Tonbandgerät im Interview

Krawall? Das passt nicht

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Tonbandgerät zur Generation Shitstorm und Hurricane-Erinnerungen

Scheeßel - Von Mareike Bannasch. Bis 2012 waren sie unbekannt, dann gewann Tonbandgerät den New Music Award – der Startschuss zur erfolgreichen Karriere. Samstag stehen die Vier aus Hamburg bereits zum zweiten Mal in Folge auf der Hurricane-Bühne. Für die Band ein ganz besonderer Moment, wie sie im Interview erzählen.

Wenn man die letzten drei Jahre so Revue passieren lässt, ist ziemlich viel passiert. New Music Award 2012, diesen Sommer zahlreiche Auftritte auf Festivals, anschließend die Tour zur neuen Platte, dann waren Sie im vergangenen Jahr sogar in den USA unterwegs. Ein ziemliches Tempo. Sind Sie von Ihrem Erfolg überrascht und machen sich Sorgen, dass der Höhenflug bald wieder vorbei sein könnte?

Sophia Poppensieker: Angst haben wir keine. Aber es ist wirklich so, dass wir sehr im Moment leben. Was da alles passiert ist, das hätten wir uns nie vorstellen können. Viele Dinge sind auch sehr kurzfristig passiert. Zum Beispiel die Tour in die USA, es denkt ja niemand, dass es für eine deutschsprachige Band irgendwann mal die Option gibt, einen Monat durch die USA zu touren und das auch noch mit den eigenen Liedern. Und dann sind bei diesen Auftritten auch noch 800 bis 1600 Leute und denen ist nicht egal was auf der Bühne passiert, sondern die singen lauter mit als das Publikum in Deutschland.

Um auf das aktuelle Album zurückzukommen, im Vergleich zur ersten Platte wirkt es kantiger, weniger poppig. Oder?

Jakob Sudau: Ja, zumindest in dem Sinne, dass wir uns bei diesem Album viel Zeit gelassen haben, und schon bevor wir ins Studio gegangen sind lange daran gearbeitet haben. Und dieses Mal wirklich das gemacht haben, worauf wir Bock haben. Wir haben jetzt mehr Ahnung davon, wie ein Studioprozess überhaupt abläuft. Deswegen haben wir dieses Mal noch mehr selbst bestimmt und im Vorfeld schon viele Details im Augen behalten. Aus diesem Grund ist das Album mehr Tonbandgerät als das vorherige.

Dennoch ist Ihr Stil immer noch deutlich herauszuhören. Eine Hommage an die Fans der ersten Stunde, damit diese Tonbandgerät immer noch wiedererkennen?

Specht: Ja, vor allem mit Songs wie „Ozean“. Das ist eines der ältesten Tonbandstücke überhaupt. Den haben wir nicht auf das erste Album gepackt, weil unser damaliger Produzent gesagt hat: Nee, das ist kein guter Song. Wir haben das Stück aber trotzdem häufig live gespielt und die Leute fanden es immer toll. Es war irgendwie ein Konzert-Highlight und viele Fans haben gefragt, wieso das Ding nicht auf der ersten Platte ist. Auch fürs zweite Album mussten wir wieder mit unserem jetzigen Produzenten kämpfen, damit wir es auf die Platte bekommen. Wir haben schon noch ein paar Sachen von früher mit drauf gepackt.

Auf Ihren Platten geht es viel um das Erwachsenwerden und die Probleme, die damit verbunden sind. Ist „Wenn das Feuerwerk landet“, der Titel des zweiten Albums, eine Art Zwischenbilanz: Sie sind fast da und gucken, was Sie erreicht haben?

Sophia Poppensieker: Das trifft es ziemlich genau. Specht: Genau. Wir haben uns viele Gedanken über den Titel gemacht, da er immerhin eine Klammer bilden soll. Nachdem wir viele Nächte darüber diskutiert haben, können wir nun oft nicht auf den Punkt bringen, was unsere Intention war. Aber diese Beschreibung ist es, danke.

Pop, das klingt nach wenig Problemen, einem naiven Blick auf die Welt. Aber trotzdem findet sich auf dem Album viel Kritik, die meist ziemlich subtil daherkommt. Ein Gegenentwurf zur Generation Shitstorm, die ihre Wut lauthals rausbrüllt?

Sophia Poppensieker: Ich glaube, dass es nicht zu uns passen würde, die Kritik einfach platt rauszuhauen. Das haben wir bestimmt auch irgendwann mal probiert und dann schnell gemerkt, dass das nicht unser Stil ist. Natürlich haben auch wir Themen, die uns ärgern oder die wir kritisch sehen, aber wir sind halt nicht die Band, die das einfach so im ersten Satz raushaut. Specht: Wir sind einfach nicht so krawallig, das kann man schon so sagen. Es fühlt sich für uns nicht authentisch an. Aber trotzdem haben wir Meinung und etwas zu sagen. Immerhin ist es ein ziemliches Privileg, dass wir mit unserer Musik einen Kanal gefunden haben, um uns zu äußern. Aber wir können das nicht so plakativ machen wie andere, zumindest funktioniert das bei uns nicht so gut.

Dadurch, dass Inhalte bei Ihnen nicht auf dem Silbertablett kommen, müssen die Fans aber auch mehr mitdenken.

Isa Poppensieker: Ja, aber das ist völlig okay, wenn jemand jetzt nicht über die Inhalte nachdenkt. Es muss nicht jeder den politischen Sinn verstehen. Sophia Poppensieker: Wir haben zum Beispiel erst vor kurzem zusammen an einem Song gearbeitet, da waren wir an einer Zeile dran und haben gesagt: Auf den ersten Blick ist das die Aussage. Dann steckte aber noch viel mehr dahinter. Specht: Wir haben einfach gemerkt, dass unsere Fans wirklich Bock haben auf die Texte. Die können sie alle auswendig singen. Das zeigt schließlich auch, dass sie sich mit den Texten beschäftigen. Wenn wir einen neuen Song schreiben und singen, wissen wir, dass sich die Leute damit auseinandersetzen werden.

Liegt das nicht daran, dass Sie auf Deutsch singen und damit leichter Barrieren durchbrechen?

Isa Poppensieker: Ich glaube, dass das Publikum bei Stücken auf Deutsch einfach viel mehr auf den Text hört, weil man ihn nicht so einfach ausblenden kann. Sophia Poppensieker: Ich finde, die Musikszene ändert sich auch gerade. Es kommt ganz viel deutsche Musik, bei der es normaler geworden ist, wie bei englischen Künstlern einfach nur etwas zu beschreiben und damit ein bestimmtes Gefühl zu kreieren.

Ich habe gelesen, dass Sie, Isa und Sophia, ihren Sänger Ole per Youtube-Video gecastet haben. Ziemlich ungewöhnlich...

Isa Poppensieker: Ganz so war es dann doch nicht. Ein Freund von mir hatte Ole empfohlen und hat mir einen Youtube-Link geschickt. Vorher kannten wir ihn nicht persönlich, hatten ihn noch nie getroffen und haben ihn auch über Youtube angeschrieben.

Und Sie waren sofort mit an Bord?

Specht: Nee, ich hatte nicht sofort Bock, weil ich damals noch eine andere Band hatte. Für die habe ich auch selbst geschrieben und dann kam Sophia und hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte. Sie hat mir ihren Plan dann so organisiert geschrieben und erklärt, dass ich gedacht habe: Klingt eigentlich recht gut. Ich war nämlich in einer ziemlichen Chaoten-Band. Aber sie hat eben auch gesagt, dass sie texten will. Da hatte ich zuerst nicht so Lust drauf, ich wollte selbst schreiben. Dann hat sie mir aber zwei Demos geschickt und ich fand das Projekt so interessant, dass ich das mal ausprobieren wollte. Und dann hat sich das entwickelt.

Jetzt kommen Sie damit zurecht?

Specht: (lacht) Auf jeden Fall. Das ist kein Problem mehr.

Sie sind in diesem Sommer auf vielen Festivals unterwegs, unter anderem auf dem Deichbrand. Ist das Hurricane da nur ein Termin unter vielen? Sie haben bei Ihrem Auftritt gerade angedeutet, dass Sie eine besondere Beziehung zu Scheeßel haben.

Ole Specht: Ja, dies ist das Festival, auf dem wir alle schon als Jugendliche waren. Deshalb klebt sehr viel Erinnerung am Hurricane. Letztes Jahr haben wir hier ja das erste Mal gespielt, da waren wir so hibbelig und wir konnten den Auftritt gar nicht genießen. Wir waren ziemlich nervös, das wir nun auf dieser riesigen Bühne stehen. Und dieses Jahr war es, also für mich zumindest, fast noch schöner, weil ich alles mehr genießen konnte, dass wir jetzt hier spielen und so viele Leute da sind. Generell spielen wir aber kein Festival einfach so ab, aber das Hurricane ist schon etwas besonderes.

Treffen Sie also gleich noch Freunde, die dieses Jahr wieder hier sind?

Isa Poppensieker: Ja, auf jeden Fall. Wir werden gleich noch mal rausgehen und ein paar Leute treffen.

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