15 Jahre lang beim Hurricane-Festival

„Dieses Mal trinke ich auch ein Bier “

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Der ehemalige Polizeisprecher Detlev Kaldinski erinnert sich gern an manche Begegnung hinter der Bühne zurück. Auf dem Tablet-PC zeigt er ein Foto aus dem Jahr 2010, das ihn gemeinsam mit dem Singer-Songwriter William Fitzsimmons zeigt.

Scheeßel - Von Ulla Heyne. 15 Jahre hat er die Entwicklung des Hurricane vom beschaulichen Festival zum Mega-Event nicht nur verfolgt, sondern mit geprägt; hat Einsatzpläne geschrieben, Anfahrtsszenarien entwickelt und den Journalisten nach drei Tagen Musik und Party stets als Pressesprecher vermeldet: „Wieder einmal gut gegangen!“

Jetzt hat sich Detlev Kaldinski zum ersten Mal ein Ticket gekauft, wie jeder andere Besucher auch: Nach seiner Versetzung nach Buchholz als Leiter Einsatz- und Streifendienst ist er erstmalig als Gast dabei. Für unsere Zeitung zog der Polizist Resümee über 15 Jahre Hurricane.

Herr Kaldinski, nach 15 Jahren sind Sie nicht mehr dabei. Was überwiegt: Das lachende oder das weinende Auge?

Detlev Kaldinski: Das war eine tolle Tätigkeit in einem tollen Team, aber auf meinem jetzigen Posten fühle ich mich auch wohl. Man darf nicht vergessen: Der Job war schon Stress – und man wird ja auch älter. Die Planung geht ja schon Monate eher los, inklusive Organisation der Anreise. Wenn es für die Partygäste erst richtig losgeht, ist man schon kaputt. Ab Donnerstag sind 350 Leute im Einsatz, mit Zwölf- bis 14-Stunden-Tagen, im Dorfgemeinschaftshaus Wittkopsbostel gibt es eine eigene Einsatzküche. Immerhin: Nach den Castortransporten ist es in der Polizeidirektion Lüneburg der größte Einsatz. Es war ja auch nicht immer alles easy.

Was waren denn Ihre größten Adrenalinmomente?

Kaldinski: Einer war sicherlich der Auftritt der Beatsteaks 2005. Da wollten alle nach vorn -– das ging so schnell, dass man kaum ran kam. Gut, dass wir eng mit den Ordnern zusammen arbeiten – wenn du hörst, wie Metall kracht, weil die Gitter knicken: Das ist kein schönes Gefühl! Bei der WM 2006 lief es gut. Dann kam das Gewitter. Auch das hatten wir beobachtet, aber es schlug einen Haken. Wetter ist immer eine Unsicherheitskomponente, und die Leute sind trotz Warnung nicht vom Platz gegangen. Ein beschissenes Gefühl – wir wussten nicht, wo die Blitze einschlagen. Das Discozelt wurde geräumt, um den Besuchern Unterschlupf zu bieten. Letztes Jahr wurde es bei Kraftclub vor der roten Bühne eng: Die Gruppe hatte bis dato nur kleinere Mengen von einigen tausend Leuten gezogen. Wochen vorher war die Band abgegangen, und auf einmal wollten weit mehr als 10 000 sie sehen. Da war selbst der große Platz vor der neuen roten Bühne zu klein.

Und allgemein: Wie haben sich die Herausforderungen für die Polizei mit den immer größeren Dimensionen im Laufe der Zeit verändert?

Kaldinski auf der letzten Abschluss-Pressekonferenz mit Festivalleiter Jasper Barendregt (Mitte) und FKP-Scorpio-Chef Folkert Koopmans.

Kadinski: 1973 war ich noch privat da, da war ich erst seit einer Woche bei der Polizei. Früher spielten harte Drogen eine größere Rolle, da haben die Leute noch Schilder mit „Heroin“ hochgehalten. So viel zum Thema „Früher war alles besser“. 1977 war chaotisch, da war die Polizei zuerst gar nicht auf dem Platz. Ordner waren unter anderem 100 englische ehemalige Nahkämpfer, mit denen hatten nicht nur einige Besucher, sondern auch die Polizei so ihre Schwierigkeiten ... Heute spielt Alkohol eine größere Rolle. Da werden wohl einige 100 000 Liter Bier konsumiert. In den letzten Jahren ging es vor allem um Kriminalität: Fälschung von Tickets, Taschendiebstähle. Diese Phänomene haben wir inzwischen, auch dank intensivem Austausch mit anderen Festivals wie Wacken und gemeinsamen Workshops, die wir organisiert haben, zugunsten der Besucher gut im Griff. Das Publikum ist in den letzten Jahren eher jünger und uns durchweg freundlich gesonnen. Auch wenn manchem mal der Übermut durchgeht – wir sind immer gut ausgekommen. Ansonsten liegen die Herausforderungen im logistischen Bereich. 2006 war mit 60 000 Besuchern die Grenze des Fassungsvermögens erreicht. Wenn dann die Massen schieben, kann es schon mal zum Massendruckphänomen kommen. Frittenbude war schon mit einigen Tausend im Zelt grenzwertig. Oder eben als 2006 plötzlich 60 000 Fans Fußball gucken wollten.

Wenn wie im letzten Jahr Madsen ohne Vorabinfo an die Polizei spontan auf dem Campingplatz vom improvisierten Bühnentruck spielt – geht einem da die Düse?

Kaldinski: Das haben wir in der Tat vorher nicht gewusst. Ist aber ja gut gegangen. Nach Roskilde haben die Verantwortlichen in der Konsequenz Crowdsurfen verboten und gelbe und rote Karten verteilt. Oder bei einer Wall of Death – da muss man immer die Sicherheit im Auge behalten und so etwas Gefährliches verbieten. Nach der Loveparade haben wir in einem Worst-Case-Szenario nochmal alle Punkte geprüft, da ist überall in Deutschland ein Umdenken erfolgt. Mit unserem Sicherheitskonzept standen und stehen wir gut da. Das liegt auch an den vielen erfahrenen Kollegen. Man kennt sich, kann sich vertrauen, wie eine große Familie. Wenn die Kommunikation auch mit Veranstalter und Gemeinde gut ist, ist man einfach reaktionsschneller.

Man erlebt dort doch bestimmt auch Kurioses – was fällt Ihnen spontan ein?

Kaldinski: Ach, da gab es so viel. Schön war, als mich 2010 William Fitzsimmons hinter der Bühne persönlich begrüßte. Bowie ist 2006 hinter uns entlang gestürzt und in einem schwarzen Phaeton abgedüst. „Der hat’s aber eilig!“, dachte ich mir. Später stellte sich heraus, dass er eine Herzattacke hatte und möglicherweise dem Tod nur gerade nochmal von der Schippe gesprungen war. Der Auftritt in Scheeßel war für lange Zeit sein letztes Konzert. Für Björk habe ich mal eine Bachblütentherapie besorgt, sonst wäre sie wohl nicht aufgetreten. Dass ist aber das A und O bei Festivals, wie man 1977 ja gesehen hat, als es aus diesem Grund zu Ausschreitungen kam, die zum Abbruch des Festivals führten.

Das Festival-Gelände zehn Tage vorm Start

Eichenring zehn Tage vorm Hurricane-Festival

Man hört immer wieder von Überlegungen, das Festival noch größer zu machen ...

Kaldinski: Mit der neuen Autobahn-Abfahrt ergeben sich unter Umständen neue Möglichkeiten der Verkehrsführung. Auf dem Gelände mit seinem derzeitigen Zuschnitt wird eine Erhöhung der Besucherzahlen allerdings kaum möglich sein. Da müsste etwas anderes passieren. Inzwischen ist das Hurricane mit einer Lage im Grünen und seiner Tradition aber Kult. Der Veranstalter weiß sicherlich, was er daran hat.

Und wenn Ihr Nachfolger hoffentlich am Sonntagnachmittag auf der Pressekonferenz verkündet: Es ist wieder alles glatt gelaufen – sonst immer Ihr Part – ist das dann komisch?

Kaldinski: Ach, das habe ich locker abgestreift. Ich kann das Festival ganz anders genießen, auch mal ein paar Bands in Ruhe hören und zum ersten Mal ein Bier trinken. Nichtsdestotrotz: Wenn ich an dem Wochenende über das Gelände gehe – den ein oder anderen prüfenden Blick werde ich wohl schon noch werfen ... Ein besonderes Augenmerk erfordert dieses Mal sicher Rammstein, weil die meisten das sehen wollen. Und auch dieses Jahr muss man vorausschauen: Wer spielt wann, wo, welche Probleme können bei den Menschenbewegungen zwischen den Bühnen entstehen? Wo ist tiefer Matsch? Das ist nicht immer alles voraussehbar.

Ihr schönster Moment?

Kaldinski: So richtig entspannt war immer das letzte Schulterklopfen am Montagmittag, wenn die Abreisewellen weg waren, und die Currywurst in der Polizeiküche schmeckte.

Das Hurricane-Line-Up 2013

Hurricane-Festival: Bands für 2013

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