„Das Überraschungsmoment am Leben halten“

„The Cat Empire“ jazzen das Hurricane 

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„The Cat Empire“ jazzen das Hurricane

Scheeßel - Von Ulla Heyne. Einen der musikalisch bemerkenswerteren Auftritte lieferten am Sonnabendabend auf der kleinen „Red Stage“ die Australier von „The Cat Empire“ ab: Ihre freien Jazz-Improvisationen in einem Konglomerat aus Ska, Hiphop und Latin wurden frenetisch gefeiert; sogar getanzt wurde, sofern möglich. Wir unterhielten uns kurz vor dem Konzert mit Felix Riebl, Leadsänger und musikalischem Kopf der sechsköpfigen Formation.

Zum Warmwerden ein kurzes Brainstorming: Drei Worte, die Ihnen zu Deutschland einfallen?

Berge, Bier und Zigaretten. Nein, Eigentlich müsste es Fassbinder sein. Mit dessen Werk habe ich mich in letzter Zeit beschäftigt – ein enorm kreativer Kopf, und so produktiv – Wahnsinn! Ich mag seine Filme.

Festival?

Chaotisch, wunderbar – wie Wellenreiten.

Inspiration?

Zieht man aus unterschiedlichen Formen der Bewegung: Dem eigentlichen Reisen an andere Orte mit anderen Geräuschen, dann aber auch dem in der eigenen Vorstellung, an einem stillen Ort.

Sie gelten als Partyband. Würden Sie sich eher als Live- denn als Studioband beschreiben?

In vielerlei Hinsicht stimmt das. Aber nicht nur. In letzter Zeit gab es einmalige Momente im Studio. Es ist faszinierend: Die Band spielt im Studio anders. Da funktionieren Dinge, die live so nicht gehen würden: Decrescendi bis zu sehr intimen Momenten oder einige experimentelle Geschichten. Live geht es eher darum, eine Festivalatmosphäre zu erzeugen, eine Traumwelt, in die die Zuhörer zurückkehren können. Ich möchte keins von beiden missen.

Ist es nicht schwierig, die Energie der Live-Konzerte im Studio aufleben zu lassen?

Genau das haben wir viel zu lange versucht. Aber darum geht es im Studio nicht. Sondern darum, dem Song gerecht zu werden, ein Überraschungsmoment einzubauen. Für mich als Songwriter geht es darum, Songs zu schreiben, die das Publikum mitnehmen. Wenn das gelingt, funktioniert der Song auf vielen Ebenen, auch auf der Bühne. Es gibt in der Musik verschiedenen Ausrichtungen. Diese Bandbreite macht es interessant.

Welche Rolle spielen die unterschiedlichen Stile, die in Ihre Musik einfließen – Ska, Jazz, Latin oder auch Klezmer? Planen Sie, wohin die Reise gehen soll oder passiert das einfach?

Früher haben wir mehr geplant. Ganz am Anfang war alles etwas direkter - wenn ich einen Stil gehört habe, habe ich gesagt: In diesem Stil will ich einen Song machen. Das ist heute anders: Ich habe mich als Songwriter und wir uns als Band weiter entwickelt . Es geht nicht mehr um Schubladen. Es geht um unseren speziellen Sound, der sich über die Jahre hinweg herauskristallisiert hat.

Ist das ein demokratischer Prozess?

Nein. Natürlich gibt es auch demokratische Aspekte, wenn man in einer Band spielt: Die Entscheidung, auf Tour zu gehen, ob eine neue Platte erscheinen soll und wann. Die Musik an sich ist kein demokratischer Prozess. Im Idealfall lassen sich alle drauf ein, was herauskommt, und tragen ihr Bestes dazu bei, dass es gut wird.

Wie wichtig ist Improvisation? In den Anfangstagen war Ihre Musik von vielen Jazzelementen geprägt.

Das ist auch heute noch so. Das gehört zu den zwei großen Grundpfeilern unserer Band: Den sehr einfachen Songs einerseits und dem starken Drang zu Improvisation auf der anderen. Das Spannungsfeld dieser beiden Extreme ist, was uns ausmacht und unsere Musik für die Hörer spannend macht.

Sie haben oft Gastmusiker eingeladen. Bringen die frische Ideen?

Für Bands, die es schon eine Weile gibt, ist es toll, mit Gastmusikern zu spielen. Es schafft eine neue Chemie in der Band, bringt neue Einflüsse herein. Die Leute hören genauer zu oder versuchen, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Wir haben mit allen möglichen Musikern gespielt, von Flamenco-Künstlern über Sänger bis zu verschiedenen Instrumentalisten; sogar Komiker und Performance-Künstler waren früher dabei.

Das klingt so, als müsse man sich als Band immer wieder neu erfinden…

Es geht auch darum zu gucken, welche ursprünglichen Elemente der Band es waren, die der Musik die besondere Atmosphäre verliehen haben. Bei unserem jüngsten Album „Still alive“ wollten wir die besondere Atmosphäre des ersten Albums aufgreifen, das damals um die Welt gegangen ist; ohne große Verbreitung im Radio, sondern nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Diesen Spirit wollten wir auf das neue Album bringen, aber nicht einfach Bestehendes kopieren, sondern neue Songs mit unserem inzwischen charakteristischen Sound mit dem Spirit von früher kombinieren. Bei dem „Sich neu erfinden“ geht es viel um solche Nuancen. Unseren Sound an sich müssen wir nicht groß verändern – der war ja immer schon sehr vielfältig.

Sie erwähnten die Mund-zu-Mund-Propaganda unter Ihren Fans. Funktioniert das auch in Europa?

Ich glaube schon. Wir haben ja nicht gerade Hits, die ständig weltweit im Radio laufen. Wir haben über die Jahre eine tolle Anhängerschaft aufgebaut, die unsere Musik mögen, weil sie damit schöne Erlebnisse verbinden – entweder, weil unsere Musik sie auf Reisen begleitet hat oder weil sie Konzerte besucht haben. Wenn ich nach dem Auftritt mit Leuten spreche, höre ich oft: „Ich habe euch schon da und da gesehen“ – sie kommen wieder und bringen ihre Familie mit. Das ist für mich erfüllend.

Sind Ihre Fans in Deutschland und Europa die gleichen wie in Ihrer Heimat Australien?

Ich glaube, den „typischen“ Fan gibt es bei uns nicht. Wenn man sich das Publikum anguckt, ist es jünger denn je. Aber unsere Konzerte besuchen auch Ältere, Mittdreißiger, Leute, die wie Rocker aussehen – die Demografie unserer Fans ist recht breit.

Sie haben früher mal gesagt, dass Sie nie wissen, was auf der Bühne passiert . Stimmt das noch so?

Zu einem bestimmten Grad wissen wir das natürlich – wir haben jetzt fast 1100 Konzerte gespielt. Innerhalb der Songs kann aber immer etwas völlig Erwartetes passieren, da wir ja viele Improvisationsparts haben. Manchmal macht einer einen großen Fehler und daraus entwickelt sich etwas völlig Neues. Das ist auch eine Gabe, das Überraschungsmoment am Leben zu erhalten.

Beim Hurricane sind gleich mehrere australische Bands am Start – ein Zufall?

Ja, das habe ich auch schon festgestellt. Wir kennen Angus und Julia (Stone, Anm.d.Red.) gut, Chet Faker macht momentan in Australien tolle Sachen,.. Ich bin mir nicht sicher: Vielleicht wird die Welt kleiner?

Ist das Treffen „alter Bekannter“ bei Festivals ein Stück Heimat?

Ein bisschen. Obwohl: Ich will mich nicht allzu sehr auf das „Australien“-Ding zu fixieren. Ich mag die Offenheit, die Festivals und das Treffen neuer Leute und Einflüsse mit sich bringen. Nichtsdestotrotz ist es schön, am Rande eines Festivals mal gemeinsam ein Bierchen zu trinken.

K.I.Z., Marteria und Jan Delay beim Hurricane 

Hip-Hop-Acts am Hurricane-Samstag

Träumen, Chillen, Schmusen auf dem Hurricane Festival

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