Interview mit boysetsfire-Bassist Robert Ehrenbrand

„Die Welt ist wahnsinnig geworden“

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boysetsfire-Bassist Robert Ehrenbrand in Aktion beim Hurricane.

Scheeßel - Von Lars Kattner. Fast schien es so, als seien boysetsfire komplett abgetaucht. Doch nach einer siebenjährigen Album-Pause und zwischenzeitlicher Band-Auflösung sind die Urgesteine des Post-Hardcore wieder zurückgekehrt. Und wie!

Mit ihrem aktuellen Album „While a nation sleeps...“ beweist die Kapelle, dass sie nichts von ihrer Energie eingebüßt hat, ganz im Gegenteil. Wenige Stunden vor dem Auftritt beim Hurricane-Festival nahm sich Bassist Robert Ehrenbrand die Zeit für ein Interview mit dieser Zeitung

Euer neues Album „While a nation sleeps...“ wird von den Kritikern in den Himmel gelobt und ist direkt auf Platz 22 der deutschen Albumcharts eingestiegen. Habt Ihr mit diesem Erfolg gerechnet?

Überhaupt nicht! Dann wären wir ja richtige Arschlöcher. Was da passiert, ist so unheimlich, dass ich Gänsehaut bekomme, wenn ich darüber rede. Warum zur Hölle ist das so? Vielleicht merken uns die Leute die Spielfreude an, dieses fast schon Kindliche. Denn wir haben uns ja nicht groß verändert. Meiner Meinung nach hört man der Platte zwei Sachen an: Erstens ist es genau das, was wir machen wollten, und zweitens hatten wir unglaublich viel Spaß dabei. Aber ganz erklären kann ich es mir auch nicht.

Habt Ihr Euch auf der Bühne verändert?

Die Live-Show ist vielleicht noch einen Zacken intensiver geworden. Wir spielen jetzt weniger oft, dadurch gewinnt jedes Konzert an Bedeutung.

In Euren Texten nehmt Ihr traditionell kein Blatt vor den Mund. Welches Thema liegt Euch besonders am Herzen?

Freies Denken ist mir das Wichtigste. Wir haben keine dogmatische Ideologie, der wir uns alle anschließen müssen. Wir sind frei denkende, individuelle Menschen, die gemeinsam Musik machen, die ihnen viel bedeutet. Wir wollen eine Art Cheerleader für Fragen und positive Veränderung sein. Deswegen haben wir uns auch ein bisschen zurückgezogen. Früher konntest du ganz genau sagen, okay, das Lied handelt genau von dem Thema. Das haben wir jetzt anders gemacht, denn in unseren Augen funktioniert Musik noch kraftvoller, wenn du den Menschen die Möglichkeit gibst, eigene Emotionen und Gedanken reinzubasteln. Das bedeutet aber nicht, dass wir Floskeln benutzen, die nichts bedeuten. Jedes Lied hat einen ganz spezifischen Hintergrund – bloß wir sagen ihn nicht mehr. Wir sind subtiler geworden, aber das kommt vielleicht auch ein bisschen mit dem Alter. Wir sehen uns als Cheerleader für freies denken, und was deine Schlussfolgerungen sind, ist dann ein Bier.

Ihr seid textlich noch bissiger geworden. Warum?

Es gibt nach wie vor viele Dinge, die nicht in Ordnung sind. Und da wir jetzt fast alle Kinder haben, ist die Wut, zumindest in meinen Fall, noch größer. Vorher ging es nur um mich in einer beschissenen Welt. Aber jetzt habe ich zwei Kinder, die mir alles bedeuten. Und wenn die politisch, ideologisch oder auch durch die Medienlandschaft gefährdet werden, zum Beispiel, wenn einem Mädchen eingeredet wird, man müsse magersüchtig sein, um hübsch zu sein, dann sehe ich das als persönlichen Angriff. Das ist so, als zielst du mit einer Knarre auf mein Herz. Und dann werde ich sehr viel wütender als meine 16-jährige Inkarnation, bei der die Wut eher abstrakt war. Ich bin jetzt ein erwachsener Mann, der Menschen beschützen muss. Denn die Welt ist teilweise wahnsinnig geworden und die Medienmaschinerie völlig außer Kontrolle geraten. Und dafür steht boysetsfire. Ich bin ganz sicher kein Kommunist, aber ich glaube an Gleichheit und an das Recht auf freie Gedanken.

Ihr spielt Konzerte rund um den Globus, habt Euch aber auch für den Erhalt eines Jugendheims im bayerischen Zwiesel engagiert. Warum?

Unser Manager, der Oise, ist einer unserer engsten Freunde. Wie ein Band-Mitglied, nur dass er nicht mit auf der Bühne steht. Und der ist in Bodenmais, einem Mini-Ort bei Zwiesel, aufgewachsen. Er hat gesagt, er verdanke sein Leben diesem Jugend-Café. Das war sein spiritueller Mittelpunkt, dort im Nirgendwo konnte er Punkbands, sogar aus Amerika, hören. Dort hat er quasi seine ganze Jugend verbracht, deswegen hat es ihn sehr getroffen, dass es geschlossen werden sollte. Als er uns um Hilfe gefragt hat, hat es nur eine Sekunde gedauert, und wir haben zugesagt. Und mir lag da auch persönlich etwas dran, weil ich dort mit meiner alten Band vor mehr als 15 Jahren auch schon gespielt hatte.

Und der Aufwand hat sich gelohnt. Das Haus existiert weiter.

Ganz genau. Wir haben es geschafft, auch wenn es ein riesiger Aufriss war. Wichtig war uns auch, dass es nicht in so einer Medienstadt ist. Ja, wir wollten ein Video darüber machen, weil es so ein schönes Wochenende war, aber ich wollte nicht, dass daraus so ein medienwirksamer Hype gemacht wird. Lustigerweise hat das auch jeder verstanden, denn Zwiesel ist so weit ab von allem, das war nur für das Jugendcafé und die Leute von dort. Es waren tolle Konzerte, die Leute sind total ausgeflippt.

Lässt sich so eine Aktion leichter durchführen, wenn man, so wie Ihr, ein eigenes Label hat und auf niemanden mehr angewiesen ist?

Ich glaube sogar, dass man sowieso alles leichter machen kann, wenn man wie wir mittlerweile alles alleine macht. Wir haben uns ja die komplette Kontrolle in den letzten sieben Jahren über unser Universum erarbeitet und erstritten. Wir waren ja schon immer eine Band, die etwas unbequem war, auch in Zusammenarbeit mit Labels. Und jetzt ist es endlich so, dass wir da sind, wo wir hingehören: eigenes Label, der beste Freund managt einen, die ganze Crew sind Freunde.

Was bedeutet diese neue Freiheit für Eure musikalische Arbeit?

Das ist unfassbar wichtig für uns. Wir arbeiten jetzt zwar härter als jemals zuvor, weil wir alles selber machen müssen, aber keiner ist auf die Band angewiesen, denn wir haben alle auch andere Jobs. Deswegen können wir machen, was wir wollen, und da soll uns musikalisch oder textlich keiner mehr reinreden. Es gibt nur uns. Keiner hört die Platte, bevor wir sie abliefern.

Diese Do-it-yourself- und Fuck-you-Mentalität ist schon lange eng mit der Band verbunden. Gilt das eigentlich auch im Privatleben, oder seid Ihr da angepasster?

Wir sind generell keine sehr angepassten Personen. Natürlich habe ich in meinem Job nicht so eine große Kontrolle wie bei boysetsfire, weil ich für jemanden arbeite. Da gibt es schon jemanden, der sagt: Hey, zu der Uhrzeit solltest du mit der Arbeit anfangen. Was wir bei boysetsfire im Rahmen dieser Platte erschaffen wollten, ist das familienfreundlichste und freundschaftlichste Umfeld, das man nur haben kann. Was wir im Vergleich zu anderen Bands gemerkt haben: Wir sind bestimmt nicht die professionellsten oder besten Musiker. Aber was wir haben und andere vielleicht nicht: Wir sind wirklich beste Freunde. Das wollten wir beschützen, und das geht am besten in dem jetzigen Kontext. Mein Leben fühlt sich zum Glück nicht nach einem Kompromiss an. Wir könnten boysetsfire ja auch in Vollzeit machen, aber mit zwei Kindern, Ehefrau und Hund zu Hause möchte ich keine neun Monate im Jahr mehr auf Tour sein. Jetzt haben wir die super Mischung, denn jede Show ist etwas ganz besonderes und man kommt nicht mehr in diesen roboterähnlichen Trott rein, denn länger als drei Wochen am Stück Touren wir nicht mehr. Wir beschützen das, was wir haben, und dabei bleiben wir auch.

Das bedeutet, Ihr lebt den Traum jeder kleinen Kellerband: Beste Freunde machen gemeinsam Musik, und das sehr erfolgreich.

Genau, besser kann man es nicht sagen. Es ist wirklich 100 Prozent mehr Glück als Verstand.

War es vor 20 Jahren, als boysetsfire begonnen haben, schwieriger, den Weg nach oben zu schaffen? Denn die vielen Kommunikationswege der heutigen Zeit hattet Ihr ja nicht.

Die können sicherlich helfen, aber andererseits auch vom Wesentlichen ablenken. Die Frage ist: Sind die Inhalte der Kommunikation wirklich wertvoller geworden? Da bleibt ein großes Fragezeichen. Das ist nicht wertend gemeint, aber man sollte beide Seiten betrachten. Ja, durch das Internet ist vieles einfacher geworden. Als ich mit 16 oder 17 Jahren angefangen habe, habe ich die Tourdaten noch per Fax an meine Eltern bekommen. Und bei unseren Touren sind wir noch mit Atlas unterwegs gewesen. Ganz subjektiv: Ich fand es super und hätte es nicht anders haben wollen. Ich bin nicht nostalgisch und sehne mich auch nicht nach der Zeit zurück, in der ich auf einer vollgekotzten Bühne geschlafen habe, denn einen bequemen Tourbus genieße ich schon. Aber ich denke schon, dass es uns als Menschen und Musiker geformt hat. Deswegen bin ich für diese Zeit wahnsinnig dankbar. Junge Bands von heute tun mir fast ein bisschen leid, denn dem Druck standzuhalten, ohne durchzudrehen, ist schwierig. Schneller Erfolg zu haben ist schon deswegen leichter, weil die Musikform etabliert ist. Aber es ist schwerer, 20 Jahre zusammenzubleiben.

Ihr habt die Band schon einmal aufgelöst, dann kam das Comeback. Wann ist endgültig Schluss mit boysetsfire?

Wir haben gemerkt, dass wir eh nicht ohne einander auskommen. Deswegen wird sich boysetsfire nicht mehr auflösen, nicht in diesem Leben. Wenn wir oder einer von aber eine Pause braucht, dann machen wir die auch. Aber mit großem Getöse das Ende zu verkünden, war albern genug. Das macht man nur einmal im Band-Leben, jetzt reicht es damit. Das war meiner Meinung auch einer der wenigen Fehler, die wir gemacht haben. Damals war es mir wichtig, ich habe mein gesamtes Equipment verkauft und wollte wirklich mit der Musik aufhören. Aber ich habe gelernt, dass ich ohne die anderen Jungs nicht ganz auskomme und umgekehrt ist es genauso.

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