Der Andere

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Prinz Pi

Scheeßel - Von Felix Gutschmidt. Friedrich Kautz (33), alias Prinz Pi, bürstet die deutsche Rap-Szene gegen den Strich. Auf seinem aktuellen Album „Kompass ohne Norden“ übt er Selbstkritik, statt sich zu überhöhen, wie es in der Branche eigentlich üblich ist.

Er verherrlicht keine Drogen, beleidigt keine Frauen und erwähnt nicht einmal seinen Penis. Kurz gesagt: Er ist ein guter Junge, und das will was heißen in einer Szene, die Erfolg meist über Geld und Potenz definiert.

Der Auftritt von Prinz Pi auf dem Hurricane-Festival in Scheeßel ist keine zwei Stunden her. Zwischen einer Autogrammstunde und einem Fototermin für einen Turnschuhkatalog öffnet sich ein kleines Zeitfenster. „Wir können uns da hinten auf die Wiese pflanzen“, sagt der Rapper, „da haben wir mehr Ruhe.“

Ihre ersten Alben haben sie als Prinz Porno veröffentlicht. 2005 wurde daraus Prinz Pi. Wie soll ich sie nennen, Herr Kautz?

Prinz Pi: Wie sie wollen, das ist mir ganz egal.

Pi, in dem Lied „Keine Liebe“ auf ihrem ersten Album „Porno privat“ (1998) haben sie „alle Hippies und Versager ins Hip-Hop-Arbeitslager“ geschickt. Jetzt singen sie vom Glück der Liebe. Was ist passiert?

Prinz Pi: Das war einer meiner ersten Songs, damals war ich noch sehr zornig. Wenn man älter wird, drückt man die Sachen gemäßigter aus. Aber die Frage „Warum gibt es auf der Welt keine Liebe?“ stelle ich mir bis heute. Es gibt immer noch Kriege, Hass, Gewalt. Nichts ändert sich, alles bleibt beim Alten.

Ein großer Teil der deutschen Rapper macht Gute-Laune-Musik oder inszeniert sich als Gangster. Sie meiden diese Klischees.

Prinz Pi: Für mich ist Rap eine Kunst, um meine Gedanken auszudrücken, und die drehen sich weder um Spaß noch um Gangster-Attitüden. Damit bin ich ein Außenseiter in der Hip-Hop-Szene. Nach und nach habe ich mich emanzipiert und meinen eigenen Stil entwickelt. Aber die Szene macht es einem auch sehr leicht, anders zu sein.

Mitten im Interview beginnt es zu regnen. „Das ist ja total dumm für ihre Aufzeichnungen“, sagt Prinz Pi und zeigt auf den nassen Notizblock seines Gegenübers. In einem Pavillon hinter der Bühne geht das Gespräch zwischen Müllbeuteln und Pappkartons weiter.

Auf ihrem aktuellen Album erwähnen sie Musiker wie Bob Dylan, die Rolling Stones, Jimi Hendrix oder die Ramones aber nicht einen Rapper. Hören sie überhaupt noch Hip-Hop?

Prinz Pi: Ich höre alles mögliche, auch Hip-Hop. Mir geht es wie allen Musikern: Sie sind alle große Connaisseure von Musik. Als Kind habe ich überhaupt keinen Hip-Hop gehört. Später als Jugendlicher fast nur.

Apropos: Auf „Kompass ohne Norden“ behandeln sie ausführlich ihre Schulzeit. Was ist an dieser Phase so besonders, dass sie sich jetzt so detailliert damit auseinandersetzen?

Prinz Pi: Das ist die Zeit, in der die Wurzeln liegen für ganz viele Entwicklungen, die erst jetzt so richtig zum Tragen kommen. Die Erlebnisse von damals prägen das ganze Leben. Das ist mir erst mit etwas Abstand klar geworden. Erst jetzt kann ich das präzise beschreiben.

Ihre Jugend beschreiben sie sehr plastisch anhand von bestimmten Momenten. Doch je näher sie dem Jetzt kommen, desto abstrakter werden ihre Texte.

Prinz Pi: Abstrakt? Wie meinen sie das?

Die Texte sind weniger persönlich, weniger szenisch. Zum Beispiel „Rost“: Da beschreiben sie den Niedergang einer Stadt und nennen noch nicht mal den Namen des Ortes.

Prinz Pi: Das sehe ich nicht so. Bei „Moderne Zeiten“ zum Beispiel – das ist der Song auf dem Album über unsere Zeit – da rappe ich sehr konkret über das Jetzt und wie ich es sehe. „Rost“ ist abstrakter, aber eine Ausnahme. (Anm. d. Red.: Das Lied behandelt den Strukturwandel im Ruhrgebiet, das Sterben der Zechen und Stahlwerke. Vorlage ist Feridun Zaimoglus Roman „Ruß“.)

Bands und Menschen am Hurricane-Sonntag

Bands und Menschen am Hurricane-Sonntag

Bands und Fans am Hurricane-Sonntag

Was zeichnet einen guten Text aus?

Prinz Pi: Die Kunst besteht darin, so über sich selbst zu schreiben, dass die anderen sich angesprochen fühlen. Ich kann das noch nicht so gut. Aber ich arbeite dran.

Der Albumtitel „Kompass ohne Norden“ ist Ausdruck von Orientierungslosigkeit. Suchen sie ein konkretes Ziel, oder wissen sie, wo sie hin wollen, und finden den Weg nicht?

Prinz Pi: Ich bin nicht der Mensch, der ein Ziel hat. Ich treibe einfach nur so vor mich hin. In dem Lied „Dumm“ singe ich: „Ich wär so gerne dumm/Ich wünschte mir, ich würde mich zufrieden geben/Mit einem Standardleben, einem Standardjob/Standardgedanken in einem Standardkopf.“ Manchmal wünsche ich mir das wirklich.

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