Hurricane-Festival: Akustikgitarre löst elektronisch verstärkte Klänge ab

Einmalgrill-Romantik

Sonja Glass (l.) und Valeska Steiner sind die Band Boy.

Scheessel - Von Pascal Faltermann - Laut ist ein Musikfestival immer. Riesige Boxen beschallen die Besuchermassen. Die Instrumente sind elektrisch verstärkt, die E-Gitarre bestimmt das Bild der auftretenden Bands auch beim Hurricane-Festival (22. bis 24 Juni) in Scheeßel.

Doch mehr und mehr setzt sich die klassische Gitarre durch, dazu eine ausdrucksstarke, durchdringende Stimme. Boy, City and Color oder Frank Turner sind nur drei Beispiele aus dem Programm, die diesen Trend verfolgen.

Nicht nur auf den Bühnen sind vermehrt Akustikklampfen zu sehen. Zwischen den Zelten auf dem Campingplatz sitzen die Menschen mit Bier, Grillfleisch, Wein aus Tetrapacks und eben einer Gitarre. Die erwarteten 75 000 Zuschauer beim Hurricane versorgen sich nicht nur mit Musik aus der Konserve, sie machen wieder selbst Musik. Zurück zu den Wurzeln bei Einmalgrill-Romantik mit Lagerfeuer-Atmosphäre. Während allerdings auf dem Zeltgelände improvisiert, gezupft und zum Ravioli-Date mit Akustikgitarre geladen wird, stehen auf den vier großen Bühnen des Hurricanes immer mehr Musiker, die nicht maximal verstärkt die Gitarrenwände für die Zuschauer aufbauen. Mehr als 100 Bands geben sich die Verstärkerklinke an den drei Tagen in die Hand, mindestens 20 Musiker schlagen die klassische Gitarrensaiten an.

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Fast in Perfektion machen dies die beiden jungen Frauen von Boy - Sängerin Valeska Steiner aus Zürich und die Hamburger Musikerin Sonja Glass. Sie spielen zwar mit Band, am eindringlichsten sind ihre Songs aber, wenn die Instrumente leise sind, die pianogesteuerten Klangstrukturen zurückgefahren werden und nur ein paar Saiten anklingen, um ihre Stimmen zu untermalen. In ihren Texten treffen Poesie und Realismus auf mitreißende Melodien.

Noch stärker zieht der Engländer Frank Turner seine Zuhörer mit. Mit Druck in der Stimme, leidenschaftlichem Gitarrenspiel und viel Kraft in den Texten fesselt er seine Anhänger. We Are Augustines aus Brooklyn (New York) schreiben ähnliche Songs, die Stimme von Billy McCarthy ist jedoch verstörender und eindringlicher. Das klassische Saiteninstrument ist selbstverständlich. Die Folkrocker Mumford And Sons, die norwegischen Damen von Katzenjammer oder City and Color, das Akustik-Solo-Projekt des Ex-Alexisonfire-Gitarristen und Sängers Dallas Green, sind weitere nennenswerte Beispiele. Auch die deutschen Singer-Songwriter Axel Bosse und Thees Uhlmann haben zwar verstärkte Zupfinstrumente, aber eben die klassischen. Die Sportfreunde Stiller nahmen ein ganzes Akustikalbum auf und auch die Hamburger Kettcar legen Wert auf den Einsatz der ursprünglichen Variante anstatt der elektrischen Verwandten. Der vermeintliche Höhepunkt, der Auftritt von Noel Gallagher und seiner neuen Band High Flying Birds, kommt ebenfalls nicht ohne die Akustikgitarre aus. Der britische Rockmusiker hat nach der Trennung von Oasis, wo er zweiter Sänger hinter seinem Bruder Liam war, versucht alles hinter sich zulassen. Seine Vorliebe für große Hymnen ist allerdings geblieben. Es wirkt wie die Wiedergeburt der Liedermacher. Es geht nicht nur um Musik und Sound, es geht um die Aussage.

Lauter und härter sind die Headliner: Blink 182, Die Ärzte oder The Cure, die Mannen um Robert Smith ihrem depressiven Klagen. Bands wie Pennywise, Hot Water Music, Rise Against oder Less than Jake sind eher der Punkrock- und Hardcore-Szene zuzuordnen, aber eines können alle ihre Frontmänner: Sie spielen ruhige Songs, ohne verzerrte Gitarre, ohne Schlagzeug. Reduzierung auf die Stimme. Sie scheinen zu wissen, dass sich der weichere Sound besser verkaufen lässt und massentauglicher ist. Es bleibt Rock, aber seichter und gefühlvoller.

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