Rebellion, Angst, Wut,

Chuck Ragan: "Im Punkrock habe ich andere Energien gefunden"

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Chuck Ragan im Interview auf dem Hurricane Festival

Scheeßel - Von Ulla Heyne. Seit mehr als 21 Jahren musikalisch unterwegs, ist der zwischen Folk und Punk angesiedelte Amerikaner Chuck Ragan längst kein Geheimtipp mehr. Entsprechend voll war das Zelt der „White Stage“ beim Hurricane-Festival am frühen Freitagabend.

Wir unterhielten uns vor dem Konzert mit dem charismatischen Sänger von „Hot Water Music“ und Gründer der „Revival Tour“.

Ihre Mutter war Gospelsängerin. Hatte das einen Einfluss auf Ihre eigene Musik?

Chuck Ragan: Einen großen! Meine Familie mütterlicherseits hat Cajun-Wurzeln, das sind meine frühesten musikalischen Erinnerungen. Mein Opa hat Akkordeon gespielt, meine Oma hat französische Chansons gesungen und mit dem Tamburin begleitet. Das war für mich eine unheimliche Inspirationsquelle, war es doch das erste Mal in meinem Leben, wo ich Musik in mir gespürt habe. Da muss ich so sechs, sieben gewesen sein. Und es fühlte sich verdammt gut an! Und meine Mutter, Sängerin und Bauchrednerin, war ständig auf Tour und nahm uns Kinder mit.

Also liegt es quasi in Ihren Genen, auf Tour zu sein? Ihr Vater war als Profi-Golfer sicher auch viel unterwegs…

Ragan: Ja, absolut. Mein Vater nahm uns auch oft mit – und dann bin ich ab meiner Jugend mit Bands unterwegs gewesen, und das ist seitdem so geblieben! Ich freue mich schon darauf, es irgendwann einmal etwas ruhiger angehen zu lassen, hoffentlich bald. Viele Musiker würden das Gegenteil sagen, aber: Ich bin gern zuhause. Ich liebe meine Frau und unsere Hunde. Ich würde gern Kinder haben. Ich mag das Schreiben, das Kreative. Das Touren ist toll, aber das hab ich mein ganzes Leben gemacht.

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration – von zuhause oder Unterwegs?

Ragan: Zum großen Teil von zuhause. Hier werde ich natürlich auch inspiriert – überall, wo ich bin. Ich versuche, immer auf alles offen zuzugehen, zuzuhören und Neues zu erfahren – und nicht so viel selbst zu reden – auch wenn das komisch ist, das hier im Interview zu sagen (lacht).

Wo tanken Sie Energie?

Ragan: Definitiv zuhause. Meine Frau und ich wandern gern, ich bin gern auf dem Wasser, unsere beiden wunderbaren Labradore halten uns auf Trab…

Zurück zu Ihren musikalischen Wurzeln: Punk und Folk – diese Verbindung teilen Sie mit einer Reihe anderer Musiker, zum Beispiel Frank Turner oder Dave Hause. Haben die beiden Richtungen eine engere Verbindung als andere?

Ragan: Es gibt viele Parallelen. Ich habe gelernt Folk zu spielen, bevor ich überhaupt mit elektrischer Gitarre angefangen bin. Woody Gutthrey, Bob Dylan – das war damals das Genre „Folk“. Heute kann Folk alles sein - Irish Folk, Cubanische Musik, Akustik: Von den Leuten für die Leute. Im Punkrock habe ich andere Energien gefunden: Diese Rebellion, Angst, Wut, aber auch postivite Energie und Spannung. Punkrock kann sehr direkt sein, sehr persönlich, aber auch sehr politisch. Und auch kraftvoll. Er kann Angst transportieren, aber auch leidenschaftlich und einfühlsam. All das gilt aber auch für Folk. Es sind beides Transportmittel, zum sich in Musik mitzuteilen und sie zum Wohle aller an andere weiterzugeben.

Hat die musikalische Entwicklung vom Folk der Kindheit zum Punk in der rebellischen Jugend auch etwas mit Erwachsenwerden zu tun? Wo sehen Sie sich da heute?

Ragan: Ich finde es klasse, beide Optionen zu haben: auf das Wesentliche reduzierte Akustiksets zu spielen, das ist extrem erfüllend. Aber ich reiße auch gern mal die Lautstärke auf – wobei das früher öfter war… Und ich würde gern auch mit Hot Water Music weiterspielen, so lange es geht. Wir feiern dieses Jahr 21-jähriges Bestehen.

Direkte, persönliche Musik – dafür sind Sie bekannt. Mit Ihren Markenzeichen Bart und Flanellhemd sind Sie in der Szene so etwas wie ein Vorbild. Fühlen Sie sich in dieser Rolle wohl?

Ragan: Es wird in der Presse viel Nettes über mich gesagt, und ich bin immer wieder erstaunt, dass man sich überhaupt die Mühe gibt, über mich zu schreiben. Viele Künstler heute tragen Kostüme und Make-Up – das funktioniert bei mir nicht; ich wüsste nicht mal, wie man sich schminkt. Für mich gilt: „What you see is what you get“. Ich bin in Interviews ehrlich und behandele die Menschen so, wie ich behandelt werden möchte. Aber kennen tun mich viele bestimmt trotzdem nicht. Ich bin bestimmt nicht der drei Meter große Hüne im Holzfällerheld, der ehrenwerte Recke, Kämpfer für die gute Sache. Auch ich mache Fehler, habe gute und schlechte Tage, wie alle anderen auch. Schließlich sind wir alle nur Menschen.

Im Umfeld Ihres neuen Albums bekam man allerdings diesen Eindruck: Ein kleines, friedliches Paradies befreundeter Musiker, die mal eben bei Ihnen hereinschneien, um den Backgroundgesang aufzunehmen…

Ragan: Wenn wir touren, versuche ich sicherzustellen, dass alle anderen dabei gut wegkommen – und stecke dabei manchmal auch finanziell zurück. Es ist eine offene Szene, geprägt von gegenseitigem Respekt. Nicht nur innerhalb der Band, sondern auch unter anderen Songwritern.

Funktioniert deshalb auch Ihr Projekt „Revival Tour“?

Ragan: Absolut, da gibt es einen starken Zusammenhalt. Das habe ich noch nie so erlebt. Das passiert nur, wenn alle zusammensitzen und die ganze Tour zusammen machen. Ich hoffe, dass wir das noch ganz lange weiterführen können. Was nicht heißen muss, dass ich automatisch dabei bin. Es soll etwas entstehen, was sich ständig ändert und weiterentwickelt. Das Publikum soll neben den bekannten Songwritern auch den unbekannten Underdog sehen.

Eine schnelle Fragerunde: Publikum: Lieber Europa oder Amerika?

Ragan: Europa. Weil hier eine Begeisterung herrscht, die man bei uns so nicht findet. Vielleicht liegt das daran, dass es bei uns eine Überflutung mit Bands gibt. Die Aufmerksamkeitsspanne bei uns wird immer kürzer. Vielleicht liegt es aber auch an der romantischen Verklärung, dass es einfach spannender ist, weit weg zu sein.

Kleine Gigs vs. Festivals?

Ragan: Oh, schwierig. Beides, aber an unterschiedlichen Tagen. Ich liebe die Abwechslung. Einerseits liebe ich den persönlichen Kontakt, das ist durch nichts zu ersetzen. Andererseits möchte ich auch alle meine Zähne behalten… (lacht).

Soloalbum vs. Bandprojekt?

Ragan: Wieder so eine schwierige Frage. Hauptsache, ich mache meine eigene Musik. Ich liebe es, ganz bei mir zu sein, allein mit meiner Gitarre, und Songs zu schreiben.

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