Interview mit Festivalveranstalter

„Ihr nehmt uns den Spaß“

+
Spontane Gigs und Crowdsurfen für mehr Eventcharakter oder Sicherheit um jeden Preis?

Scheeßel - Von Ulla Heyne. Die Festivalsaison steht vor der Tür. Wie sicher sind Festivals heute? Was tun die Veranstalter, um einen möglichst unbeschwerten Genuss für die Fans sicherzustellen, und: beeinträchtigt das spontane Aktionen?

In der kleinen niedersächsischen Gemeinde Scheeßel, wo in wenigen Wochen das Hurricane-Festival mit mehr als 70.000 Besuchern zelebriert wird, sprachen wir mit dem Verantwortlichen für Veranstaltungstechnik Daniel Schlatter, Geschäftsführer FKP Scorpio Folkert Koopmans und Festivalleiter Jasper Barendregt.

Kann ein Festival überhaupt hundertprozentig sicher sein – oder müssen Sie immer Bauchschmerzen haben?

Schattler: Bei 73.000 Besuchern gibt es auch mal einen Herzinfarkt. Das ist wie eine Stadt, die wir für ein Wochenende auf die Wiese pflanzen. Wie beim sichersten Auto bleibt ein Restrisiko – dieses auf ein akzeptables Maß zu reduzieren, ist unsere Aufgabe.

Welches sind Schlagworte für mögliche Risiken?

Schattler: Generell geht es um das Handling von Menschenmengen und das Wetter. Besucherleitung in Notfällen, Hygiene, Massenerkrankungen und die Lenkung von Besucherströmen in Abhängigkeit vom Gelände, also: Wie viele gehen wann wohin und wo halten sie sich auf?, das sind so Themen. Neben baulich-technischen Aspekten ist auch die Schnittstelle Veranstalter-Behörden wichtig, damit die Kommunikation im Notfall reibungslos klappt, aber auch scheinbar infrastrukturelle Aspekte, wie Wasser- und Stromversorgung oder Müllentsorgung. Was, wenn der Rettungswagen vor lauter Müll nicht durchkommt? Nichts ist unwichtig!

Koopmans: Wir sind in der glücklichen Lage, mit allen Beteiligten – also Polizei, Feuerwehr, DRK, Gemeinde, Behörden nach 15 Jahren so eingespielt zu sein, dass wir uns auf eine große Vertrauensbasis und kurze Kommunikationswege verlassen können.

Das Hurricane ist von 20.000 auf mittlerweile 70.000 Besucher gewachsen – ein immer größeres Risiko?

Koopmans: Allgemein lässt sich sagen, dass Festivals immer sicherer werden. Mit unseren Notfallplänen – lange, bevor sie im Zuge der Love Parade in Duisburg zum Schlagwort wurden – und unserer Erfahrung sind wir gut aufgestellt. Und wir gewinnen immer neue Erkenntnisse, zum Beispiel in Punkto Personendrücken. Und versuchen, aus den leidvollen Erfahrungen anderer zu lernen.

Welche Notfallszenarien sind denn konkret Teil des Sicherheitskonzepts?

Schattler: Evakuierungen, zum Beispiel aufgrund des Wetters, oder aufgrund der Überfüllung bestimmter Bereiche, oder wegen Bühnengedränge. Da geht es um die Klärung von Verantwortlichkeiten und um so konkrete Überlegungen wie: „Wie informieren wir die Besucher, wenn zum Beispiel durch Unwetter Ton- und Lichtanlagen ausfallen?“

Koopmans: Das A und O sind gute Kommunikation und ständige Absprachen. Während des Hurricanes halten wir zwei Besprechungen pro Tag ab, und natürlich kurzfristig bei Bedarf. So ein Festival ist ja kein Reißbrett. Da haben wir eine gute Praxis. Über das Jahr hinweg gesehen investieren wir sechsstellige Beträge in den Sektor Sicherheit.

Als Sie vor einigen Jahren als einer der ersten Veranstalter das Crowdsurfing verboten, ernteten Sie einen Shitstorm…

Koopmans: Ja, viele Kommentare gingen in die Richtung: „Ihr nehmt uns den Spaß…“ Inzwischen sind viele andere große Festivals unserem Beispiel gefolgt: Beim ersten Verstoß eine gelbe Karte, danach droht rot. Beim Abbrennen von Feuerwerkskörpern oder Betreten geschützter Waldgebiete droht der sofortige Platzverweis.

Also wird es spontane Überraschungskonzerte wie das von Madsen im Vorjahr auf dem Campingplatz nicht mehr geben?

Koopmans: Dieses Jahr nicht. Spontane Sachen gehören zur Festivalkultur. Die Frage ist aber immer: wie handeln wir das?

Ist dieser Überlegung auch das geplante Beatsteaks-Gig zum Opfer gefallen?

Koopmans: Ja, Das Problem ist, dass man in Zeiten heutiger Kommunikationstechnik nichts mehr geheim halten kann. Das unterbindet manchmal die Spontanität – schade!

Wird das Hurricane immer sicherer, weil das Line-Up immer mehr Jüngere und Frauen anzieht?

Koopmans: Wir legen Wert darauf, mindestens 50 Prozent Frauen zu haben, das macht es angenehmer für alle. Abgesehen davon ist das einfach die musikalische Ausrichtung.

Barendregt: Das Hurricane wird immer sicherer, weil die Fans immer besser vorbereitet sind. Sie stellen sich besser auf Unwägbarkeiten wie das Wetter ein.

Und das Gedrängel an der roten Bühne, zum Beispiel bei Kraftklub, oder die engen Wege zwischen der blauen und der grünen Bühne im Vorjahr – wurden daraus Konsequenzen gezogen?

Koopmans: Aufgrund der Geländestrukturen kann man da nicht viel machen. Kurzfristig bleibt das Gelände so, wie es ist. Klar, bei der roten Bühne kann es schon voll werden – Gefahr ist dort aber nicht im Verzug. Wir können nur die Zuströme kontrollieren.

Und langfristig…?

Koopmans: Wir hätten schon gern mehr Platz und denken langfristig über den Umbau der dritten Bühne nach. Das würde allerdings große Maßnahmen erfordern. Das Platzproblem ist allerdings bei allen deutschen Festivals so. Hier muss man um jeden Quadratmeter kämpfen. Dieses Jahr haben wir 20 Hektar mehr Campingfläche für ein komfortableres Camping.

Gerüchteweise gibt es Überlegungen, wegen der fehlenden Expansionsmöglichkeiten abzuwandern?

Koopmans: Nein. Das ist nicht nur wegen eines geeigneten Geländes schwierig. Sondern auch die Synergien, die Zusammenarbeit zwischen Behörden, das Vertrauen…- so was kann man nicht in ein paar Jahren aufbauen.

Könnte es bei Rammstein eng werden?

Koopmans: Nein, denn die spielen ja auf der größten Bühne, wo die entsprechenden Flächen auch vorhanden sind. Wir haben drei Gitterlinien, die Leute pogen nicht, sondern sehen sich die Pyroshow an und jubeln. Da sind kleine Punkbands mit ein paar tausend Zuschauern eine größere Herausforderung – da geht es mehr zur Sache!

Schattler: Die Pyrotechnik ist ein Punkt, den man beachten muss. Aber so lange nicht irgendwelche Zuschauer Bengalos anstecken – auf der Bühne sind nur Koryphäen am Werk. Der Zirkel ist klein – da will keiner seinen Namen verbrennen. Sicher wird’s warm – aber nicht heiß. Und wenn einer Bengalos zündelt, wird nicht lang gefackelt. Der fliegt sofort raus. Wie auch bei Waldbetretung.

Koopmans: Solche Leute wollen wir nicht auf unserem Festival. Und schließlich sind das Auflagen, die für die Zukunft des Festivals relevant sind. Die gilt es unter allen Umständen einzuhalten.

Im vergangenen Jahr wurden die elektronischen Chips kurz vor Hurricane-Beginn aus dem Verkehr gezogen. Wird es dieses Jahr einen neuen Anlauf geben?

Die Chips sind die Zukunft. Wenn auch nicht langfristig, wo sowieso alles über das Handy abgewickelt wird, so doch als Übergangslösung. Und sie würden auch mehr Sicherheit bedeuten, weil man genau sagen könnte, wer wo gerade ist. Das ist die Zukunft.

Spielen bei der Auswahl der Bands Sicherheitsfragen eine Rolle?

Koopmans: Bands mit einem rechtsradikalen Hintergrund wie Freiwild würde ich nicht buchen. Nichts ist weiter entfernt. Oder die Bösen Onkelz, als es sie noch gab. Aber nichts gegen gute Punkbands – man muss nur abschätzen, wie man das handelt. Wenn wir bestimmte Bands nicht buchen wie Iron Maiden, dann nicht aus Sicherheitsgründen, sondern weil sie nicht in unser musikalisches Konzept passen. Wir erstellen von jeder Band ein Sicherheitsranking von 1-5. Das dient als Orientierungshilfe für die Polizei, da ja nicht alle Sicherheitsleute informiert sein können. Bei einer Punkband sind andere Sicherheitsmaßnahmen erforderlich als beim Singer-Songweiter. Man kann von den Behörden nicht erwarten, dass sie sich auskennen.

Schattler: Wir tauschen uns mit dem Schwesterfestival „Southside“ aus, besprechen, was da wie gelaufen ist.

Wie weit ist das Sicherheitskonzept?

Koopmans: Das ist zu 90 Prozent fertig. Den Löwenanteil kennt man. Neu sind einige Rettungsweg-Strukturen, da wir neue Parklätze haben. Sonst ist alles wie im letzten Jahr. In zwei Wochen dürften wir durch sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Deichbrand 2018: Editors, Kettcar, Mando Diao und Freundeskreis live

Deichbrand 2018: Editors, Kettcar, Mando Diao und Freundeskreis live

ADAC-Weser-Ems-Motorbootrennen in Gröpelingen

ADAC-Weser-Ems-Motorbootrennen in Gröpelingen

Hamas ruft Gaza-Waffenruhe mit Israel aus

Hamas ruft Gaza-Waffenruhe mit Israel aus

Horror-Crash auf der A81 am Samstag - die Bilder

Horror-Crash auf der A81 am Samstag - die Bilder

Meistgelesene Artikel

Aldi auf dem Deichbrand - Mega-Discounter vertraut auf Paletten-Charme

Aldi auf dem Deichbrand - Mega-Discounter vertraut auf Paletten-Charme

Bieryoga beim Deichbrand 2018: Wie das Bier in euch strömt

Bieryoga beim Deichbrand 2018: Wie das Bier in euch strömt

Der Freitag beim Deichbrand Festival: Glückssteine und Bieryoga

Der Freitag beim Deichbrand Festival: Glückssteine und Bieryoga

Hier kannst du das Deichbrand Festival im Livestream verfolgen

Hier kannst du das Deichbrand Festival im Livestream verfolgen

Kommentare