Mode auf dem Hurricane

Die neue Zahmheit

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Das zuweilen als „Abi-Party“ titulierte Festival nimmt sich erstaunlich zahm aus

Scheeßel - von Ulla Heyne. Das Hurricane: Ein Füllhorn von Eindrücken, musikalisch, optisch und überhaupt. Jedes Jahr von Zaungästen und Fotografen mindestens genauso mit Spannung erwartet wie das, was die Bands an drei Tagen auf vier Bühnen abliefern: Die Festivalmode.

Da gibt es durchaus Trends. Vorbei die Zeiten der mit Kajal auf schweißige Leiber gepinselten Anarchosprüche. Stattdessen glitzern die Gesichter, passend zu dem ein oder anderen geschwenkten Plastik-Einhorn. Dazu gern genommen: Kronen oder Blumenkränze auf dem Festivalistenhaupt. 

Letztere waren zwar schon in den Vorjahren schwer angesagt, machen sich aber besonders gut im bunten, vorzugsweise blauen Haar. Tiere laufen jetzt höchstens noch höchst offiziell über das Infield: Der Veranstalter hat ein blaues Wildschwein ins Rennen geschickt - bestückt mit einem Neandertaler, der sich anarchischer gibt als die meisten Besucher, in seiner Sprechweise aber durchaus Ähnlichkeiten ausweist, zumindest am späteren Abend. Greenpeace schickt einen Eisbären über das Gelände. Der wirbt für die Rettung der Arktis, ist aber quasi ein alter Hase, taperte er doch schon über Lindenbergs und Einaundis Konzerte. 

Ob die Trends auf die Besucher schließen lassen? Davon darf man getrost ausgehen. Das zuweilen als „Abi-Party“ titulierte Festival nimmt sich erstaunlich zahm aus: Im Infield werden Täschchen bemalt, Tücher gebatikt und per Stempelkarte Partyspielchen absolviert. Auf dem Campingplatz bekommt man von ums leibliche Wohl besorgten Zeltnachbarn Popcorn, ein Besucher weist auf die offene Tasche hin („Nicht, dass da noch was weg kommt!“), die wildeste Schildaufschrift lautet „Titten raus gegen Rechts“. Überhaupt: Wo sind sie geblieben, all die Schilder, die Free Hugs und das Gaffatape, mit dem sich wunderbare Eifeltürme und trojanische Pferde aus Bierdosen bauen ließen? 

Clueso und Imagine Dragons auf dem Hurricane Festival

Weg, genauso wie Musikfans, die so besoffen sind, dass sie kaum den Weg auf das Infield finden. Zumindest an Letzterem sind die neuen Sicherheitsvorschriften Schuld, die der Veranstalter an die wahrlich düsteren Zeiten angepasst hat. Und vielleicht liegt genau hier auch der Schlüssel, warum der Festivalgänger dieser Tage nicht mehr durch Krawall ausdrücken mag. Die Welt da draußen ist schon böse genug - wohl dem, der ein paar Tage mit Blumen behangen und im Einhornrausch der Realität entfliehen kann. Grund zur Beschwerde haben wir eh nicht: Schließlich ist die neue Zahmheit genau das, wie wir unsere Kids zwar nicht vorgelebt, aber doch erzogen haben. (hey)

Hurricane Festival: Walking Acts heizen ein

Hurricane-Festival: Konzerte am Freitag

Camping-Bilder vom Freitag

Hurricane-Konzerte und Infield-Stimmung am Freitag

Der Auftakt beim Hurricane - die Tore sind offen

Das Hurricane von oben

Donnerstag „Montreal“ auf der White Stage und Motor-Booty-Party

Hurricane Campingplatz am Donnerstag

Der Campingplatz ist eröffnet

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