Glosse: Rammsteins rigide Auswahl der Fotografen

„Mir ist kalt, ich habe Angst!“

Scheeßel - Schade. Zum ersten Mal beim Hurricane als Fotografin dabei – das in anarchisch-wichtigem Schwarz gehaltene Papierbändchen prankt am Arm, wo der gemeine Festivalist dieses Jahr als Statussymbol ein schickes Stoffband in der Trendfarbe Pink trägt. Und dann keine Akkreditierung für den Headliner Rammstein.

Nur zehn Kollegen haben es auf die Liste geschafft, Knebelverträge und Onlineverbot selbstverständlich inklusive. Also mache ich mich auf durch den knöcheltiefen Festivalschlick (ob sie den heimlich extra ankarren? Kein Feld bringt von allein in so kurzer Zeit so abgründig tiefen, schmatzenden Schlamm mit Sogwirkung auf Gummistiefel zustande!). Mein Ziel: Das Riesenrad, von dort sind die Pyroeffekte bestimmt am besten zu sehen. Komisch nur, dass diese geniale Idee nicht nur ich gehabt habe. Die Schlange an der neuen Attraktion, die den ganzen Nachmittag nur wenig Besucher dazu verleiten konnte, sich vom irdischen Treiben in 38 Meter Lüfte zu erheben, ist gut und gern 70 Meter lang. Mist Mist Mist!

Schon wehen die ersten martialischen Klänge herüber, Sänger skandiert: „Mir ist kalt!“ Die angeschickerte, vom letzten Regenguss (oder war es Bier?) völlig durchweichte Anfang Zwanzigjährige, die ihre luftige Fahrt in der Gondel mit ihren Freundinnen beendet hat, meint ungerührt: „Junge, hab dich nicht so – mir auch!“. Die nächste wütend herausgebrüllte Statement von Frontmann Till Lindemann: „Ich habe Angst!“ geht im Gekicher der Frauengruppe unter. So hoch ist das Riesenrad denn doch wieder nicht, auch wenn der Kollege heute Nachmittag von Höhenangst sprach. Hier kann ich nichts werden, also Retour Richtung Bühne – leichter gesagt als getan.

Wo der Matschpegel einen halben Meter Tiefe zu überschreiten droht, bleibt um die Pfützen ein respektvoller Kreis. Dafür verdichten sich die Massen an den verbleibenden Stellen. Die Folge: Die Rückkehr zum Pressezelt, durch eine Wand von Leibern in feuchten Regencapes und einer Wolke aus Bier, dauert eine Stunde. Derweil schreit es von der Bühne: „Asche!“ Mist, hoffentlich kriege ich keine ab. Aber für Rauchen ist es hier gottlob zu eng und zu feucht – ähnlich wie das Mikroklima in meine nagelneuen Gummistiefel, bei denen ich leider nur noch die Wahl zwischen Größe 34 und 45 hatte. Beim nächsten Stichwort: „Sehnsucht“ weiß ich: ich sollte der Rammsteinschen Ein-Wort-Brachialpoetik der Glauben schenken. Ja, ich habe Sehnsucht. Nach meinem Bett. Und den Rest des Auftritts werde ich genau dort verbringen. Gute Nacht! hey

Bilder vom Hurricane-Freitag

Schlammschlacht mit Boysetsfire und Shout out Louds

Erster Tag im Matsch zwischen den Bühnen

The Hives bis Portishead - der Freitagabend

Matsch! Hurricane am Freitag

Der Festivalreigen in Scheeßel ist eröffnet

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