Mantar-Sänger über den Rock‘n‘Roll-Mythos

"Ich kotze auch mal in die Ecke"

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Wuchtiger Sound und anstrengende Auftritte: Mantar-Sänger Hanno Klänhardt vor den unzähligen Verstärkern und Boxen auf der Bühne.

Bremen – Von Pascal Faltermann. Selbst Fieber und ein Rippenbruch in der Wüste Kaliforniens halten diese zwei Herren nicht vom Auftreten ab. Zwischen Doom-Metal und Punk erzeugt das Duo Mantar (türkisch: Pilz) eine ungeheure Gewalt und Wucht in ihrer Musik.

Zwei Künstler, die einen Sound von einer fünfköpfigen Kapelle erschaffen. Mit ihrem Debüt-Album „Death by Burning“ öffnete sich für sie die weite Welt. Die Einzigartigkeit der Band überzeugte Kritiker und Hörer auf dem ganzen Erdball. Die Festivals reißen sich förmlich um die Band. Aber warum? Der Bremer Sänger Hanno Klänhardt im Interview.

Auf der USA-Tour spielten Sie mit gebrochener Rippe und einer Grippe. Warum tun Sie sich das an? 

Klänhardt: So etwas passiert. In den USA zu touren, bedeutet wenig Komfort. Als Band in Deutschland kannst du mal einen Auftritt absagen, wenn du dir eine Rippe gebrochen hast. In den USA aber nicht. Wenn du 18 Stunden im Auto gesessen hast, bist du froh, dass du mal aussteigen kannst und dann spielst du auch. Klar, kann ich mich ins Krankenhaus legen, es ändert aber nichts. Ich habe mir häufiger eine Rippe gebrochen und das tut schweinemäßig weh. Du kannst nicht sitzen, nicht liegen aber eben auch nichts daran machen. Dass ich dann neben der gebrochenen Rippe noch eine Grippe mit Fieber hatte, passiert ja selten in der Konstellation. Das Ganze geschah auf unserer ersten USA-Tour und wenn du da nicht 100-prozentig ablieferst, dann bist du für die Amerikaner eine schlechte Band aus Deutschland - das interessiert dann zu Recht niemanden. Da beiße ich lieber eine halbe Stunde auf die Zähne, liefere ab und beschwere mich die restlichen 23 Stunden am Tag.

Das Konzert-Pensum von Mantar ist heftig. Sie waren zweimal in den USA, hatten unzählige Auftritte - brauchen Sie nicht langsam etwas Erholung? 

Klänhardt: Auf jeden Fall. Unsere Jobs sind dabei auf der Strecke geblieben. Da ich in meinem Leben mit der Band nicht immer so weit in die Zukunft planen kann, ist erst einmal die Idee, den Sommer in Bremen zu verbringen. Das ist für mich eine Herzensangelegenheit, da ich mittlerweile seit acht Jahren in Hamburg wohne und ich den Sommer in der Stadt sehr vermisst habe. Dann habe ich unter der Woche Zeit, das Leben als gebürtiger Bremer zu genießen: Stadionbad, Deich, Bürgerpark und im Viertel asseln - wie ich das kenne. Ich sehne mich nach einer Phase, in der ich gar nichts mache, wo ich nichts mit der Band zu tun habe. Aber das wird realistisch nicht vor Spätherbst oder Winter passieren. Aber selbst da gab es wieder eine Anfrage für eine Tour in den USA. Wir waren jetzt dreimal drüben und sind seit Oktober 2014 konstant unterwegs, haben 150 Shows am Stück gespielt. Wir waren in 20 Ländern und das in neun, zehn Monaten. Da weiß man hinterher, was man gemacht hat.

Wie setzt man sich als Band in den USA durch? Die Amerikaner haben doch alles gesehen und besitzen es im Überfluss. 

Wuchtiger Sound: Mantar-Sänger Hanno Klänhardt vor den unzähligen Verstärkern und Boxen auf der Bühne.

Klänhardt: So abgedroschen es klingt, du brauchst eine gewisse Hartnäckigkeit. Du musst es echt wollen. Du musst als Band selbstbewusst sein, nicht arrogant, sondern wissen, was du auf der Kette hast und dahinter stehen. Wenn du das nicht weißt, brauchst du weder in den USA noch im Freizeitzentrum um die Ecke spielen. Die Amis sind schon sehr verwöhnt, aber auch sehr höflich und dankbar, wenn du dich zerreißt und alles gibst. Es ist andererseits ja auch selten, dass eine Band aus Deutschland nach Amerika kommt, wenn du nicht gerade Rammstein oder Scorpions heißt oder eine alte Thrash-Metal-Band wie Kreator bist. Für uns ist eine USA-Tour ein existenzielles Ding, das bedeutet für uns Kosten von 10.000 Dollar, die wir erst einmal wieder einspielen müssen. Das ist ein schwieriges Unterfangen. Eine deutsche Band braucht nicht mit einem englischsprachigen Pop-Punk-Album rüber fahren. Das interessiert keinen.

Aber warum genau sind Mantar in den USA interessant?

Klänhardt: Es ist zum einen der Sound und der Exotenstatus eine gute deutsche Band zu sein. Wir hatten vor Amerika bereits 100 Shows gespielt, du kannst uns morgens um vier Uhr wecken und wir spielen dir ein Set, das zu 99,9 Prozent so gut ist wie an einem Samstagabend. Wir haben viel verlernt im vergangenen Jahr, was private Sachen angeht, aber Spielen können wir immer, rund um die Uhr. Wir reißen uns auch den Arsch auf, wenn da nur 40 Leute stehen. Neben der Arbeitsmoral kommt wahrscheinlich dazu, dass die Band was Neues, was Frisches ist. Wir haben mittlerweile eine Bookingagentur und ein Label in den USA. Es kommen Leute in Mantar-Shirts zu den Konzerten. Wir werden also wahrgenommen und finden in Musikmagazinen wie Noisy oder Pitchfork statt. Vielleicht gehört auch Glück dazu, aber es ist deutlich mehr Fleiß.

Ist es die Einzigartigkeit, dass Sie mit zwei Leuten eine enorme Wucht und einen extremen Sound hervorbringen? 

Klänhardt: Das ist ein dankbarer Punkt. Die Musik ist sehr eigen. Wir stellen uns die ganze Bühne mit Verstärkern und Boxen voll - das ist mörderisch laut. Die Leute finden alles gut, was laut und extrem ist. Das könnte ein Punkt sein, warum die Band weltweit funktioniert. Ich denke, weil die Sache sehr selbstständig, substanzvoll und Underground orientiert ist, funktioniert sie. Wir wollen ja nicht in den Staaten im Radio laufen, sondern sprechen eine genaue Zielgruppe an. Wir haben eine mehr oder weniger feste Käuferschicht im Metalbereich oder härterem Alternative.

Wie kommt es, dass Mantar für so viele Festivals für den breiten Musikgeschmack wie Hurricane, Deichbrand, Breminale oder Fusion gebucht wird?

Klänhardt: Im besten Fall ist man da für die Leute der totale Abriss und sie feiern die absolute Gewalt unserer Musik. Ich weiß nicht, ob es für die Mainstream-Festivals ein dekadenter Witz ist oder ob sie einfach Potenzial darin erkennen.

Oder sind Sie ein Liebling der Booking-Agenturen? 

Klänhardt: Klar, die scheinen uns zu mögen und buchen uns. Es ehrt uns, dass wir in Freizis spielen und aber auch gute Slots auf dem Hurricane, Wacken oder europaweiten Festivals haben. Ich bin selbst mit 16 Jahren zu Festivals gegangen und habe mir mittags um 12 Uhr Queens of Stone Age angeschaut. Das war für mich damals das Größte und gehörte zu meiner Sozialisation. Vielleicht können auch wir ein paar Menschen abholen. Ich spiele tendenziell für jeden, also sobald da ein paar Menschen stehen. Ich mag die Veranstalter des Hurricanes, weil ich es gut finde, dass sie Bands wie Converge, Fucked up oder eben Mantar buchen, damit die Jüngeren solche Bands neben Kraftklub oder Casper auch sehen. Wenn sich da jemand etwas rausziehen kann, hat sich das doch gelohnt. So funktionierten solche riesigen Festivals für mich früher auch. Heute würde ich da nicht mehr hingehen, Menschenmassen törnen mich total ab und Leute mit lustigen Hüten oder Anzügen und Jägermeister-Rausch - da könnte ich kotzen.

Wie motivieren Sie sich für Konzerte, bei denen nur 40, 50 Menschen statt 500 vor der Bühne stehen? 

Klänhardt: 50 geht ja noch, das kann in einem kleinen Laden gut funktionieren. Was hart ist, sind fünf Leute. Ich weiß nicht, ob wir das mal hatten, aber es gab sicherlich Konzerte in den USA wo nur 20 oder 25 Leute waren. Unsere erste Show in Hamburg war direkt ausverkauft, da sind wir vielleicht etwas verwöhnt. Aber wenn du in ein anderes Land kommst, dann passiert das schon mal. Natürlich ist die Motivation eine andere, wenn der Laden leer ist. Aber wenn nur fünf Personen kommen und T-Shirts kaufen und sich seit mehreren Wochen auf die Band gefreut haben, dann kannst du nicht auf Sparflamme spielen. Das geht nicht. Die Einzelpersonen haben es verdient und nicht die kollektive Masse.

Der Rock‘n‘Roll-Mythos von wild feiernden Bands auf Tour soll es kaum noch geben. Ist mittlerweile alles so professionell, dass Sie nach dem Auftritt direkt ins Hotel gehen? 

Klänhardt: Wenn wir in den Staaten mal immer ein Hotel gehabt hätten. Wir sind eher so die Vor-dem-Auftritt-Trinker. Nach dem Konzert tut mir alles weh, ich habe Sodbrennen und kotze auch mal in die Ecke, weil es so anstrengend ist. Ich bin auch nicht so gut darin, nach einem Konzert mit Leuten rumzuhängen, da brauche ich viel Ruhe. Auf Tour bin ich nie alleine, aus dem Grund gehe ich, wenn wir irgendwo ankommen, immer erst alleine spazieren.

Wie aufwändig ist eine selbst organisierte USA-Tour? 

Klänhardt: Man kommt sich so unwillkommen vor. Wir mussten den amerikanischen Behörden im Prinzip beweisen, dass unsere Band wichtig und vertretbar für den amerikanischen Markt ist. Wir brauchen Journalisten, die schon über uns geschrieben haben und Einladungsschreiben verschicken. Man muss einen weltweiten Presseoutput haben. Wenn du dann deine Arbeitserlaubnis, dein Visa hast, fällt echt eine Last von dir ab. Außerdem brauchst du neben einer Booking-Agentur und einem Label einen Anwalt in den Staaten. Aber es hat sich gelohnt.

Das erste Album produzierten Sie selbst. Machen Sie das beim nächsten erneut? 

Klänhardt: Wir haben unsere Songs ja erst in der Nacht vorher beziehungsweise beim Aufnehmen fertig gestellt. Ja, das werden wir wieder so machen. Ein großes Tonstudio und ein Produzent setzen dich unterbewusst psychologisch sehr unter Druck, weil es Geld kostet. Wenn wir es alleine machen, dann redet uns keiner rein. Wir sehen uns nicht in der Pflicht und haben sowieso lange überlegt, ob wir überhaupt eine neue Platte machen wollen. Es kann immer noch sein, dass wir sagen: Es ist zu viel, es reicht. Aber wir versuchen es und wenn uns das Material gefällt, bringen wir es raus. Die Chancen stehen gut.

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Mehr Infos zu Mantar

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