Zeitzeugen erinnern sich an 1973: Chuck Berry und Jerry Lee Louis streiten

Schüsse auf dem Eichenring

Detlev Kaldinski besitzt immer noch das Originalplakat.

Scheessel - Von Detlev Kaldinski, Bobby Meyer und Pascal Faltermann. Hinter der Bühne ging es hoch her: Die Rock’n’Roll-Altmeister Chuck Berry und Jerry Lee Louis stritten nächtens darüber, wer zuerst auf die Bühne geht. Jerry begann und Chuck kam bei seinem Song „Johnny B. Goode“ hinzu, blieb aber blass.

So haben es die beiden Scheeßeler Detlev Kaldinski und Bobby Meyer mitbekommen. Sie blicken als Zeitzeugen auf das Rock-Festival 1973 auf dem Eichenring zurück.

Long Tall Ernie & The Shakers hinter Stacheldraht.

„Der Auftritt von Chuck Berry geriet sehr kurz: Nach einer überschaubaren Zahl von Gitarrenriffs verschwanden die Ikonen des Rock’n’Roll auf Nimmerwiedersehen aus Scheeßel. In der Tasche hatte er 60 000 Mark, für gerade zehn Minuten Musik. Mir machte das nichts aus. Es war und blieb der Knüller des Festivals. Ich (16 Jahre alt) hatte in den Stunden zuvor in meinem Heimatort bereits eine ganze Reihe von Rockgrößen genießen können und lag mit meinem Freund Bobby (noch 15) in einem kleinen gelben Zweimann-Zelt etwa 40 Meter von der Bühne entfernt. Wir wähnten uns im deutschen Woodstock und glaubten an die wahr gewordene Unsterblichkeit Scheeßels in der Musikwelt.

Als die erste Nachricht von einem Festival in Scheeßel durchsickerte, musste Bobby mich kneifen, so wenig konnte ich es glauben. Zwar wurden nicht die Stones angekündigt, das Line-Up von 1973 lässt sich aber auch heute noch sehen. Unsere Vorfreude steigerte sich ins Unermessliche.

Der Eichenring in Scheeßel ist eigentlich nicht für Musikfestivals gemacht. Die benötigte große Menge an Strom gab es damals dort nicht, und noch heute wird sie von zahlreichen Dieselaggregaten erzeugt. Und auch der Zaun rund um das Gelände war nicht unbedingt geeignet, Massen von jungen Menschen abzuhalten, die ohne Karte auf das Gelände wollen.

Für das große Geschäft hatte ein Händler aus Reutlingen 160 Zentner Würstchen und eine Million Dosen Cola und Bier herangeschafft, alles für 1,50 Mark. Wir setzten mehr auf Stullen und eigene Getränke. Überall im Angebot waren übrigens auch Drogen, einzelne Dealer liefen sogar mit handgemalten Pappschildern über den Platz. Dem Magazin Stern konnten wir entnehmen, dass 17 deutsche Dealer verhaftet und drei Franzosen abgeschoben worden waren.

Mit den Autos waren die Besucher auf dem Eichenring.

Von überall her zogen Haschischschwaden über den Eichenring. Ein Gramm kostete vier Mark, ein LSD-Trip war für sieben zu haben. Moderator Henning Venzke warnte über das Mikro immer wieder vor schlechtem Stoff, nachdem die Leute reihenweise aus den Latschen gekippt waren. Der Stern berichtete von 40 Besuchern, die schwere Vergiftungen oder Krämpfe erlitten hatten. Bobby und ich blieben sauber, schließlich war ich gerade eine Woche zuvor bei der Polizei angefangen. Veranstalter des Spektakels war übrigens ein Exkollege, Kriminalobermeister a.D. Werner Kuhls aus Hannover, der zuvor mit einer Disko Pleite gemacht hatte. Die schlechten technischen Vorbereitungen machten es den Bands schwer, ihre Soundanlagen in Gang zu bringen. Jede Gruppe baute ihr eigenes Equipment auf, und die langen Umbauphasen schlugen auf unsere gute Laune. Als Ordner waren übrigens hundert englische Nahkämpfer engagiert, um die wir einen großen Bogen machten. Selbst die Polizei kam mit ihnen nicht klar und passte gut auf sie auf, da es immer wieder zu Ärger gekommen war. Sounds zitiert Hauptkommissar Jörg Malyska mit der Bezeichnung „üble Schläger“ für die Engländer, die auch sprachlich schlecht ankamen.

Weitere hundert Sicherheitsleute einer Geldtransportfirma „Purolator“ sorgten dafür, dass niemand ohne Karte auf das Gelände ging. Hier kam es am Samstagabend am Presseeingang zu einem Zwischenfall, als einige Ungebetene hereindrängen wollten. Einer der Geldtransporteure verlor die Nerven und schoss mit seinem Colt in die Luft. Glücklicherweise wurde niemand getroffen.

Ungeschützt blieben die Toiletten, von denen es nur eine Handvoll gab, nachdem der Toilettenwagen-Anbieter angesichts der Menschenmassen kehrt gemacht hatte. Wir Scheeßeler hatten es da gut … Für das Waschen gab es drei kleine Becken, die aber schnell zum Pissoir geworden waren und einige Wasserhähne, an denen die Schlangen fast noch länger als vor den Toiletten waren. Zwar waren nicht, wie oft behauptet, 50 000 Menschen auf dem Ring, aber auch für die realistischen 25 000 waren die Sanitäranlagen ein Witz. Wenn also das Sanitätspersonal mal musste, fuhr es in den Ort. Etwas über 500 Besucher mussten übrigens auf dem Platz behandelt werden, berichtete der Reporter des Musikmagazins Sounds.

Am Samstag um 11 Uhr begannen Jane aus Hannover mit dem Konzert. Ten Years After, Richie Havens, Buddy Miles und drei andere Größen, die in dicken Lettern auf dem Plakat angekündigt waren, spielten nicht, dafür waren unter anderem Jane, Beggars Opera und Jerry Lee Lewis gekommen. Aus zwei Mal 15 000 Watt wurde der Ring beschallt. Der Sänger von Beggars Opera kletterte zu „Time machine“ die Streben der Bühne hoch, mit langen Hälsen folgten wir der Aktion. Aber erst als Argent mit ihrem Hit „Hold your head up“ folgten, kam richtig Stimmung auf.

Übrigens: Wer wann spielte, wussten wir im Gegensatz zu heute natürlich nicht. Erst mit der Ansage von Henning Venzke und Alexis Korner wurde klar, wer als nächstes dran war.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Schnee und Glätte treffen den Berufsverkehr

Schnee und Glätte treffen den Berufsverkehr

Neujahrsempfang der Bundeswehr in Rotenburg

Neujahrsempfang der Bundeswehr in Rotenburg

Zehn Dinge, die Sie im Bewerbungsgespräch sofort disqualifizieren

Zehn Dinge, die Sie im Bewerbungsgespräch sofort disqualifizieren

Finale bei den Bremer Sixdays

Finale bei den Bremer Sixdays

Meistgelesene Artikel

Kommentare