Legendäre Rock-Festivals in Scheeßel: Detlev Kaldinski über brennende Bühnen und Bierverzicht

„Die Kuttenträger waren nicht zimperlich“

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Vor den Toren des Festival-Geländes: Detlev Kaldinski fühlt sich mit dem „Hurricane“ eng verbunden.

Scheeßel - Von Lars Warnecke. Vom jugendlichen Festivalbesucher zum „Hurricane“-Mitorganisator: Detlev Kaldinski ist Stammgast auf dem Eichenring. Jahrelang war er während des Musikspektakels mit der Aufgabe des Polizeisprechers betraut.

Aber schon in den 1970er Jahren erlebte er die legendären Rock-Festivals in Scheeßel mit. Im Interview spricht der 58-Jährige über brennende Bühnen, Bierverzicht und der Begegnung mit der Dave Matthews Band.

Herr Kaldinski, 42 Jahre ist es her, da haben Sie als 16-jähriger  Knirps am legendären Rock-Festival auf dem Eichenring teilgenommen. Welche Erinnerungen haben Sie noch an diese Zeit?

Detlev Kaldinski: Wir waren damals geprägt von unseren Idolen, den Beatles. Wir schauten staunend nach Woodstock, Musik war für uns wichtig. Als in Scheeßel 1973 das Gerücht aufkam, dass wir ein Festival wie Woodstock auf dem Eichenring bekommen würden, waren wir völlig aus dem Häuschen. Das damalige Line-up wartete damals immerhin mit der Weltspitze der Musik auf. Mit meinem Freund Bobby Meyer zeltete ich im September ‘73 nur 40 Meter vor der Bühne – wir wollten nichts verpassen. Ich war allerdings von dem Umfeld schon beeindruckt: Ich war 16, gerade seit einer Woche bei der Polizei und hatte entsprechend kurze Haare. Damit war ich, glaube ich, der einzige auf dem Platz. Um uns herum wurden offen Drogen aller Art angeboten. Natodraht sowie schlecht gelaunte englische Nahkämpfer und Rocker sicherten das Gelände.

Also war der Festival-Name „Es rockt in der Heide“ durchaus wörtlich zu nehmen...

Kaldinski: Allerdings! Die Kuttenträger waren nicht zimperlich. Heute würden die Behörden solche „Sicherheitsleute“ kaum zulassen. Dafür war die Musik wirklich Spitze, wenn auch einige angekündigte Bands wie Ten Years After und Richie Havens fehlten. Der weltweit einzige gemeinsame Auftritt von Chuck Berry und Jerry Lee Lewis, die grandios aufspielenden Wishbone Ash und vor allem Manfred Mann’s Earth Band, haben das aber Wett gemacht. Letztere Band haben wir übrigens gerade wieder live gesehen.

Heute sind Sie Ordnungshüter von Beruf, haben mehr als 16 Jahre das Hurricane-Festival in der Funktion des Sprechers der Polizeiinspektion Rotenburg begleitet. Haben Sie sich jemals gefragt: Das hätte ich damals mal besser sein lassen sollen?

Motorisiert über den Eichenring: Als Festival-Polizist hatte Kaldinski stets den Überblick.

Kaldinski: Nein, wir haben übrigens damals nicht mal ein einziges Bier getrunken, weil wir nichts von der Musik verpassen wollten. Und es liefen auch viele düstere Gestalten um einen herum, da war man vorsichtig. Für mich waren das später wichtige Erfahrungen, da ich nicht nur als Sprecher, sondern auch an der Planung, Organisation und Durchführung des Polizeieinsatzes für das „Hurricane“-Festival beteiligt war. Für mich war da sofort klar, dass die Polizei auf dem Platz präsent sein muss. Nach meinen Erfahrungen beim zweiten Rock-Festival 1977, als auf dem Ring die Bühne brannte, muss darüber hinaus ein ständiger enger Kontakt der Polizei zum Veranstalter bestehen. Folkert Koopmans ist mit seiner Firma FKP Scorpio für Scheeßel ein guter Partner, da er absolut professionell arbeitet und über ein ausgeprägtes Sicherheitsdenken verfügt.

Anfang der 70er Jahre war der Zeitgeist sicher noch ein anderer als heute. Was unterscheidet die Festivals von damals von den Festivals der Gegenwart?

Das Programm des ersten Rock-Festivals fiel bemerkenswert aus.

Kaldinski: Ganz einfach: Chaos und Zufall wurden durch Planung und zielgerichtete Umsetzung ersetzt. Zusätzlich wird jedes Jahr das Festival intensiv nachbereitet und das Konzept auf den Prüfstand gestellt. Was gut ist, kann oft noch besser gemacht werden. Im Bereich der Musik ist das heute ein Big Business, bei dem die Gruppen mit ihren Auftritten teilweise mehr Geld als mit ihren CDs verdienen. Probleme mit Gruppen, die nicht erscheinen, gibt es heute so gut wie nicht mehr. Auch die Bands planen alles bis ins Detail – da sitzt wirklich jeder Handgriff. Unglaublich, was beispielsweise Rammstein hinter der Bühne für einen Aufwand betreibt. Das gab es früher nicht. Allerdings ist die Konkurrenz auch viel größer geworden – wer da nachlässt, ist schnell nicht mehr dabei. Auf der anderen Seite hatten die frühen Festivals einen besonderen Charme, den es heute nicht mehr gibt.

Als die Festivalkultur in Scheeßel viele Jahre später mit dem „Hurricane“ wieder auflebte – was ist Ihnen damals durch den Kopf gegangen?

Kaldinski: Ich war erstmal skeptisch, denn auch 20 Jahre später hatte man 1977 mit den Plünderungen und der brennenden Bühne nicht vergessen. Koopmans hat mit seiner offenen und sympathischen Art schnell die Kritiker überzeugt. Man darf nicht vergessen: Scorpio war damals schon ein Veranstalter mit jahrelanger Erfahrung und Millionenumsätzen. In mehr als zehn Jahren hatte man bis 1997 bereits Musikgrößen wie Prince, Peter Maffay, Joe Cocker und andere auf die Bühne gebracht. Heute könnte man mit den Namen vermutlich ein Buch füllen. Kurzum, die Skepsis wich der Freude, dass in meinem Heimatort Scheeßel wieder große Namen auf die Bühne kommen würden.

Wie sehr haben Sie sich denn mit dem Festival verbunden gefühlt?

Kaldinski: Beim 73er- und 77er-Festival war ich nur Besucher. Beim „Hurricane“ war ich plötzlich mittendrin. Das war gepaart mit der Verantwortung, ein störungsfreies Festival zu garantieren. Bei einem Festival im eigenen Heimatort kommt natürlich immer ein gewisser Stolz hinzu. Das erzeugt eine enge Verbundenheit. Als Polizeibeamter muss ich aber immer kritisch sein und darf bei der Sicherheit keine Abstriche machen. Schließlich ist ein sicheres auch ein gutes Festival – und das wissen die Besucher auch zu schätzen. Wenn ich also an 1973 und das unsichere Umfeld denke, würde ich im Gegensatz zu früher bedenkenlos ein Bier trinken (lacht).

Welches Ereignis aus all den Jahren ist Ihnen denn noch in besonderer Erinnerung geblieben?

Kaldinski: Das waren über die Jahre so viele Erlebnisse. Das 73er-Festival war auch mein erstes Konzert und das Erleben von Weltgrößen. 1977 dann die brennende Bühne, 2006 das Unwetter auf dem Festivalgelände. Aber es gab auch viele positive Erinnerungen. Im Juni 1998 stand ich nach Feierabend auf dem Rennturm und sah mir noch ein Konzert an. Ein Musiker, der zuvor „nur“ im Zelt gespielt hatte, gesellte sich zu mir und bot mir ein Bier an. Nebenbei erwähnte er, dass seine Band die US-Charts anführt. Zuhause schaute ich nach und richtig, er war die Nr. 1 in den USA und füllt Super Bowl-Arenen mit 100 000 Besuchern. Ich bin heute noch ein großer Fan der Dave Matthews Band.

Bei so vielen Festivals ging doch bestimmt auch mal was schief. Was war Ihr Horror-Erlebnis?

 Kaldinski: 2005 der Bruch von Gittern im Bereich der Bühne mit einigen Verletzten, vor allem aber ein Jahr später das Unwetter. Wetter ist immer noch die größte Unbekannte und eine große Gefahr für jede Freiluft-Veranstaltung. Ich stand am brennenden Meyerhof, wo der Blitz eingeschlagen hatte und schaute sorgenvoll zum Gelände, wo ein Blitz nach dem anderen niederging. Es gab schließlich zwar viele Obdachlose, deren Zelt verloren gegangen war, aber glücklicherweise war niemand vom Blitz getroffen worden. Das, muss ich sagen, war eine schwierige Situation.

Wie sehen Sie das Hurricane für die Zukunft aufgestellt?

Kaldinski: Für Scheeßel ist das Hurricane ein Wahrzeichen, was nicht zuletzt auch das Kunstwerk am Beeke-Kreisel zeigt. Wir hoffen, dass wir das Festival noch lange beherbergen. Früher sagte man: Scheeßel – bei Hamburg. Heute sagen wir: Scheeßel – und viele waren schon da. Übrigens nicht nur wegen der Musik, sondern auch wegen der schönen Landschaft und der tollen Natur. Da wird Scheeßel immer gut aufgestellt sein, die Lage zwischen Wäldern und Wiesen ist ein Alleinstellungsmerkmal des „Hurricane“. Das ist ein schöneres Ambiente als ein Flugplatz.

Zur Person

Detlev Kaldinski (58) lebt seit 1966 in Scheeßel. Vor 42 Jahren nahm er seine berufliche Laufbahn im Polizeidienst auf – zunächst auf der Wache, dann als Ermittler, Schichtleiter auf der Wache in Rotenburg, Pressesprecher der Polizeidirektion und aktuell als Leiter des Einsatz- und Streifendienstes in Buchholz/Nordheide. Zudem sitzt Kaldinski für die SPD im Scheeßeler Gemeinderat und bekleidet das Amt des stellvertretenden Bürgermeisters. In seiner Freizeit liest er gerne, fährt Fahrrad, reist und hört Musik, vorwiegend Alternative (Calexico, K’s Choice, William Fitzsimmons) und afrikanische Musik, vor allem aus Mali.

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