Hurricane Festival setzt auf Chip-Bezahlsystem

Schluss mit Bargeld

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Ob das Chipsystem am Bändchen wirklich funktioniert, wird sich jetzt zeigen.

Scheeßel - Von André de Vos und Michael Krüger. Nach mehrjährigen Anlaufschwierigkeiten und Abbruch in letzter Sekunde im Jahr 2012 erlebt der „bargeldlose Zahlungsverkehr“ seine Premiere am Eichenring. Cash zählt nicht mehr beim Hurricane – „YouChip“ ist das Gebot der Stunde. Ob es funktioniert, wird sich jetzt zeigen.

Das bargeldlose Zahlen geschieht mittels eines „RFID-Tags“, der mit dem Festivalband am rechten Arm angebracht wird und der den freundlichen Namen der Firma „YouChip“ trägt. „RFID“ heißt auf deutsch „Identifizierung mit Hilfe elektromagnetischer Wellen“ und gehört zu einer Technik, womit das viereckige Teil vor und während des Festivals mit Geld – bis zu 500 Euro – aufgeladen und sukzessive wieder durch Käufe an den Ständen entladen werden soll.

Der „RFID-Chip“ bildet so eine kleine Zone, wo der Euro als gesetzliches Zahlungsmittel nicht mehr anerkannt wird. Denn Bargeld, EC- oder Kreditkarten werden drei Tage lang nicht akzeptiert. Selbst im Außenbereich werden 200- und 500-Euro-Scheine an den Aufladestationen „aus Sicherheitsgründen“ nicht angenommen, ebenfalls keine Münzen unter einem Euro, es wird zudem kein Wechselgeld herausgegeben. Dieses Großvorhaben, um das niemand der 65 000 Musikfans gebeten hat, wird von der FKP-Eventkultur GmbH durchgedrückt, die in diesem Bereich als Beauftragte von FKP-Scorpio-Konzertproduktionen, dem Veranstalter des Hurricane- Festivals, agiert.

Trotz langer Vorlaufzeit ist das Prestigeprojekt „bargeldlos“ erst kurzfristig ab dem 4. Juni auf der Hurricane-Website installiert worden. Der Vorteil für die Musikfans bei diesem gigantischen Feldexperiment mit seinen neuen Automatenherstellern, Chipproduzenten, Drittfirmen, etlichen zusätzlichen Lesegeräten, der „Wirecard-Bank“ als Geldsammelstelle, massig Manpower und riesigen Datenmengen, lässt sich laut Hurricane-Website mit fünf simplen Worten ausdrücken: „Kein langes Schlange stehen mehr.“ Im Gegensatz zu 2014 könne man sich endlich auf dem Gelände „frei bewegen“ und „im Handumdrehen“ bezahlen.

Fraglich ist derzeit noch, was mit den großen Datenmengen passiert. Hat der Veranstalter ein Interesse daran, wer wann wo einen Döner gegessen, wo ein T-Shirt gekauft und wie viel Bier an welchen Buden getrunken hat? Wenn nicht, wer womöglich sonst? Auch wenn eine namentliche Registrierung, wie von FKP-Scorpio betont, nicht notwendig ist, so wird doch jeder Chip am Bändchen eines jeden Arms einem genauen Bewegungs- und Konsummuster zuzuordnen sein. Wer glaubt, das interessiere niemanden, dürfte auf dem Holzweg sein. Aus wirtschaftlicher Sicht sicherlich auch interessant die Frage, wie groß die Summe durch die Trägheit der Masse, die Restguthaben nicht abrufen wird, nach dem Festival ist.

Die Erfahrungen der jüngsten Zeit geben zu denken. Funktioniert das System? „Die Performance beim ähnlich stark besuchten Download in England vergangenes Wochenende liefert Wasser auf die Mühlen der Systemskeptiker“, berichtet das Szene-Magazin „Festivalisten.de“. Wie beim Hurricane seien die Besucher zum Großteil erst kurzfristig, nach dem Kauf ihrer Karten, über das System informiert worden. Es sollte alles schneller und einfacher machen – und führte wegen Verbindungsproblemen zu Frust. Vorab aufgeladene Beträge sollen nicht abrufbar gewesen, Buchungen erst verzögert erfolgt, der Andrang an den Aufladestationen immens gewesen sein – mehrere Stunden Schlange stehen. Das Hurricane verweist darauf, dass man in Scheeßel anders als in England nicht auf ein Online-System setze und so unabhängiger, also sicherer sei.

Hurricane-Aufbau am Mittwoch

Der Festivalgänger muss jetzt nur noch den Inhalt von rund 120 Regeln, Vorschriften, Straf- und Sanktionsmöglichkeiten des Systems verstehen. Das sind zwölf Paragrafen mit 70 Unterabschnitten in den „Allgemeinen Geschäftsbedingungen“, zudem 39 „Häufige Fragen“. Sie regeln die Haftung und vor allem den Haftungsausschluss für die FKP-Eventkultur GmbH.

Klar ist: Bändchen ohne Online-Registrierung nicht verlieren, da sonst „keine Haftung bei Verlust oder Diebstahl“ (§ 7.1 AGB), und ohne Registrierung: Armband weg – Geld weg (§ 7.2). Und man kennt selbstverständlich auch § 10.3 AGB: „Wir übernehmen keine Haftung, dass Ihr RFID-Festivalband oder die Website ohne Unterbrechungen und fehlerfrei funktionieren wird.“ Hat man das erst einmal alles akzeptiert, schiebt etwaige datenschutzrechtliche Bedenken beiseite, kann für den Einzelnen nichts mehr schief gehen, es sei denn, er stünde gerade vor dem Toilettenwagen und die 50 Cent werden nicht abgebucht, weil das System versagt.

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