Der musikalische Spagat

Quo vadis, Hurricane? Das Festival muss sich neu erfinden

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Enno Bunger ist eine der versteckten Perlen des Festivals.

Den Applaus beim Auftritt der Toten Hosen, dem Hurricane-Headliner am Freitagabend, kommentierte Frontmann Campino so: „Nicht schlecht, wären wir bei Rock am Ring – aber hier ist das Hurricane!“ Das größte Festival im Norden hat Kultstatus – oder hatte, denn leider hat sich, seit die „Hosen“ 2001 zum letzten und ersten Mal da waren, einiges getan.

Scheeßel - Es ist kein reines Rockfestival mehr, es hat nicht mehr die großen Headliner und spannenden Newcomer, die die Jugend anziehen wie etwa das Lollapalooza; es fehlt der Nimbus eines Tomorrowland oder die Fokussierung auf eine Stilrichtung wie beim Wacken. 

Die einzige Konstante seit 1997: die Standorttreue, immerhin. Doch das Publikum diversifiziert sich, die Ansprüche zwischen Bierrutsche und Sushi in der 700-Euro-VIP-Lounge auch – ein Spagat für den Veranstalter. Quo vadis, Hurricane? Diese Frage wurde an dieser Stelle (und sicherlich auch in den heiligen Hallen des Veranstalters FKP Scorpio) in den vergangenen Jahren schon des Öfteren aufgeworfen. Und sie wird auch in Zukunft gestellt werden, schließlich befindet sich nicht nur das größte norddeutsche Festival, sondern die gesamte Branche in einer Umbruchphase.

Wohin die Reise geht? Tja, wenn das die kommerziellen Anbieter so genau wüssten. Fest steht: Immer mehr Festivals sprießen aus dem Boden. Darunter viele kleine, von Ehrenamtlern zwar ohne großes Budget, aber dafür mit viel Leidenschaft organisiert. Das sichert zwar nicht die großen musikalischen Acts, dafür aber fantasievolle Dekorationen – gerade auf der Techno-Spielwiese – und das, was auch das große Geld nicht kaufen kann: Flair und Authenzität. Genau die aber geht dem Hurricane bei seiner Sinnsuche zwischen „Bier & Mucke“ jugendlicher Rebellen und dem Ambiente von Schöner Wohnen immer mehr flöten.

Alle Infos zum Hurricane Festival im Live-Ticker.

So wird auch das Line-Up zum schier unlösbaren Spagat. An dessen einem Ende vergnügt sich die Jugend bei Spaß-Hip-Hoppern wie den 257ern, Torten- und Bierduschen mit DJ Steve Aoki oder Jungmädchenpop mit Annenmaykantereit, am anderen reminiszieren die Älteren bei Mumford & Sons oder The Cure. Mit ihrem hymnischen Stadionpunk, mitgrölbar und erstaunlich nah am Fußball (nicht nur, als Campino zu Ehren von Freund „Kloppo“ die Liverpool-Hymne „You never walk alone“ anstimmen lässt), liegen sie bei diesem Festival im Trend – sogar Macklemore oder die Foo Fighters setzen auf Mitsing-Melodien. 

In der Mitte tummeln sich als kleinster gemeinsamer Nenner höchstens die Toten Hosen, Alice Merton oder Bosse, der mit seiner gradlinigen Art auch die hinteren Reihen erreicht. Das authentische Festivalfeeling der ersten Tage kommt eher bei kleineren Gigs auf, etwa Frittenbude auf der Campingplatzbühne, die jetzt „Wild Life Stage“ heißt, den Leoniden oder versteckten Perlen wie Enno Bunger, der im weißen Zelt in Melancholie badet.

Auch Marcus Mumford und seine Band setzen auf Hymnen zum Mitgröhlen. 

Kann ein Festival für Alle da sein, Anarchie und die Ansprüche der Älteren vereinen? Den Beweis wird das Hurricane antreten müssen, will es auch die kommenden Dekaden überdauern. Die Stellschrauben werden jedenfalls, das gibt der Veranstalter unumwunden zu, weniger in der Buchung der Acts gesucht, sondern im Drumherum: Das „Dreamville“ werde man wohl kaum kopieren können, verrät Produktionsleiter Jasper Barendregt, aber den Trumpf des Standortvorteils ländlicher Natur mit Wiesen und Wäldern möchte man in Zukunft noch mehr ausspielen. 

Ob angestrahlte Wälder, mit Treibholz und Plastik-Efeu verkleidete PA-Tower und themenorientierte Namen wie „Wolfsrudel“ für den Campingplatz den Untergang einer Ära zu stoppen vermögen, ohne dass sich ein plausibles Konzept am Horizont des Scheeßeler Eichenrings abzeichnet? Zu hoffen wäre es.

Fakt ist: Das Hurricane muss sich neu erfinden. Das wird spannend. Der erste Schritt zu einem Neuanfang ist bereits vollzogen: Ohne Regen, Dürre oder Sintfluten – das gab es bisher noch nie.

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