Wo Verwaltung auf Festival trifft

Die Bühne als Amtsstube

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Julia Karl-Linnekuhle (l.) und Ursel Nulpa vergleichen die Bühne mit den Prüfbüchern.

Scheeßel - Von Matthias Röhrs. Kurz vor dem Hurricane-Festival herrscht Ausnahmezustand beim Bauamt des Landkreises Rotenburg. Ein Team ist die ganze Woche vor Ort, um Zelte und Bühnen auf ihre Sicherheit zu kontrollieren, denn auch in einer temporären Stadt müssen die Bauten abgenommen werden. Das ist stellenweise mit sehr viel Papier verbunden.

Fast schon magisch ist der Ausblick von der Blue-Stage auf das Gelände vom Hurricane-Festival. Auch wenn nur vereinzelt Arbeiter über das Feld laufen, ist die Faszination, hier – etwa zweieinhalb Meter über der Erde – vor mehreren zehntausend Menschen zu spielen, spürbar. Der kleinen Gruppe, die sich auf den schwarzen Brettern versammelt hat, schaut allerdings niemand zu. Und auch sie zeigt wenig Interesse an der großen freien Fläche zwischen Bühnenrand und dem Riesenrad einige hundert Meter gegenüber. Ihr Augenmerk gilt nur der Bühne selbst.

Und die ist nicht gerade die gewohnte Umgebung von Ursel Nulpa, Julia Karl-Linnekuhle und Egbert Petschke. Dennoch wissen sie wohl mehr über sie, als die meisten der Bands, die ab Freitag an genau dieser Stelle spielen werden. Zurzeit haben die drei ihre Büros im Bauamt des Landkreis Rotenburg gegen einen kleinen, schmucklosen Container auf dem Hurricane-Gelände eingetauscht, wo sie nun Festzelte, Bühnen, das Riesenrad und Technik-Türme auf ihre Sicherheit kontrollieren und abnehmen. „Fliegende Bauten“ eben, so die offizielle Bezeichnung, was im Prinzip alles meint, das auf- und wieder abgebaut werden kann. An diesem Tag ist die Blue-Stage, die zweite Hauptbühne des Festivals, dran.

Ab Windstärke Acht wird es kritisch

Bauingenieurin Nulpas erster Blick gilt den Stahlseilen, denn sie halten am Ende die ganze Konstruktion zusammen – Windaussteifung, nennt sich das. „Am wichtigsten sind die Punkte, an denen Kräfte am meisten wirken“, erklärt sie die Faustregel. Um die Gruppe herum bringen Arbeiter die Seitenwände an. Nulpa, Karl-Linnekuhle und Petschke schauen bei der Rückseite genau zu. Ab Windstärke Acht – 18 Meter pro Sekunde – muss diese sofort herunter gelassen werden können, sonst könnte der Fliegende Bau tatsächlich abheben. Einer der Männer begrüßt die Gruppe. Philipp Weisel, der Bauleiter. Seit 20 Jahren baut er Bühnen – ein erfahrener Mann und die Kommunikation mit dem Bauamt läuft entsprechend gut. Zusammen gehen sie zunächst die Prüfbücher der Bühne durch. „Wir gucken, ob entscheidende Dinge eingebaut sind oder noch werden“, fasst Nulpa zusammen.

Hier trifft Rock’n’Roll auf Bürokratie. Das Prüfbuch ist ein beinahe monumentales Werk aus etwa 1 300 Seiten mit Bauplänen, unzähligen statischen Berechnungen, Bauvarianten und möglicher Nutzlasten – eine vollständige Dokumentation der Bühne in drei Teilen. Monetärer Wert: 10.000 Euro. Hier offenbart sich die Kunst der Prüfer, erklärt Petschke. „Es gilt, die wenigen wesentlichen Seiten zu finden.“ Eine halbe Stunde lang haben sie sich vorbereitet, die Pläne begutachtet. Früher haben sie dafür noch länger gebracht, doch mittlerweile haben sie Routine. Nulpa war bereits beim ersten Hurricane im Jahr 1997 dabei, Petschke kam zwei Jahre später zum ersten Mal als Prüfer auf den Eichenring. Nur für Architektin Karl-Linnekuhle ist es eine Premiere. Sie soll noch eingearbeitet werden.

Jedes Einzelteil zu prüfen ist „einfach unmöglich“

Tatsächlich prüfen die drei die Bühne nur stichprobenartig. Jeden Bolzen, jede Stange, jede Traverse oder jedes Seil einzeln zu begutachten: „Einfach unmöglich“, so Petschke – ebenfalls Architekt –, schließlich besteht eine Bühne dieser Größe aus Tausenden und Abertausenden Einzelteilen.

Selbst Weigel, der die Bühne mit am besten kennt, kann ihre genaue Anzahl nicht abschätzen. Sind Hunderttausend realistisch? Er zuckt mit den Schultern und lächelt. „Vielleicht.“ 20 Meter breit, 20 Meter tief und etwa 17 Meter hoch ist die Blue-Stage auf dem Hurricane. Modulbauweise, die Bühne in Scheeßel kann auf ihrer nächsten Station schon wieder ganz anders aussehen.

Mit Bühnen gibt es fast nie Probleme, wissen die Prüfer aus Erfahrung. Die Verleiher achten auf die Materialien und die Bühnenbauer sind erfahren. Schließlich wechselt ein Aufbau dieser Größe fast wöchentlich ihren Standort innerhalb ganz Europas.

Gegenüber bauen Arbeiter gerade das Riesenrad auf. Auch dort müssen die Prüfer noch hin, ein Kollege nimmt gerade die White-Stage ab, die Red-Stage müssen sie ebenfalls noch ansehen. Die Green-Stage liegt in diesem Jahr nicht in der Zuständigkeit des Landkreises, sondern in der des Landes Niedersachsen, die sie wiederum dem Tüv überträgt. Das passiert, wenn ein fliegender Bau verändert oder erstmals geprüft wird. Was bei der Hauptbühne nun ausschlaggebend war, weiß man beim Landkreis nicht. Weisel hat dafür eine Vermutung: Rammstein-Shows seien so aufwändig, dass die Bühne auch mal angepasst werden müsse, sagt er.

Weiter geht es unter die Bühne. Nulpa und die Karl-Linnekuhle überprüfen die Ballastierung. 36 Tonnen Gewicht sind im Prüfbuch vorgeschrieben. Dabei ist genau vermerkt, wo wie viel Ballast vonnöten, damit auch alles ideal ausbalanciert ist. Fragende Gesichter bei den beiden Prüferinnen. Steht auch alles an seinem Platz? Weisel zählt nach, führt das Prüfertrio zu den verschiedenen Punkten und beantwortet schließlich die Fragen zur Zufriedenheit aller. Alles in Ordnung. Auch die Unterkonstruktion ist stabil gebaut. Die Einzelteile sind genormt, das Konstrukt somit flexibel. Doch das macht es auch schwierig, den Überblick zu behalten, erklärt Petschke. Doch das macht mit den Reiz aus – für die Prüfer ein Abwechslung zu Jahrmärkten und Schützenzelten. Petschke guckt nun in die Ferne: „Das besondere an der Arbeit hier ist die Veranstaltung.“

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