„Gildeshauser Familie“

Schuhcreme für Fliege – Säge für den Stock

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Stolz zeigte sich damals Mutter Paula Johannes, ihre Söhne hatten es 1994 geschafft: Hermann (links) wurde Schaffer der Wildeshauser Schützengilde, und Thomas holte den Papagoy von der Stange und wurde König.

Wildeshausen - Die Bezeichnung „Gildeshauser Familie“ ist bei der Familie Johannes zweifelsohne nicht fehl am Platze. Wir haben mit Thomas Johannes, Gildekönig aus dem Jahr 1994, und seiner Frau Michaela gesprochen. Und sie hatten viel zu berichten.

„Im vergangenen Jahr ist unser Sohn Arne als vorerst letzter der Familie Johannes in die Gilde eingetreten – 25 Jahre nach mir“, berichtet sein Vater Thomas, der sehr stolz darauf ist, dass diese Tradition auch weiterhin fortgeführt wird. Auf die Frage, ob er es freiwillig gemacht habe oder doch gezwungen worden sei, antwortet Arne augenzwinkernd: „Mein Vater hätte mich enterbt, wenn ich es nicht getan hätte.“

„Als Vater kann ich die Aussage nur bestätigen. Ist doch die Mitgliedschaft in der Gilde wahrlich Familientradition“, so Johannes. Als Erstem der Familie wurde Arne die Ehre zuteil, dass er als Rekrut bei der Vereidigung auf der Herrlichkeit mit an der Fahne stehen durfte, um den Eid abzulegen.

2009 wurde Arne bereits Kinder-Vizekönig. Nach seinem Probejahr ist er an seinem 18. Geburtstag dann offiziell von seinem Pfingstclub „Legenden in Schwarz“ aufgenommen worden und gehört seitdem fest zur Gildefamilie.

„Sein Großvater, unser Vater Josef Johannes, trat relativ spät in die Gilde ein. Die Jahre des Zweiten Weltkrieges und die lange Zeit der Kriegsgefangenschaft hatten ihn so sehr geprägt, dass es etwas dauerte, bis er überzeugt werden konnte“, erzählt Johannes. Zum Eintritt in die Gilde gebe es eine lustige Geschichte: „Unser Vater ist damals doch tatsächlich mit weißer Fliege und Handstock erschienen. Diesen Stilbruch hatte er seinem Schwiegervater Hans Schlüter zu verdanken“, berichtet Johannes. Sofort sei für einige Gildemitglieder klar gewesen, dass schwarze Schuhcreme für die Fliege und die Säge für den Handstock fällig werden. „Einige Jahre ist er mit Georg Süß und unseren Onkels Heinz Liebelt und Heinz Laqua, der als einziger noch lebt und 2008 seit 50 Jahren in der Gilde war, ausmarschiert.“

Ein weiterer Onkel, Rudi Schlüter, war 1949 Kinderschaffer. Hier erzählte ein Kamerad in der Königskompanie, dass jahrelang ein „Verrückter“ immer von der Pionierbrücke mit Frack und Zylinder in die Hunte gesprungen sei. „Als ich herzhaft über die Geschichte lachte, schaute er mich zweifelnd an und fragte, ob ich das von meinem Onkel etwa nicht wusste“, erzählt Thomas Johannes.

Großvater Johannes (Hans) Schlüter, genannt der „Alte Schedder Quest“, ist 1920 in die Gilde eingetreten und war fast 40 Jahre Wachetrommler. Es ist belegt, dass es nicht ein Gildefest gab, an dem er nicht teilgenommen hat. Weitere Schlüters werden in der Historie der Gilde benannt – bis hin zu einem Heidenreich Schlüter, der im Dreißigjährigen Krieg dabei ertrank, die Gebeine des heiligen Alexanders zu retten, die von den Schweden bei der Erstürmung Wildeshausens in die Hunte geworfen wurden. „Ob er unser Vorfahre war, kann nicht bewiesen werden. Aber das Gegenteil auch nicht“, kommentiert Thomas grinsend.

Mutter Paula Johannes, geborene Schlüter, brachte vier Jungs zur Welt. Zwei davon, Oswald und Vinzenz, waren 1968 und 1969 nacheinander Kinderkönige. Und 1994 gelang es Hermann und Thomas, zeitgleich Schaffer und König zu werden. „Während des Geburtstages meines Patenkindes Sabrina erzählte mir mein Bruder, dass er gerne Schaffer werden möchte. Spontan ließ ich mich zu der Aussage hinreißen, dass ich dann auch König werde“, erzählt Johannes.

Die Monate vergingen und die Geschichte war für Thomas bereits in Vergessenheit geraten: „Als mein Bruder mich im Februar 1994 aber anrief und mir mitteilte, dass er Schaffer wird und ich nun wüsste, was ich zu tun hätte, war ich natürlich in Zugzwang“, erinnert sich Thomas. Während des Königsschießens habe Schwiegervater Josef Schmidt, der seit 52 Jahren Gildemitglied ist, hinter ihm gestanden, um ihn anzufeuern: „Und es hat dann tatsächlich geklappt. Seit 1932, nach den Kern-Brüdern, gelang es wieder einem Bruderpaar gemeinsam diese Ämter zu besetzen. Böse Zungen behaupteten damals, wir hätten Geld an die Gilde dafür gezahlt. Man kann sicherlich erkennen, dass wir alle etwas gildeverrückt sind aber so bekloppt dann doch nicht.“

Der Spaß stand und steht für die Familie Johannes stets im Vordergrund. „Das gilt auch für meinen Sohn, der in keine Fußstapfen treten muss. Es kommt, wie es kommt. Doch gönne ich ihm natürlich, auch einmal König der Gilde zu werden. Ein solches Jahr ist und bleibt unvergesslich. Aber Oberst? Mit Hermann hat unsere Familie die vergangenen fünf Jahre den Hauptmann der Wache gestellt. Wenn alles gut geht, wird er dieses Jahr Major und irgendwann Oberstleutnant. Dann könnte Schluss sein. Einen Oberst hatten wir jedoch noch nicht in der Familie.“

jd

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