"Alle für Wasser, Wasser für alle"

+
Diese Mädels von Viva Con Agua ziehen eine der Pfandbechertonnen auf einem Festival.

Plitsch, platsch, nass - Über die Wasserversorgung müssen wir uns hier keine Gedanken machen. Doch die Jungs und Mädels von Viva Con Agua tun es trotzdem. Sie sammeln Pfandbecher, mit deren Erlös sie Wasserprojekte in Uganda, Indien & Co. finanzieren. Ob das was bringt, erklärt Björn Mertins.

Von Anne Hundt  aus Syke

Sie gehören mittlerweile zur Musik wie Gaffa-Tape zu Festivals. Auf „Omas Teich“, auf dem „Hurricane“ oder aber bei Konzerten von „Fettes Brot“, „Jupiter Jones“ oder „Irie Révoltés“ stehen sie mit blauen Mülltonnen und sammeln Pfandbecher. Nicht für sich, sondern für einen guten Zweck. Björn Mertins (22 Jahre) aus Stuhr ist einer von diesen Pfandbecher-Sammlern. Auf seiner schwarzen Mütze sind seitlich die Buchstaben „VCA“ in Weiß gestickt. Das steht für „Viva con Agua“ – eine Hilfsorganisation, die sich dafür einsetzt, dass Menschen in Ländern wie Indien, Nepal oder Uganda sauberes Trinkwasser bekommen. Wie kommt man auf sowas? „Beim Hurricane-Festival sind ,Die Ärzte’ aufgetreten“, erzählt Björn. „Und die haben eine Ansage gemacht, dass alle ihre Pfandbecher auf die Bühne werfen sollen – für ,Viva con Agua’.“

St. Pauli-Fußballer Benjamin Adrion

Die Idee des Pfandbechersammelns hatte 2005 der ehemalige St. Pauli-Fußballer Benjamin Adrion. Bei einem Trainingscamp in Kuba hat er gesehen, dass die Versorgung mit Trinkwasser dort – anders als bei uns – gar nicht selbstverständlich ist. Er gründete den gemeinnützigen Verein „Viva con Agua“. „Das Ziel ist, dass wir den Verein irgendwann auflösen können, weil er nicht mehr nötig ist“, sagt Björn und rückt seine Mütze zurecht. „Aber das werde ich wohl nicht mehr erleben.“

Im letzten Jahr haben die Mitglieder von „Viva con Agua“ Bremen mehr als 7.600 Pfandbecher gesammelt – meist im Wert von je einem Euro. Von jedem Euro benötigt der Verein laut eigener Angabe sechs Cent für die Verwaltung und 15 Cent für die Vereinsarbeit. Bleiben 79 Cent, die an die Welthungerhilfe weitergeleitet werden. VCA ist also sowas wie ein Spenden-Generierer für die Wasserarbeit der Welthungerhilfe, die in Entwicklungs- und Schwellenländern vor Ort Hilfsprojekte umsetzt. „Die sind Profis in der Entwicklungshilfe, und wir haben den Kontakt zu vielen jungen Menschen. ,Viva con Agua’ und die Welthungerhilfe ergänzen sich“, meint Björn.

Björn Mertins

Von den 79 Cent, die die Welthungerhilfe bekommt, braucht sie offiziell für Werbung, politische Arbeit und Verwaltung selbst noch mal zwölf Cent. Unterm Strich bleiben also von einem Euro Becherpfand 67 Cent über, die in die Wasserprojekte fließen. „Weil ,Viva con Agua’ und die Welthungerhilfe gemeinnützige Organisationen sind, gibt es Fördertöpfe – zum Beispiel von der EU, den Bundesministerien und internationalen Stiftungen – die auf jeden gespendeten Euro noch mal Geld drauflegen. So wird aus den 67 Cent, die effektiv für die Arbeit vor Ort zur Verfügung stehen, insgesamt 2,35 Euro“, weiß Björn. Nach dieser Rechnung haben die Bremer Aktivisten 2013 also mehr als 17.860 Euro für Wasserprojekte mobilisiert.

Die Idee von „VCA“, Pfandbecher zu sammeln, ist ziemlich klug. Gerade am Ende eines Konzertes hat man ja eh keinen Bock mehr, sich an der Theke anzustellen, um seinen Pfand-Euro wiederzubekommen. Ihn wegzuschmeißen ist zu schade. Ihn für einen guten Zweck zu spenden, das kann man dann schon mal machen. Vor allem wenn die Bechersammler so gut aussehen wie die Jungs und Mädels aus Bremen.

Aber kann man sich denn wirklich sicher sein, dass das Geld, das man spendet, auch wirklich vor Ort was Großes bewirkt? „Nein, das kann man natürlich nie“, sagt Björn. „Die Menschen in Indien, Uganda & Co haben einen komplett anderen kulturellen Hintergrund als wir und müssen zum Beispiel erst mal verstehen, warum man sich überhaupt die Hände waschen sollte oder wozu man eine Toilette braucht. Man kann doch auch einfach hinter einen Busch gehen. Einer von ,Viva con Agua’, der sich vor Ort die Projekte angeschaut hat, hat mal erzählt, dass die Leute in einem Dorf im Toilettenhäuschen ihre Wertgegenstände eingeschlossen haben. Das war nämlich der einzige Raum, den man abschließen konnte. Es ist eben ein weiter Weg, die Gewohnheiten von Menschen zu ändern...“ Und „VCA“ will ja nicht nur Brunnen bauen, sondern mit seinem „Wash“-Projekt auch für einen sanitären Standard sorgen. „Wash“ steht für „Wasserversorgung, Sanitäre Grundversorgung, Hygiene“. In Zusammenarbeit mit der Welthungerhilfe baut der Verein also auch Toiletten und schult die Leute in Hygiene-Fragen. „Warum soll man denn das kostbare Wasser nehmen, um seine Hände zu waschen? Und was soll diese Seife? Menschen, die mit solchen Gewohnheiten gar nicht aufgewachsen sind, müssen erst mal wirklich verstehen, was das soll“, meint Björn.

Laut Angaben von „VCA“ kostet es 16 Euro, eine menschenwürdige sanitäre Grundversorgung für eine fünfköpfige Familie zu gewährleisten. 30 Cent am Tag ermöglichen ihr dann noch den Zugang zu sauberem Trinkwasser. Das sind alles Summen, die so gering klingen. Kann das denn stimmen? „Wenn man mal bedenkt, worauf es wirklich ankommt, sind das nur kleine Sachen. ,Viva con Agua’ baut ja keine Fünf-Sterne-Klos, wie wir sie in Deutschland haben, sondern ganz einfache. Wichtig ist zum Beispiel vor allem, dass die Toilettengrube von der Umgebung abgegrenzt ist und nichts ins Brunnenwasser läuft.“ Björn engagiert sich, weil er die Arbeit des Vereins „sinnvoll“ findet. „Wir haben hier Smartphones und all so einen Scheiß – und andere Menschen haben noch nicht mal einen Brunnen mit Trinkwasser“, erklärt er. „Deswegen: Alle für Wasser, Wasser für alle!“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Das rasante Rennen um Follower - "The Crew 2" im Test

Das rasante Rennen um Follower - "The Crew 2" im Test

Zu Gast in einer Käseschule im Allgäu

Zu Gast in einer Käseschule im Allgäu

Werder-Training am Mittwoch

Werder-Training am Mittwoch

Nach Höhlen-Drama: Thai-Fußballer wieder zuhause

Nach Höhlen-Drama: Thai-Fußballer wieder zuhause

Meistgelesene Artikel

Baustellen und Ersatzverkehr auf dem Weg zum Deichbrand

Baustellen und Ersatzverkehr auf dem Weg zum Deichbrand

Taschenregelung beim Deichbrand: Das darf mit aufs Gelände

Taschenregelung beim Deichbrand: Das darf mit aufs Gelände

Hier kannst du das Deichbrand Festival im Livestream verfolgen

Hier kannst du das Deichbrand Festival im Livestream verfolgen

Alles dabei? Hier ist die Packliste für das Deichbrand Festival

Alles dabei? Hier ist die Packliste für das Deichbrand Festival

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.