Drei Tage Anarchie

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Festival, geordnetes Chaos und ein Hauch von freier Liebe – das ist auch 40 Jahre nach Woodstock durchaus noch ein Thema.

Hamburg / Scheeßel - Von Michael Krüger - 15 Festivals pro Sommer, hunderte Konzerte und Tourneen, 80 Mitarbeiter, die für den Spaß der Jugendlichen arbeiten: Die Hamburger Firma FKP Scorpio ist Europas größter Festival-Veranstalter.

Bei Jasper Barendregt (Organisation) und Stephan Thanscheidt (Booking) laufen alle Fäden zusammen – sie entscheiden, was sich abspielt. Der 34-jährige Thanscheidt bucht, der 39-jährige Barendregt plant. Der Erfolg von Hurricane und Co. ist ihr Werk.

Heute muss alles bequemer und sauberer sein. Trotzdem wälzen sich die Kids tagelang im Festival-Dreck. Warum eigentlich?

Stephan Thanscheidt

Stephan Thanscheidt: Die Kids wollen was erleben. Sie wollen ihre Lieblingsbands sehen, sie wollen drei Tage Gas geben. Mit ihren Freunden machen sie daraus einen Abenteuer-Musik-Kurzurlaub. Der Mix aus allem macht die Faszination eines Sommerfestivals aus.

Jasper Barendregt: Die Kids nutzen Festivals auch, um ganz neue Musikarten zu entdecken. Es ist ein bisschen wie MTV: Du gehst von einem Musikstil in den nächsten.

Ist Musik denn wirklich so wichtig beim Festival?

Thanscheidt: Ein gutes Musikprogramm reicht nicht. Ein Festival muss auch einen super Service haben, sicher sein, die Atmosphäre muss kreiert werden. Aber dass Musik wichtig ist, sehen wir an den Verkaufszahlen: Wenn wir große Namen bestätigen, gehen die Zahlen nach oben.

Barendregt: Vor 15 Jahren war das reine Line-Up-Festival der Höhepunkt eines Sommers. Heute zieht es immer mehr Richtung Komplett-Event. Alle großen Veranstalter machen immer mehr drumherum. Es soll ein Gesamtkunstwerk werden, wo die Leute ihren Kurzurlaub verbringen können rund um die Musik. Das große Ziel ist, das Festival aufgrund des Namens zu etablieren. Die Leute sollen zum Hurricane fahren, ohne genau zu wissen, wer spielt, weil sie sich auf das Festival verlassen können. Wir sprechen dann vom „Wacken-Phänomen“, wenn man eine Nische bedient: Dann kommen die Leute, weil sie wissen, dass es einfach immer gut ist.

Was ist an einem heutigen Festival anders als noch vor 20 Jahren?

Thanscheidt: Die Leute sind verwöhnter. Das ist aber gar nicht schlecht, denn es spornt uns an, den Service zu verbessern. Es gibt heute viele Leute, die nicht mehr das ganze Wochenende über bis zum Hals in leeren Bier- und Raviolidosen sitzen wollen. Dafür haben wir das „Green Camping“ eingeführt – dort ist es leise und sauber.

Barendregt: 1997 reichte es beim Hurricane noch aus, einen Lkw hinzustellen und den Rasen abzumähen. Aber wir sind verpflichtet, das weiter zu entwickeln. Trotzdem ist es immer noch ein wenig wie in Woodstock vor 40 Jahren: Man kommt zusammen und feiert drei Tage Anarchie in gewissen Grenzen. Das bleibt auch so – selbst mit besseren Toiletten.

Was wird sich noch verändern zukünftig?

Barendregt: Ich will noch immer ein Riesenrad auf einem Festival. Ich glaube aber, das wird nie kommen.

Thanscheidt: Nein. Aber derzeit gibt es viele Veränderungen mit Apps und mobilen Anwendungen sowie neuen Bezahlsystemen.

An Bierdosen, Zelten und lauter Musik wird sich wohl nichts ändern...

Thanscheidt: Das ist ein Faktor des Festivals, den die Leute lieben. Wir schaffen auch Alternativen für die, die anders leben wollen. Aber es wird immer einen großen Prozentsatz an Leuten geben, die sich komplett ausklinken wollen.

Wie lange wird ein Festival wie das Hurricane mit seinen 70 000 Besuchern geplant?

Thanscheidt: Mit den Headlinern für nächstes Jahr spreche ich bereits jetzt schon. Alles andere geht dann im Herbst nach der Saison richtig los.

Wenn FKP Scorpio anruft – kommen dann die Bands, oder muss man schauen, wer gerade unterwegs ist?

Thanscheidt: Es gibt viele Agenten, die an uns herantreten. Andersherum fragen wir auch viele Bands an, die wir gerne haben wollen. Man muss schnell sein, sonst spielen sie woanders – und dein Traum-Line-Up kannst du abhaken. Wir sprechen uns da mit den Veranstaltern der anderen Festivals in Europa auch ab, bis es passt. Das läuft sehr kollegial ab.

Wie weiß man denn im Winter, dass eine Band im Sommer angesagt ist?

Thanscheidt: Das ist meine größte Herausforderung. Ich muss sehr nah dran bleiben an den Szenen. Ich gehe zu vielen Konzerten, ich höre unglaublich viel Musik, ich lese alle Musikmagazine. Und wenn mal ein Kollege ins Büro kommt und sagt, dass wir die Band XY unbedingt buchen müssen, dann bin ich auch dafür dankbar. Daraus forme ich mir dann ein Bild und hoffe, dass ich richtig liege.

Gibt es Musik, die Ihnen persönlich völlig auf den Zeiger geht, die sie aber buchen müssen?

Thanscheidt: Ja. Allein das Hurricane ist musikalisch so breit aufgestellt, das kann man gar nicht alles mögen. Und dann machen wir ja auch noch ein Gothic-Festival... Ich muss die Bands richtig einschätzen können, das ist meine

Aufgabe.

Electro, Folk, Metal: Passt das alles gemeinsam auf ein Festival?

Thanscheidt: Man muss vorsichtig sein und darf nicht alles einfach stumpf zusammen buchen. Ein Kessel Buntes spricht keinen an, wenn er zu zerfasert ist. Man braucht die frischen Bands, die einen hohen Coolness-Faktor haben, dann gucken die Kids auch über Genre-Grenzen hinweg. „Slayer“ gehen nicht bei uns, „All Shall Perish“ schon – auch wenn die Musik im Grunde die gleiche ist.

Was sind die größten Schwierigkeiten bei Festival-Planungen?

Jasper Barendregt

Barendregt: Die Behörden gucken bei der Sicherheit seit der Loveparade-Katastrophe schon genauer hin. Das ist auch richtig so. So findet eine Trennung von professionellen und weniger professionellen Veranstaltern statt. Unser Konzept hat schon immer gestimmt. Es ist in 15 Jahren Hurricane noch nie etwas Schlimmes passiert. So können wir auch einen Konzertabbruch wie vor zwei Jahren bei Frittenbude im Zelt, als es einfach zu voll wurde, gut begründen. Sicherheit ist das höchste Gut beim Festival. Schon ein gebrochenes Bein bei einem Festival ist für uns zu viel.

Thanscheidt: Dafür lassen wir uns dann auch gerne Bierbecher an den Kopf werfen, wenn wir es verkünden.

Wie viele Menschen arbeiten für ein Festival wie das Hurricane?

Barendregt: Wir bauen eine Kleinstadt für 70 000 Leute auf. Neben den 1 000 Sicherheitsleuten sind bis zu 4 000 Menschen vor Ort, um alles am Laufen zu halten.

Einen Wunsch frei: Welche Band?

Thanscheidt: „Rage Against The Machine“. Die hatten wir für 2010 schon gebucht, dann haben sie ihre Tourpläne geändert. Und Radiohead, auch wenn sie schon mal da waren. Wir haben auch lange dran gearbeitet, die „Beastie Boys“ nochmal zu holen, aber das geht ja nun leider nicht mehr (im Mai starb Mitbegründer Adam Yauch).

Und jetzt mal ehrlich: Die meisten Rockstars sind doch unerträglich, oder?

Thanscheidt: Es gibt immer mal wieder Bands, die aus der Reihe fallen. Mal ganz große, mal ganz kleine. Aber eine Künstlergarderobe hat bei uns noch niemand zerstört. Dieses „Ami-Rock-Gehabe“ und die großen Allüren haben wir selten. Vielleicht, weil wir die Bands so gut behandeln. Meistens geht es darum, ob eine Band noch eine Flasche Schnaps bekommt oder nicht. Da lassen wir mit uns sprechen, sagen dann aber Nein, wenn es gut ist.

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