Adam-Angst-Sänger Felix Schönfuss im Interview

„Es bildet sich eine Generation Shitstorm“

+
Adam-Angst-Sänger Felix Schönfuss spricht im Interview über den Boyband-Effekt der Band.

Scheeßel – Von Pascal Faltermann. Am Schimpfen. Am Meckern. Am Kritisieren. Felix Schönfuss, Sänger der Band Adam Angst, ist schlecht gelaunt. In seinen Texten lässt er seiner Wut auf so ziemlich alles freien Lauf.

Der Privatmensch ist hingegen ein ganz ruhiger, der nun auf großer Festival-Tour in Deutschland ist. Ein Interview mit dem Dauerbrenner der Open-Air-Saison.

Wie führen Sie eigentlich ihr Doppelleben als Punkrocker und Unternehmensberater? 

Felix Schönfuss: Es ist etwas schizophren, das gebe ich zu. Aber es hat seine Vor- und seine Nachteile. Es ist anstrengend, weil es ein fordernder Job ist, bei dem ich viel Zeit investieren muss. Es ist schwer, wenn du noch eine Band aufrechterhalten und mit ihr etwas erreichen willst. Alles, was mit der Band zu tun hat, mache ich nach Feierabend. Der positive Effekt ist aber, dass ich ziemlich viele Erfahrungen für Songtexte sammle. Das Jobleben hat mir beim Beobachten von Menschen geholfen. Letztendlich ziehe ich auch die Wortwahl daraus. Wenn ich arbeitslos wäre, würde mir das echt schwerfallen.

Der Song „Was der Teufel sagt“, in dem es um eine Person geht, die im Büro durchdrehen möchte, ist also komplett aus Ihrer Arbeitswelt?

Schönfuss: Ja, mehr oder weniger. Also fast alle Songs stammen aus meinen persönlichen Erfahrungen, auch wenn sie manchmal etwas übertrieben dargestellt sind. Zwei Situationen aus „Was der Teufel sagt“ habe ich schon ziemlich genau so erlebt.

Auf dem ganzen Album schimpfen und kritisieren Sie. Woher kommt die Wut? 

Schönfuss: Ich glaube, dass jeder Mensch eine gewisse Wut in sich hat und jeder braucht sein eigenes Ventil dafür. Mein Ventil ist meine Musik. Ich bin privat ein ziemlich ruhiger und ausgeglichener Mensch. Mich kann eigentlich gar nicht so viel richtig aufregen.

In einem Interview sagten Sie, dass es Ihr neues Hobby ist, negative Kommentare nach Bandbestätigungen für Festivals durchzulesen. Ziehen Sie da etwas für Ihre Texte raus? 

Schönfuss: Ja, da ziehe ich ganz bestimmt etwas raus. Ich finde das ganze Verhalten im Internet super interessant. Das ist für mich schon eine „Generation Shitstorm“, die sich da bildet. Es reichen kleinste Dinge, über die es sich gar nicht aufzuregen lohnt. Da gehen Lawinen los, die ich besonders interessant finde. Das ist wie ein Urknall: Am einen Tag regen sich alle Leute auf und schnell ist der Ärger verschwunden. Das ist alles sehr, sehr schnelllebig geworden.

Was halten Sie eigentlich von Festivals? Sind die Line-ups zu schlecht? Lassen sich die Menschen dort zu sehr gehen? 

Schönfuss: Zum Line-up kann ich nur sagen, dass gerade eine ganz besorgniserregende Entwicklung läuft, weil die Festivals anfangen, sich mit immer größeren Headlinern zu übertrumpfen. Genau so benimmt sich dann aber auch der Konsument, der Festivalbesucher. Der ist es gewohnt, dass immer die Foo Fighters oder Metallica spielen und alles, was abweicht von diesem Dinosaurier-Mainstream, wird sofort als schlechtes oder billiges Line-up bezeichnet. Das finde ich ziemlich schade. Gerade im Fall vom „Hurricane“ ist es wieder ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, um die Leute an die Musik heranzuführen.

Adam Angst

Grundsätzlich bin ich selbst kein Festivalgänger, weil so einige Dinge, die damit einhergehen, mag ich einfach nicht. Gerade dieses totale Besäufnis. Ich mag es grundsätzlich nicht, dass sich Menschen so stark durch Alkohol verändern. Klar geht jeder mit Alkohol anders um, aber ich fühle mich dann ganz einfach fehl am Platze. Außerdem mag ich nicht gerne in Zelten pennen, da fühle ich mich am nächsten Tag so gerädert, dass mit mir nichts mehr anzufangen ist. Das sind ein paar Begleitumstände, die finde ich an Festival nicht so geil. Das Spielen auf Festivals ist allerdings das Beste, was einem Künstler passieren kann. Man kann Bands gucken und nimmt noch selbst eine ganze Menge mit.

Die Festival-Veranstalter müssen Sie lieben. Sie spielen 20 Festivals in knapp zwei Monaten. 

Schönfuss: Dahinter steht natürlich auch eine Agentur, die uns auf Festivals bucht. Es stecken für uns aber keine Zwänge dahinter. Wir werden den Bookern angeboten und es scheint den Festivalleuten bisher gefallen zu haben.

Gehören Festivals dazu, um später bei eigenen Konzerten die Location voll zu bekommen? Wird also nach dem Bremer Campus Festival oder dem „Hurricane“ nun die Hütte im Bremer Tower voll?

Schönfuss: Schwer zu sagen. Wir spielen natürlich echt viele Auftritte dieses Jahr. Wir fragen uns bereits, wie wir das mit unserer Zeit vereinbaren können. Es ist von Stadt zu Stadt unterschiedlich, aber in Bremen scheinen die Leute Bock zu haben. Die Vorverkaufszahlen sollen bereits ganz o.k. aussehen.

Bei Festivals zahlen Besucher für ein Gesamtpaket mit vielen Bands und Event-Charakter. Bei Konzerten mit einer Band hingegen fällt es den Menschen scheinbar immer schwerer zu zahlen. Ob Konzert oder Download – Musik soll kostenlos sein. Ist das ein gesellschaftliches Problem?

Schönfuss: Sehe ich so. Natürlich kann jeder so viel Geld ausgeben, wie er will. Aber aus meiner Sicht ist ein Konzerterlebnis viel mehr wert, als am Wochenende nur Saufen zu gehen, wobei man da wesentlich mehr Geld lässt, als an einem Konzertabend. Es ist immer schwieriger, Leute davon zu überzeugen, dass sie bei einem Konzert mehr für sich mitnehmen, als sich am Wochenende mal wieder abzuschießen. Mehr als ein Kater bleibt dann ja nicht übrig.

Wann wird es einen „Schönfuss singt“-Abend geben? Ihre Ex-Bands Escapado, Frau Potz und dann Adam Angst?

Schönfuss: Wenn es bei Adam Angst bei nur einem Album bleibt und ich dann die nächste Band hätte, könnte man tatsächlich mal einen schönen Abend mit Felix Schönfuss machen. Nein, Spaß beiseite. Mir wäre das eine Nummer zu selbstdarstellerisch.

Ist die Band Adam Angst auf Dauer angelegt oder wegen anderer Verpflichtungen eher etwas für nebenbei?

Schönfuss: Da wird noch was kommen. Es sieht gut aus, weil es menschlich richtig gut passt, wir uns super verstehen und uns gefunden haben. Zudem ist es das, was ich musikalisch immer machen wollte. Ohne Zwänge oder Druck von außen. Wir planen, möglichst schnell ein zweites Album zu schreiben. Wir werden dieses Jahr zwar noch viel spielen und Bassist David Frings wird im nächsten Jahr mit seiner Band Fjørt ein Album veröffentlichen, das verrate ich schon mal. Ich weiß noch keinen Release-Termin für Adam Angst, aber das Album soll schnell hinterher geschoben werden.

Wieso haben Sie bei Adam Angst eigentlich mehr weibliche Verehrerinnen als bei Frau Potz?

Schönfuss: Das habe ich auch schon mitbekommen. Das Publikum ist gemischter bei den Konzerten. Ich denke, die Musik ist nicht mehr so sperrig wie bei Frau Potz, das war sehr kompromisslos. Außerdem ist Adam Angst melodiöser und es steckt ein gewisses visuelles Konzept dahinter. Es geht ein bisschen mehr um die Gesichter - das ist greifbarer für die Menschen. Aber, ob es mehr oder weniger Mädchen oder Frauen sind, kann ich nicht sagen. Eine Frau aus Bremen sagte, dass sie an uns so mag, dass wir unterschiedliche Charaktere sind. Das hat dann so einen Boyband-Effekt. Auch wenn das nicht gewollt ist.

Bei ihrer vorherigen Band sangen Sie: "Steckt euch eure Reviews in den Arsch." Wie haben Sie jetzt das positive Feedback für Platte überhaupt verarbeitet?

Schönfuss (lacht): Ich kann das schon verarbeiten und es hat mich gefreut. Denn es ist etwas anderes. Diese Platte ist nur aus meiner Feder entstanden und die Band hat sich erst zusammengefunden, als die Texte standen. Das nehme ich natürlich alles sehr persönlich und es freut mich doppelt. Man muss aber auch nicht alles, was ich bei Frau Potz gesagt habe, auf mich als Privatperson beziehen. Ich unterscheide sehr zwischen der Bühne und mir als Privatmensch.

Adam Angst spielt am Samstag, 20. Juni, ab 13.30 Uhr beim "Hurricane Festival" auf der White Stage. Außerdem ist er am 16. Juli beim Deichbrand in Cuxhaven/Nordholz. 

Das könnte Sie auch interessieren

Trump räumt russische Einmischung in US-Wahl ein

Trump räumt russische Einmischung in US-Wahl ein

19-jährige Weyherin radelt 900 Kilometer, um Plastikmüll zu sammeln

19-jährige Weyherin radelt 900 Kilometer, um Plastikmüll zu sammeln

Alaphilippe gewinnt Bergetappe - Van Avermaet festigt Gelb

Alaphilippe gewinnt Bergetappe - Van Avermaet festigt Gelb

Obama fordert Kampf gegen Diskriminierung im Geiste Mandelas

Obama fordert Kampf gegen Diskriminierung im Geiste Mandelas

Meistgelesene Artikel

Hier kannst du das Deichbrand Festival im Livestream verfolgen

Hier kannst du das Deichbrand Festival im Livestream verfolgen

Taschenregelung beim Deichbrand: Das darf mit aufs Gelände

Taschenregelung beim Deichbrand: Das darf mit aufs Gelände

Alles dabei? Hier ist die Packliste für das Deichbrand Festival

Alles dabei? Hier ist die Packliste für das Deichbrand Festival

Musikalische Empfehlungen fürs Deichbrand: Ohne Kondition geht's nicht

Musikalische Empfehlungen fürs Deichbrand: Ohne Kondition geht's nicht

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.