Musikjournalist Arne Schumacher über das Festival

„Es geht nichts über das Live-Erlebnis“

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Irgendwo auf den alten Bildern, mittendrin, da könnte auch Arne Schumacher gewesen sein.

Scheessel - Von Ulla Heyne. Das 18. Hurricane-Festival beginnt. Einer, der nicht mit dabei sein wird, obwohl Musik nicht nur sein Beruf, sondern auch seine Leidenschaft ist, ist der Musikjournalist-Arne Schumacher – obwohl er zu den Festivalgängern der ersten Stunde gehört.

Wir unterhielten uns mit dem Radio-Bremen-Redakteur über seine Erinnerungen an die erste Auflage 1973 mit 17, reizvolle Bands im diesjährigen Line-Up und die grundsätzliche Faszination von Festivals.

Welche Erinnerungen haben Sie an das erste Festival „Es rockt in der Heide“ 1973 in Scheeßel?

Arne Schumacher: Ich bin damals mit einem Freund da gewesen. Wir haben ein Zelt dabei gehabt, damit ist man in den Eichenring reingegangen. Bis in den späten Abend hinein haben Bands gespielt. Und dann ist man einfach in sein Zelt gekrochen, hat ein bisschen geratzt und ist am nächsten Morgen rausgekrochen und hat sich bei der ewig langen Schlange vor den Dixiklos angestellt.

Mit Musik einschlafen – das klingt nach paradiesischen Zuständen...

Irgendwo auf den alten Bildern, mittendrin, da könnte auch Arne Schumacher gewesen sein.

Schumacher: Organisatorisch war es eine mittlere Katastrophe, weil die Versorgung überhaupt nicht auf so viele Leute ausgerichtet war. Es gab kaum Verkaufsstände für Essen oder Getränke, und die sanitäre Versorgung war katastrophal für die Menge an Leuten. Nach heutigen Kriterien wäre das überhaupt nicht durchführbar gewesen. Damals hat man das natürlich alles noch locker gesehen. Man ist da hingegangen, weil man zwei Tage etwas Besonderes erleben wollte.

Ihr nächstes Festival in Scheeßel haben Sie 1997 erlebt. War das auch schon anders?

Schumacher: Völlig anders. Rein organisatorisch ist heute alles viel professioneller – die Versorgung der Leute, die Sicherheitsvorkehrungen. Das war damals wesentlich laxer. Damals ist man dort hin gegangen, um das Ganze als Musikereignis wahrzunehmen. Heute geht es um das soziale Event, das gemeinsame Feiern und sich von Musik völlig einnehmen zu lassen.

Hat damals irgendeine der Bands einen bleibenden Eindruck hinterlassen?

Schumacher: Einen negativen Eindruck hatte Chicago auf mich, weil ich von Chicago immer sehr beeindruckt war. Von der relativ glatten Performance im Verhältnis zu den ersten drei für mich so prägenden Alben war ich dann enttäuscht. Eine große Offenbarung war damals für mich Manfred Mann´s Earth Band. Die haben mich und viele andere damals weggefegt mit einer tollen Performance. Lou Reed habe ich nur zur Hälfte erlebt. Er war offenkundig schwer angetrunken. Er ist über die Bühne getorkelt und war insofern eine große Enttäuschung.

Ist das Hurricane heute für Sie überhaupt noch einen Eintrag im Terminkalender wert?

Schumacher: Auf jeden Fall. Ich entdecke jedes Mal zahllose Bands, die ich gern einmal live erleben würde. Dass ich da nicht mehr hingehe, hat andere Gründe. Zum einen, weil ich festgestellt habe, dass der Musikgenuss da meistens zweitrangig ist. Und das ganze Drumherum ist für mich eher überbordend. Weil am Rande des Festivals für mein Empfinden auch immer viele Dinge passieren, die mir nicht mehr so viel Spaß machen.

Eine Altersfrage?

Irgendwo auf den alten Bildern, mittendrin, da könnte auch Arne Schumacher gewesen sein.

Schumacher: Sicherlich auch eine Generationenfrage. Für mich ist so ein Festival unter musikalischer Hinsicht spannend, weil: Bands live zu erleben, ist immer noch das Essentielle. Ich liebe Musik, die produziert ist und setze mich täglich damit auseinander. Es gibt großartig produzierte Platten. Aber es geht nichts über das Live-Erlebnis. In einem Konzert zu sein und zu sehen, wie die Musik entsteht auf der Bühne, sie zu erfahren, die Musiker in Aktion zu erleben, diese Energie zu spüren, daran teilzuhaben – das ist durch nichts zu ersetzen!

Haben Sie einen Blick aufs Line-Up geworfen? Was hätten Sie sich auf jeden Fall angeguckt?

Schumacher: Da gibt es eine ganze Reihe. Arcade Fire, Black Keys – unbedingt angucken. Elbow – das wäre eine Band, für die alleine ich eigentlich schon hinfahren müsste. James Blake würde ich ganz gerne mal live sehen. Rodrigo und Gabriella, die Gitarristen aus Mexiko. Sie vor 10000 Leuten zu sehen, muss großartig sein. Wenn man so drauf guckt, fällt die stilistische Bandbreite auf: Das ist Passenger, da ist Arcade Fire, Seed und Fettes Brot – auf der anderen Seite Chuck Ragan, White Lies. Das ist eine extrem breite Spanne.

Würden Sie sagen, dass das alles schon sehr Mainstream ist?

Schumacher: Ich finde den Begriff problematisch. Mainstream ist nicht alles, was in den Charts ist und alles, was nicht in den Charts ist, ist nicht automatisch nicht Mainstream. Viele der Hurricane-Bands sind für mich nicht Mainstream. Arcade Fire ist ein gutes Beispiel für eine Band, die immer noch eine Art Indie-Ästhetik und Credibility hat, aber eigentlich vom Status her Mainstream ist.

Wobei bei der Bekanntgabe von Lilly Allen ein Aufschrei durch die Facebook-Gemeinde ging…

Schumacher: Da bin ich mal gespannt, wie die Reaktionen sein werden. Letztlich ist es auch ein Test für die Bands, dass in dem Publikum da unten neben 3000-, 4000 Hardcorefans im Zweifelsfalle auch noch 30.000 sind, die ich für mich gewinnen kann. Das ist der Reiz für die Bands und ein offenes Spiel, und ich traue so jemandem wie Lilly Allen durchaus zu, noch Leute mit Vorbehalten für sich zu gewinnen.

Häufig liefern die Headliner ja auch nicht unbedingt die besten Shows ab...

Schumacher: Das ist auch eine Erfahrung, die viele machen. Viele wollen ja diese inszenierten Geschichten, die routiniert über die Bühne gebracht werden. Ich persönlich finde, das merkt man vielen an. Insofern ist es reizvoller, wenn man was Frisches hat, was nicht bis in jedes Detail durchinszeniert ist. Aber beides ist Teil von so einem Festival.

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