Die Hamburger Band Selig im Interview über alte Zeiten, deutsche Texte und den Bob-Dylan-Fluch

Selig im Interview: „Momentan fühlt es sich gut an“

Jan Plewka im RK-Interview. ·

Scheessel - Von Matthias Berger. Selig war eine der erfolgreichsten deutschen Rock-Bands der 90er-Jahre. Nach Streitigkeiten gingen die Hamburger getrennte Wege, um nach zehn Jahren ein Comeback zu starten, dem nun ein umjubelter Auftritt auf dem Hurricane-Festival folgte. Im Interview mit kreiszeitung.de sprechen Sänger Jan Plewka, Gitarrist Christian Neander und Keyboarder Malte Neumann über alte Zeiten, deutsche Texte und den Bob-Dylan-Fluch.

Wie hat sich die Musikszene seit den 90er-Jahren verändert?

Plewka: Auf Festivals und Konzerte zu gehen ist heute wie ein Kinobesuch. Jede Familie geht einmal im Monat auf ein Konzert. Das ist gut für uns, denn die Leute kaufen weniger CDs. Das macht sich auch hier in Scheeßel bemerkbar. Das Publikum ist bunt gemischt, alt und jung.

Haben es neue Bands heute schwerer oder leichter als früher?

Neander: So und so. Durch das Internet hat sich vieles verändert. Man braucht als Band nicht mehr einen Riesen-Apparat hinter sich und kann direkt an die Menschen rankommen. Auf der anderen Seite haben es Bands schwer, die keine clevere Marketingidee haben und einfach nur gute Musik machen.

Die Fotos vom Sonntag

Hurricane Festival - Der Sonntag

Party auf dem Hurricane

Party auf dem Hurricane Festival

Fühlen sie sich als Wegbereiter für deutschsprachige Musikgruppen, die in den vergangenen Jahren verstärkt hervorgekommen sind?

Neander: Damals war es schon so, dass häufig gefragt wurde: ‚Warum singen die auf deutsch?‘ Danach fragt heute keiner mehr.

Inwiefern bestimmt die deutsche Sprache ihre Songs?

Plewka: Wenn man auf Deutsch singt, ist das authentischer, weil es die Muttersprache ist. Tagebuch schreibt man auch nicht auf Englisch. Ich glaube, dass die Kraft des Augenblicks darin verankert ist. Es macht einen momentaner.

Luftbilder vom Festival

Im Auge des Hurricanes - Scheeßel von oben

Sie waren sehr lange von der Bildfläche verschwunden. Haben Sie damit gerechnet, dass sie so erfolgreich zurückkehren würden?

Neander: Überhaupt nicht. Der größte Erfolg war, dass wir wieder miteinander klarkamen. Ich habe mit Jan zehn Jahre nicht gesprochen. Dann haben wir Musik gemacht und gemerkt, dass es noch funktioniert. Das war ein großes Geschenk. Wir wussten nicht, was passiert. Aber es war klar, dass wir Musik machen wollen.

Wie fühlt es sich an, so früh am Nachmittag auf der Bühne zu stehen?

Neander: Es ist ein Herausforderung. Man muss sich mehr ins Zeug legen. Wir sind besonders gut, wenn es Widrigkeiten gibt. Dann kommt bei uns diese jetzt-erst-recht-Nummer.

Plewka: Der Adrenalinschub, wenn man auf die Bühne geht, hebt Zeit und Raum auf.

Erhofft Sie sich, auf dem Hurricane neue Fans zu erspielen?

Plewka: Klar. Wir haben eine Autogrammstunde gegeben, da waren nur junge Leute. So: ‚Kannst du mir ein Autogramm für meine Mutter geben?‘ (lacht)

Gibt es Bands auf dem Hurricane, die Sie inspirieren?

Neander: Arcade Fire.

Plewka: Portishead und Kashmir, die waren unglaublich.

Sind Sie früher selbst als Besucher auf Festivals gewesen?

Neumann: Früher nicht, aber letztes Jahr war ich als Besucher auf dem Hurricane, mein erstes großes Festival. Das war super.

Hurricane am Samstag

Hurricane 2011: Der Samstag - Teil 1

Hurricane 2011: Der Samstag - Teil 2

Hurricane 2011: Der Samstag - Teil 3

Können Sie sich vorstellen, als Band mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten?

Neander: Ich glaube nicht. Dafür ist unser Kreis zu besonders.

Plewka: Wir als Hippie-Band sind was das betrifft ziemlich unhippiesk.

Wie sehen ihre Zukunftspläne aus?

Neander: Wir schreiben gerade an neuen Sachen, sammeln Ideen. Der Plan ist, solange wir können zusammen Musik zu machen. Mal gucken, ob es klappt. Momentan fühlt es sich gut an.

Wie entsteht ein Selig- Song?

Neander: Auf jede erdenkliche Weise, mal beim Jammen, mal zu zweit mit Akustik-Gitarre. Einer hat eine Idee oder erzählt von einem Gefühl, was Jan dann aufschnappt.

Plewka: Jeder in der Band ist sehr individuell, spielt sehr charakteristisch, das fließt alles in unsere Musik ein.

Gibt es Songs, die Sie nicht mehr spielen wollen?

Plewka: „Knocking On Heavens Door“. Guns N’ Roses haben Bob Dylan gecovert und sich danach aufgelöst. Wir haben ein Bob Dylan Cover gemacht und uns danach getrennt. Never cover Bob Dylan!

Was ist ihr Lieblingslied von Selig?

Plewka: Das ist unterschiedlich. Das Intro „5.000 Meilen“ von unserer aktuellen Platte mag ich gerne. „Ohne Dich“ ist ein Volksgut geworden. Das ist so schön, wenn man da vorne steht und die Energie aus dem Publikum spürt. Eigentlich ist das unsere Galionsfigur.

Neander: Songs wie „High“ und „Bruderlos“ haben diese gemeinschaftliche Energie, da steh ich sehr drauf.

Neumann: Aus der „Hier“-Zeit mag ich noch sehr gerne „So träum ich“. Ein tolles Lied, was wir aber nie gespielt haben. Auf der jetzigen Platte ist ein super trauriges Lied drauf, das kann ich mir eigentlich nicht anhören, ist aber großartig: „Du fährst zu schnell“.

Sie vergleichen ihre Band gerne mit einer Beziehung. In welcher Phase befinden sie sich gerade. Sind sie noch frisch verliebt?

Plewka: Auf gar keinen Fall, das verliebt sein ist vorbei! (lacht)

Haben Sie Angst, dass die unbeschwerte Zeit vorbei geht und für ihre Band wieder schwierige Zeiten anbrechen könnten?

Neumann: Das ist auch eine Herausforderung. Wenn es einfach so läuft, fängt man an, bequem zu werden. In schwierigen Zeiten entwickelt man sich.

Der Tag danach...

Vorbei: Das Festival-Gelände am Montag

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