Konzertabsagen in Salamitechnik als Armutszeugnis der Gesprächskultur

Das Festival der Konjunktive

Wenigstens ein bisschen Entspannung: Dieser Hurrican-Gast chillt in seinem Schlauchboot, große Bands verpasst er so gut wie keine. J Foto: Heyne

Schessel - Von Ulla Heyne. Eigentlich hätte der geneigte Leser hier eine dezidierte Zusammenfassung von mehr als 80 Konzerten der diesjährigen Jubiläumsausgabe des „Hurricane“ in Scheeßel finden sollen. Hätte. Vielleicht einen Exkurs darüber, ob Bands mit Mollakkorden und einer Schlagzahl von gelegentlich unterhalb der 120 wie Boy, Bear‘s Dean oder Gloria auf einem Festival funktionieren können – oder besser: hätten können. Oder darüber, warum sich Andere wie „Jennifer Rostock“, „The Editors“ oder „Flogging Molly“, trotz verlässlicher Wiederholung auf Norddeutschlands größtem Musikspektakel im Zwei- bis Drei-Jahresrhythmus immer noch als Zugpferde des Mainstreams erweisen – pardon, hätten erweisen können.

Die an die „Rock-am-Ring“-Tradition anknüpfenden Unwetter waren Schuld, dass die Jubiläumsauflage zumindest an den ersten beiden Tagen zum Festival der Konjunktive geriet. Wobei das mit der Schuldfrage ja bekanntlich so eine Sache ist. Klagen über das Wetter gehören direkt an die höchste Instanz. Anders ist es bei der Kommunikation mit den Fans, der Öffentlichkeit und der Presse. Die Entscheidung, einen Konzerttag mit verheißungsvollen Namen wie Frank Turner oder Maximo Park abzusagen, fällt wohl keinem Veranstalter leicht. Die Salamitaktik jedoch, in der die Besucher scheibchenweise Stunde um Stunde vertröstet wurden, nachdem viele bereits in der Nacht von Donnerstag auf Freitag etliche Stunden im Auto verbracht hatten – sie zermürbte, nicht nur die Fans, sondern zunehmend auch deren wahrlich entspannte und vernünftige Gesinnung.

Bereits am Freitag waren – so viel Brachial-Metaphorik muss dem Verfasser nach etlichen Stunden im prasselnden Regen und leckenden Gummistiefeln zugestanden sein – etliche Konzerte ins Wasser gefallen; von den angekündigten x Gigs gingen gerade mal y über die grüne und blaue Bühne (dem restlichen Farbspektrum der roten und weißen Spielstätte hatte das Wetter bereits den Garaus gemacht).

Wundert sich hier jemand über die Platzhalter „x“ und „y“? Genaue Zahlen sind schwer zu recherchieren, waren die Künstler wie Walk off the Earth, deren Auftritte am Freitag abgesagt werden mussten, doch kurzerhand von der Website des Veranstalters verschwunden. So vermeidet man zumindest online Wehmut über das, was hätte sein können – und schon sind wir wieder bei den Konjunktiven.

Doch ab und an gibt es auch ein Indikativ: Gehört ein Bericht über Kultur, die nicht stattfindet, überhaupt auf eine Kulturseite? Ein Stück Kultur, oder eher Subkultur, hatte sich ein kleiner Teil der Festivalbesucher bewahrt: Diejenigen, die mit Zeltstangen und Abspannleinen Heringe oder Bierdosen angeln gingen, der medial viel beachtete Dixiklotür-Surfer hinter einem Quad – ein Stück Festival-Anarchie, auch nach 20 Jahren, in Zeiten, wo vorgedruckte Spontisprüche auf T-Shirts und Textilbeuteln prangen und der glitzernde Körperschmuck von den Promo-Damen am „In-Stand“ einer großen Bekleidungskette aufgetragen wird. Die Kultur im engeren Sinne, sie fand an diesem Wochenende erst wieder gestern statt.

Was an diesem Wochenende kulturell zumindest partiell auf der Strecke blieb, waren nicht (nur) die Auftritte zahlreicher Künstler. Sondern auch ein Stück Kommunikationskultur. Hier punktete der in der Krise zu Recht viel gelobte Veranstalter nicht gerade. Anstelle des Muts, unpopuläre Entscheidungen zu treffen, die vielen Besuchern lange Stunden des Wartens im Auto erspart hätten, wurden sie hingehalten. So Mancher hätte sich ein mutiges, wenngleich unpopuläres „Stecker ziehen“ gewünscht, um im Seelenfrieden abreisen zu können – die Hinhaltetechnik, das Vorschieben der Behörden, sorgte auch bei den Geduldigsten irgendwann für Unmut, der sich in einem Shitstürmchen im sozialen Netz entlud.

Wogegen sich die Fans richten, ist wohl weniger die Tatsache, dass das Festival abgesagt wurde– spätestens nach „Rock am Ring“ herrscht hier Vernunft. Sondern vielmehr die Salamitaktik, mit der man am Samstag am Öffnen des Geländes festhielt.

Bereits am Freitag ging es daher auch gar nicht mehr darum, welche Bands man von den Bühnen hören könnte– sondern nur noch, dem vorausgegangenen stundenlangen Warten überhaupt noch eine Sinnhaftigkeit zu verleihen. Dementsprechend überbordend fiel der Jubel bei AnnenMayKantereit dann auch aus. Vermutlich vor allem ein Jubel darüber, überhaupt noch Livemusik zu erleben.

Hurricane - der Sonntagabend auf und vor der Bühne

Bosse auf dem Hurricane 2016

Hurricane Festival aus der Luft

Hurricane-Konzerte am Freitagnachmittag

Hurricane öffnet Tore mit Verspätung

Wassermassen auf dem Hurricane-Festival

Donnerstag auf dem Hurricane

Hurricane-Zeltplatz am Donnerstag

Klare Statements und skurille Untersätze zur Hurricane-Anreise

Drogenkontrolle bremst Hurricane-Anreise aus

Hurricane 2016: Die Campingplätze füllen sich

Anreisewelle zum Hurricane rollt

No-Go's beim Hurricane 2017 - von der Designerjeans bis zum Stage-Wechsel

Das könnte Sie auch interessieren

Boxspringbetten werden vielseitiger und luftiger

Boxspringbetten werden vielseitiger und luftiger

Musikschul-Konzert mit Klavier im Rathaus

Musikschul-Konzert mit Klavier im Rathaus

Gebrochener Mann in Einzelhaft: "El Chapos" tiefer Fall

Gebrochener Mann in Einzelhaft: "El Chapos" tiefer Fall

Zugverkehr in NRW wegen Sturmtief "Friederike" eingestellt

Zugverkehr in NRW wegen Sturmtief "Friederike" eingestellt

Meistgelesene Artikel

Kommentare