenzen“ nennt Jasper Barendregt das Festival-Erlebnis. Der 39-Jährige ist der Chef-Koordinator bei Europas größtem Festival-Veranstalter FKP Scorpio in Hamburg. Und auch wenn die Musik beim Erlebnis für viele nur eine Randnotiz ist, dürfte auch dieser Faktor zum Erfolg der Großveranstaltungen beitragen: Bei einem Preis von rund zwei Euro pro Band ist der Mehrwert gegenüber Einzelkonzerten, die in Zeiten sinkender CD-Umsätze preislich oftmals jenseits der 40 Euro-Marke liegen, nicht zu verkennen.

Das Marktvolumen von Musikveranstaltungen wird derzeit auf 2,3 Milliarden Euro geschätzt – rund 70 Millionen Tickets werden für Konzerte aller Art jährlich verkauft. Das Jammern der Musikindustrie verhallt zumindest im Bereich der Freiluft-Spektakel: Hier kann die Jugend mit Raubkopien wenig anrichten.

Doch mit den Auftritten namhafter Bands ist es nicht getan. Das Publikum, das längst nicht mehr am Alter, sondern anhand von Zielgruppen klassifiziert wird, ist anspruchsvoller geworden. Barendregt: „Wir brauchen ein Komplett-Paket.“ Bessere Toiletten, saubere Campingplätze, gutes Essen: Der Wohlfühl-Faktor hat Einzug gehalten.

Ziel: Marken schaffen

Wenn auch das Drumherum stimmt, kommen die Veranstalter ihrem Ziel näher: Das Festival wird zur Marke und funktioniert nicht nur, wenn die großen Namen bestätigt werden im Programm. Was sich in dieser Art beim Heavy-Metal-Festival „Wacken“ mit seinen jährlich rund 100 000 Besuchern längst verselbstständigt hat, will FKP Scoprio unter anderen mit seinem „Hurricane“ in Scheeßel (Kreis Rotenburg) erreichen.

Trendforscherin Josefine Sporer sieht das Festival als Spiegel gesamtgesellschaftlicher Tendenzen. Das „Natural Living“, das Erlebnis des „Lebens da draußen in der Natur“ sei nicht nur die Flucht vor zunehmender Individualisierung, sondern auch ein kollektiver Versuch, mit minimaler Verantwortung maximalen Spaß zu haben. Das Erlebnis stehe im Vordergrund, und deswegen gebe es im Grunde wenig Unterschiede, ob man nun zur Occupy-Demonstration, zur LAN-Party oder zum Musik-Festival gehe. Wichtig sei es, unter Gleichgesinnten Erlebnisse zu teilen. Ausgerüstet mit Smartphone könnten die Erlebnisse durch eine Live-Berichterstattung für Daheimgebliebene verdoppelt werden.

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