Hurricane Festival

Mitgrölen ja, Umdenken nein

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Der Rapper Marteria mag zwar keinen Bock auf „Kiffen, Saufen, Feiern“ haben, seine Fans vor der Hurricane-Hauptbühne in Scheeßel dafür umso mehr. n Fotos: Faltermann

Scheeßel - Von Mareike Bannasch. Altherren-Rock hat ausgedient, Hip-Hop ist gefragt. Oder anders formuliert: der zuvor im Internet als „schlechtester Headliner aller Zeiten“ verunglimpfte Marteria sorgt am Samstagabend für dichtes Gedränge vor der Hauptbühne des Hurricane-Festivals in Scheeßel, während beim Auftritt der englischen Band Placebo einen Tag zuvor deutlich Luft nach oben ist. So spielen die britischen Musiker zwar vor einer großen, gemessen an der Besucherzahl aber doch recht überschaubaren Menge.

Das mag zum einen am nicht gerade einladenden Nieselregen liegen, der pünktlich zum Auftrittsbeginn einsetzt. Doch nicht nur das: Auch das Konzert an sich, kommt bemerkenswert lieblos daher – besonders im direkten Vergleich zu Marteria. Allzu routiniert, ja fast schon gelangweilt spielen die britischen Musiker ihr Programm herunter, mischen wild alte Hits wie „Every you and Every me“ mit Stücken von den neueren Alben wie „Loud like love“. Dabei sind sie offensichtlich darum bemüht, dem Ganzen einen moderneren, frischeren Anstrich zu verleihen – auch wenn die Band dadurch wie eine x-beliebige Rockgruppe anmutet. So werden übertrieben lange Gitarren-Soli in Songs gepresst, die früher auch ganz gut ohne diese Portion Rock ausgekommen sind, und der leicht angeschlagene Sänger Brian Molko geht kurzerhand dazu über, künstliche Verschleppungen in die Textzeilen einzubauen. Das soll vermutlich neu und innovativ wirken, kommt aber eher verzweifelt daher – da hilft auch keine bunte LED-Lichtershow.

Dialog mit dem Publikum? Interaktionen des Leadsängers Brian Molko mit seinen anderen Musikern? Fehlanzeige. Gut, zugegebenermaßen sind „It's nice to be here“- und „I love you“-Rufe Floskeln erster Güte, die zum Glück nicht viel über die Qualität eines Konzerts aussagen. Aber dennoch sind es, besonders bei Freiluft-Auftritten, doch genau diese Plattitüden, die eine Verbindung zum Publikum aufbauen und es auch vom Zeltplatz vor die Bühne locken.

Einer, der das offensichtlich verstanden hat, ist Marteria. Bei seinem Auftritt am Samstagabend gibt es alles, was das Fanherz begehrt: Konfetti, wabernder Nebel und sogar bengalische Feuer. So ist zumindest von ästhetischer Seite für alles gesorgt, auch wenn das den dicht gedrängten Fans vermutlich ziemlich egal ist. Sie wollen feiern und nutzen Marterias Texte als Grundlage dafür. Zu einem schnellen Beat, der dann und wann vom Saxofon unterstützt wird, stimmen die Massen in die Gesellschaftskritik des Rappers ein und brüllen gemeinsam die Textzeile „Keiner hat mehr Bock auf Kiffen, Saufen, Feiern“. Ein Satz, der sich mit Blick auf die Massen vor der Bühne selbst überholt hat und den hier offensichtlich niemand auf sich selbst bezieht. Genauso wie Konsumkritik oder die Schelte der Missstände in der Gesellschaft, Kritik reicht hier allenfalls zum Nachsingen, nicht zum Nachdenken.

Marteria, dass ist aber nicht nur der in Rostock geborene Rapper aus Berlin, er ist zudem auch unter dem Namen Marsimoto bekannt. Ein Pseudonym, das vor allem durch seine gepitchte Stimme auffällt und als das Marten Laciny seit 2006 Platten herausbringt. Das neueste Album erschien Anfang Juni, kein Wunder also, dass etwa die Hälfe des Auftritts auf dem Eichenring Marsimoto gewidmet ist. Die bewegungsfreudige Menge stört das nicht, ganz im Gegenteil, fungieren diese Klänge doch als einen Art Vorband für den letzten Künstler des Abends: Jan Delay und Disko No. 1.

Vor einigen Monaten spielten der Hamburger bereits in der Bremer Stadthalle, nun auf dem Hurricane. Auch hier verlässt er sich auf Altbewährtes, lauten Bass, harte Gitarren und ein ziemlich gutes Bläser-Set, gespickt mit Fahnenschwingen und Herzchen-Symbolen. Ein überzeugender Auftritt, der noch einmal eines verdeutlicht: Die Zeiten gelangweilter Alt-Rocker sind vorbei.

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